Geigenbauer Stengel widmet sich Schönem
Manchmal bleibe ich bis zehn Uhr hier, weil ich unbedingt noch wissen möchte, wie das Ding klingt", erklärt Guido Stengel verschmitzt. Der Geigenbaumeister sitzt in einem kleinen, gemütlichen Zimmer in seiner Werkstatt in Münster, die er von seinem Vater übernommen hat. In der Luft liegt ein leichter Duft von Holz und Kolophonium, einem Baumharz, mit dem die Haare eines Geigenbogens eingerieben werden. Sogar sonntags geht der Mann mit den blaugrauen Augen gerne seiner Arbeit nach. Das war aber nicht immer so. Nach einem abgebrochenen BWL-Studium entschied er sich anfangs etwas widerstrebend für eine Ausbildung an der Staatlichen Berufsfachschule für Instrumentenbau im oberbayerischen Mittenwald, die neben der Berufs- und Berufsfachschule "Vogtländischer Musikinstrumentenbau" Klingenthal eine der wenigen Ausbildungsstätten für Geigenbau in Deutschland ist. Nach mehreren Jahren praktischer Arbeit in Erlangen und Regensburg und seiner Meisterprüfung 1995 in Hamburg hat der Familienvater viel Erfahrung im Bau, der Reparatur und Restauration gesammelt. "Mittlerweile bin ich niemandem mehr verpflichtet", sagt er .
Weil die Geschäfte gut laufen, kann der 53-Jährige sich seit einigen Jahren auf die Aufgaben konzentrieren, die er gerne ausführt, ohne sich Sorgen um seine Existenz machen zu müssen. Dazu zählt die Restauration alter Geigen und Bögen. "Ich mach nur noch Sachen, auf die ich Lust hab", verrät er und lacht. "Witzigerweise bringen die schönen Sachen sogar mehr Geld." Auch neue Instrumente baut der Meister, jedoch nur noch zwei bis drei im Jahr. Die Geschmäcker seiner Kunden sind verschieden, bisher hat jede seiner Geigen einen Käufer gefunden, sogar die wenigen, die später nicht so klingen, wie er es sich vorgestellt hatte. Im Gegensatz zu seiner Schwester und seinem Vater hatte Stengel nie vor, professioneller Musiker zu werden. "Meinem Vater haben sie damals gesagt, er soll etwas Vernünftiges machen. Deshalb hat er einen handwerklichen Beruf erlernt." Darüber, ob der Familienberuf von seiner Tochter, die noch die Schule besucht, übernommen werden wird, macht er sich noch keine Gedanken.
Von Tradition geprägt ist das eher männlich dominierte Arbeitsfeld bis heute. Für die Reparatur von Geigen benötigt man Fingerspitzengefühl, die handgefertigte Streichinstrumente unterscheiden sich nicht ohne Grund preislich von industriell hergestellter Massenware. Je nachdem, wie weit der Rohkörper der Geige schon vorgefertigt ist, wenn er ihn bestellt, muss er die restliche Feinarbeit am Holz, die den Klang ausmacht, selbst durchführen. Dies kann eine körperliche Belastung sein, wie ein Blick auf die Hände des Hobbykampfsportlers beweist, auf denen kleine Kratzer und Schrammen zu erkennen sind.
Guido Stengel unterscheidet selten zwischen Arbeit und Freizeit. Wenn man ihn nicht in seiner Werkstatt antrifft, macht er Fitnesstraining, geht ins Kino oder unternimmt etwas mit seiner Familie. Auch wenn sich die Interessen vieler Jugendlicher geändert haben, denkt der Geigenbauer nicht, dass sein Beruf ausstirbt. Er hat noch vor einigen Jahren junge Menschen in seinem Fach ausgebildet. Besonders in den 80er und 90er Jahren habe es eine große Welle an aufstrebenden Instrumentenbaulehrlingen gegeben, erinnert er sich. Im Jahr 2016 wurden in Deutschland nur 14 Gesellen- und 11 Meisterprüfungen abgelegt. Zurzeit sind 178 Geigenbaubetriebe bei der deutschen Handwerkskammer verzeichnet. Der Großteil der Werkstätten befindet sich im Süden Deutschlands, doch auch im Münsterland haben sich einige niedergelassen. Dadurch entsteht Konkurrenz, das sieht der Münsteraner entspannt: "Wenn man sich abends nur auf das Portemonnaie konzentriert, macht das Leben keinen Spaß."
Neben ihm, an der einzigen Wand im Raum, die nicht von Streichinstrumenten verdeckt wird, hängen viele Fotos berühmter Musiker, größtenteils in Schwarzweiß und teilweise mit Widmung und Autogramm. Auf einem ist Stengel selbst zu sehen, der neben David Garrett in die Kamera lächelt. Mit einem Blick auf einen lokalen Zeitungsartikel stellt er klar: "Ich hänge nicht nur Fotos von bekannten Leuten auf. Jeder Kunde kann hier sein Bild mitbringen, wenn er möchte."
Die zentrale Lage seiner Werkstatt im Herzen von Münster schätzt der humorvolle Mann: "Es ist wunderschön hier, und eigentlich bin ich auch zu faul, umzuziehen." Doch der Standort sei nicht der wichtigste Faktor. Die rasante Digitalisierung mache nicht vor dem traditionellen Geigenbau Halt. "Das Internet muss kein Nachteil sein." Früher war vieles persönlicher und regionaler, heute lassen sich durch seine Website viele neue Kunden erreichen, die bestmöglich beraten werden möchten. Unter seinen Stammkunden sind Berufsmusiker des Sinfonieorchesters des benachbarten Theaters Münster. Falls es ein Erfolgsrezept gibt, ist dies für Stengel die Leidenschaft an der Sache: "Geigenbau ist mehr als ein Beruf, es muss auch ein Hobby sein."