Ein Berliner baut indianische Flöten
Irgendwo auf dem amerikanischen Kontinent: Ein Mann eines indianischen Volkes sitzt am Ufer eines Flusses, seine langen, schwarzen Haare sind mit bunten Federn verziert. Er nimmt eine Flöte und hüllt mit der Melodie die anderen in berauschende Trance, selbst die Wölfe lauschen aufmerksam-friedlich. Dieses Szenario haben viele im Kopf, wenn sie das Wort "indianische Flöte" hören. Christopher Ciccone, Angestellter eines Automobilzulieferers in Bad Neustadt an der Saale widmet sich seit zehn Jahren dem indianischen Flötenspiel und baut indianische Bambusflöten.
Seine Leidenschaft für Musik begann im Alter von 16 Jahren, als er Gitarrenunterricht nahm und seinen Idolen der Fingerstyle-Szene nacheifern wollte. "Der Geschmack meines Lehrers war sehr klassisch ausgelegt, ich bevorzugte den Freestyle." Ciccone brach den Unterricht ab und brachte sich das Spielen selbst bei. Schnell merkte er, dass ihm zu wenig Zeit zur Verfügung stand. "Die Musiker, die ich bewunderte, machten die Musik zu ihrem Beruf und übten bis zu acht Stunden am Tag. Das konnte ich nicht."
Er gab das Gitarrespielen vorerst auf, weil er beruflich stark eingespannt war, wollte aber nicht auf die Musik verzichten. "Ich fragte mich, welches Instrument man schnell erlernen könne, ohne viel Zeit und Arbeit investieren zu müssen." Er nutzte Youtube als Informationsquelle, sah die Vorschau eines Videos des Musikers Allen Bruce Ray, der etwas in der Hand hielt, das er nicht erkennen konnte. Die erste Begegnung Ciccones mit der indianischen Flöte. Sie brauche keine Übung, um gespielt zu werden. Ciccone war begeistert: "Jede Blockflöte ist schwerer zu erlernen. Man befindet sich rein in der Welt der Improvisation."
Heute ist er Anfang 30, verheiratet und Vater. "Es braucht ein hohes Maß an Selbstdisziplin, um sich nach einem langen Arbeitstag und Zeit mit der Familie noch einmal hinzusetzen und zu üben." Die Anschaffung einer indianischen Flöte sei schwierig. In Deutschland gibt es nur vereinzelt Flötenbauer, die vor allem edel verarbeitete Flöten herstellen, und die haben ihren Preis: "Mit 500 bis 800 Euro muss man schon rechnen." Ciccone fand aber einen Flötenbauer in Berlin, der ihm eine Flöte aus Kiefernholz für 70 Euro verkaufte. "Als Einstiegsmodell hat das gereicht. Ich habe ein paar Töne gespielt, und es war um mich geschehen. Ich wollte diese Welt entdecken."
Er suchte weiter im amerikanischen Raum. Dort kostet eine Flöte 100 bis 300 Dollar. "Ich habe jeden Monat eine Bestellung aufgegeben, zu Spitzenzeiten hatte ich 50." So lernte er auch, dass es nicht nur eine Art indianischer Bambusflöten gibt. "Es gibt zwei Arten von indianischen Flöten: Eine native American flute darf nur ein Flötenbauer mit indigenem Hintergrund bauen. Dagegen kann jeder eine native American style flute bauen." Heute besitzt Ciccone noch 50 Flöten, die Hälfte davon ist Eigenbau. "Denn die meisten Flöten sind linear positioniert." Häufig verursacht das beim Spielen Krämpfe in den Fingern. "Was einem im Weg ist, ist die eigene Anatomie. Irgendwann kam ich dann auf die Idee, dass ich doch selbst so ein Ding bauen könnte."
Er stieß auf die Homepage von Eric Sampson, einem Flötenbauer aus Florida. "Das war der Flötenhimmel für mich. Auf der Seite gab es unzählige Flöten, von Moll bis Dur, es gab asiatische Flöten, indianische Flöten aus Bambus." Die Längsflöten aus Bambus begeisterten ihn. "Bambus hat sich für mich als perfektes Material zum Bau einer Flöte herausgestellt. Für Holz braucht man gewisse Maschinen, um eine Flöte herzustellen, das war für mich als Hobbybauer utopisch. Außerdem ist Bambus wegen seines schnellen Wachstums auch aus ökologischer Sicht attraktiv." Für eine Flöte benutzt Ciccone eine Säge, drei bis vier Raspeln, Unmengen an Schleifpapier und Brennstäbe für die Löcher. "Anfangs hat überhaupt nichts funktioniert. Ich hatte keine Bauanleitung, nichts. Alles, was ich weiß, habe ich Eric Sampson zu verdanken. Mit Hilfe seiner DVD Flutemaking 101, in der er einen Teil seines Wissens über Bambus, die Werkzeuge und die Herstellung von Bambusflöten teilt, konnte ich mir fehlendes Wissen aneignen."
Jede Flöte Ciccones ist ein Unikat. Er erklärt den Bau: Das Mundstück besteht aus einer Kerbe, die einem V oder einem U gleicht. Für die Form des Mundstückes hat er sich von der Quena, auch Andenflöte genannt, inspirieren lassen, was ein einfacheres Spielen ermöglicht. "Durch den Hohlraum des Bambus wird automatisch eine gewisse Resonanz erzeugt." Damit die Flöte widerstandsfähig gegenüber Feuchtigkeit und Rissbildungen ist, wird sie sowohl von innen als auch außen mit Walnussöl behandelt. Für den Bau einer Flöte braucht Ciccone fünf bis sechs Stunden. Jedoch baut er keine Flöten im Auftrag. "Das würde die Magie zerstören, zudem könnte ich nie die erforderlichen Mengen an Material beschaffen. Ich hätte das Gefühl, unter Druck arbeiten zu müssen, um genau eine Flöte nach Wunsch herzustellen. Aber selbst ich weiß nicht, welche Tonarten am Ende spielbar sind. Je nach der Beschaffenheit des Bambus und der Flötenlänge entsteht am Ende eine Flöte, die hohe, silbrige Klänge erzeugt, oder eben auch eine tiefe, warme melancholische Stimmung." In der indianischen Kultur wird die Flöte oft zu Zeremonien und Bräuchen eingesetzt. "Sie hat dort einen hohen spirituellen Wert."