Mit großer Schere zum Müller-Thurgau

Ein Informatiker ist heute Weinbauer in Radebeul

Die Lese ist eigentlich das Schönste am Wein, beim Rest sieht man den Aufwand ja nicht", sagt Lutz Gerhardt. Der große Mann von Anfang vierzig, gekleidet mit dunkelblauen Hosen speziell für draußen und festen Schuhen, ist auf dem Weingut in Radebeul bei Dresden aufgewachsen, auf dem er jetzt arbeitet. Vor fünf Jahren entschied er, den Familienbetrieb weiterzuführen. Dabei kommt er aus der IT-Branche, studiert hat er Informatik und lange in einer internationalen Firma gearbeitet. "Gelernt habe ich eigentlich nicht, wie alles funktioniert. Aber ich habe früh bei meinem Vater mitgeholfen, so wusste ich, wie alles geht." Dem Vater gehörte der Weinberg früher, er produzierte hier als Hobby einige Flaschen. Gerhardts Gut ist verhältnismäßig klein. Es hat einen Hektar Fläche und um die 4500 Weinstöcke. Produziert werden daraus 4000 bis 6000 Flaschen Wein. Diese vertreibt Lutz Gerhardt fast alle im Eigenbetrieb. Er hat ein kleines Restaurant, das am Wochenende und zu Weinfesten geöffnet wird. Angeboten werden selbstgemachte Flammkuchen. Auch ein hübsch renoviertes Fachwerkhaus mit Ferienwohnungen steht auf dem Grundstück.

Anders als viele Weingüter in Sachsen hat dieses Grundstück keine Steillage, sondern besitzt nur einen sanften Anstieg. Der Einsatz von Maschinen, zum Beispiel zur Bewässerung, ist also einfacher. Der Großteil aller Arbeiten findet dennoch von Hand statt. Die Lese der sieben verschiedenen Weinsorten beginnt Ende September. Das Wetter ist gut an diesem Tag. "Die Trauben könnten gut noch eine Woche länger hängen, aber wenn es dann regnet, wäre es nicht gut."Gerhardt geht bei der Lese mit zur Hand, jede Hilfe wird gebraucht. An diesem Sonntag geht es um acht Uhr morgens los. Die Helfer finden sich ein, jeder in praktischen Klamotten. Es sind ungefähr zehn Personen. Die meisten sind Freunde oder Bekannte des Winzers, darunter auch Menschen, die eine Auszeit vom Alltag brauchen. "Das ist für viele eine entspannte Tätigkeit am Wochenende nach der Arbeit, man hat was für die Hände und kann seinen Gedanken dabei freien Lauf lassen." Die meisten kennen sich schon von der letzten Lese, die Stimmung ist gut. Es wird gequatscht, danach nimmt sich jeder eine große Gartenschere, und die Arbeit an den Reben beginnt. An diesem Tag werden Kerner und Müller-Thurgau geerntet, beide sind Sorten mit weißen Trauben. Es können jedoch nicht alle Trauben verwendet werden. Die schlechten lassen sich gut erkennen, sie sind violett verfärbt. Außerdem riechen sie leicht verfault. Immer wieder sieht man jemanden, der seine Nase zwischen die Trauben steckt und danach die schlechten auf den Boden wirft. Sie fungieren dann als Dünger für das nächste Jahr. Gedüngt wird generell nur mit natürlichen Stoffen, zum Beispiel mit Pferdemist, Holz oder mit verschimmelten Trauben. Daraus baut sich Nährstoffschicht unter dem Boden auf. Auf mehrere Dinge muss dabei beim Wuchs des Weines geachtet werden. Viele Insekten bauen ihre Nester zwischen den Trauben oder ernähren sich von diesen. Die häufigsten sind Ohrenkneifer. Sie sind nicht die eigentlichen Schädlinge für die Trauben. Die wirkliche Gefahr verbirgt sich in den Pilzkrankheiten. Gegen diese sind die Trauben nicht immun, also muss nachgeholfen werden. Konventionell nimmt man dazu Schwefel und Kupfer, um diese Krankheiten einzudämmen. "Das Beste sind jedoch immer noch kalte Winter", erklärt Gerhardt, "diese töten die Erreger gleich ab."

Nach dem Ernten werden die Weintrauben nach Qualität aufgeteilt. Unten, am Anfang des Grundstücks, gibt es weniger Sonnenstunden, die Trauben sind dementsprechend auch weniger süß und saftig. Die Qualität ist geringer. Hieraus wird vor allem Federweißer und Glühwein gemacht. Der Winzer wirft die Trauben in die Weinpresse. Das ist eine große Metallröhre, die in einem kleinen, vollgestellten und dunklen Raum steht. Auf einem Regalbrett stehen Reagenzgläser, es sieht ein bisschen aus wie in einem Chemielabor. Links neben der Tür stehen zwei silberne Tanks, Schläuche gehen von ihnen ab. Am Boden liegen Reste von Trauben, der Geruch von Trauben und Schwefel liegt in der Luft. Die weniger guten Trauben werden in der Presse zerdrückt. Zuerst mit allem, das heißt auch mit Ohrenkneifern und anderen Insekten, sie werden später herausgefiltert, damit keine unangenehmen Überreste im Wein zu finden sind.

Nach der ersten Pressung lagert der Wein für ein bis zwei Stunden in seinem eigenen Sud, angereichert mit Sulfiten, die einen starken, unangenehmen Geruch abgeben. Diese gibt der Winzer selbst hinzu. Er nimmt dazu einen Messbecher, misst die richtige Menge an Pulver ab. Die Weintrauben mit guter Qualität kommen zuerst in einen Tank. Die Metallzylinder nehmen den Großteil des Raumes ein. Diese werden nun luftdicht mit großen, runden Deckeln verschlossen, auch hier werden Sulfite hinzugegeben. Durch den Deckel tritt keine Oxidation ein, die die Trauben zu Essig verarbeiten könnte. Nach einiger Zeit in ihrem eigenen Sud kommen auch diese Trauben in die Presse. Nach der Pressung wird der Wein in den Keller verlagert, mit langen Leitungen einmal quer über den Hof. Dort lagert er sieben bis acht Monate in einem Edelstahltank, bis er in Flaschen gefüllt wird. Die Trauben fangen schon nach ein bis zwei Tagen zu gären an. Um die richtige Gärzeit und den angemessenen Alkoholgehalt zu finden, hat Lutz Gerhardt ein paar Ernten gebraucht. Der Preis für eine Flasche von ungefähr 14 Euro pro 0,75 Liter setzt sich aus verschiedenen Faktoren zusammen, zum Beispiel den Kosten für die Maschinen, die trotz der vielen Handarbeit genutzt werden. "Würde ich die ganze Arbeitszeit, die ich investiere, auf den Preis der Flaschen berechnen, würde es keiner mehr kaufen", sagt Lutz Gerhardt.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.06.2018, Nr. 132, S. 26 - Lilly Böll

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