Konzentriert in roter Kutte

Im Münsteraner Mädchenchor geht es alles andere als konservativ zu. Drei Sängerinnen über Vorsingen, Reisen, stabile Freundschaften und falsche Vorurteile.

Stimmen füllen das Innere des großen, eindrucksvollen St.-Paulus-Doms von Münster. An die 30 Mädchen stehen hintereinander aufgereiht auf der Treppe des Seitenschiffs und blicken hochkonzentriert in ihre Noten. Wenige Sekunden später erklingen die Töne aus den Mündern der Mädchen zusammen mit denen begleitender Instrumente im hellen Kirchenraum. Einige Besucher des Doms beobachten die jungen Sängerinnen und lauschen den Klängen.

Der Münsteraner Mädchenchor existiert seit 1992 und besteht aus vier Chören für die verschiedenen Altersklassen, wie drei der ambitionierten Mitglieder berichten. "Viele sind schon lange dabei", sagt die 21-jährige Laura Bergmann, die selbst mit elf Jahren eines der Mitglieder ist, das am längsten im Mädchenchor singen. Ludovica von Twickel und Soary Stéphan-Robert unterstützen den Chor seit zehn Jahren. Auf den Chor aufmerksam geworden sind Laura und Soary, als die Chorleiterin in Grundschulen Ausschau nach jungen Gesangstalenten hielt. "Man wird quasi rekrutiert", sagt die braunhaarige Soary lachend. Sie hat im vergangenen Jahr ihr Abitur abgelegt und möchte gerne Choreographie studieren.

Wenn Interesse bei den Kindern bestehe, komme man um ein Vorsingen nicht herum, denn Voraussetzung für eine Aufnahme in den Chor sei natürlich, dass man etwas Talent für das Singen mitbringe. "Damals, als ich vorsingen sollte, war ich schon etwas aufgeregt", gesteht Laura. Jedoch sei das Vorsingen nichts Schlimmes. Verena Schürmann müsse die Stimmen kennen und einteilen. "Sie muss nun mal sichergehen, dass die Stimme nicht wie ein Reibeisen klingt", fügt Ludovica schmunzelnd hinzu. Sie selbst hingegen wollte schon immer im Chor singen und wurde durch ihre ältere Schwester begeistert.

Dass die Chöre der Dommusik beliebt sind und viele Mitglieder haben, zeigen die vielen verschiedenen Chorangebote des Doms - natürlich auch für Jungen. Die vier Chöre des Mädchenchors gliedern sich nach Altersklassen, beginnend mit dem A-Chor, dann dem B- und C-Chor sowie schließlich dem Vokalensemble, in dem auch Laura, Ludovica und Soary singen. Proben gehört mit zum Programm, und das nicht zu wenig. Zwei Stunden in der Woche studiert das Vokalensemble zahlreiche klassische Stücke ein, zusätzlich erhalten die Mädchen noch Stimmbildungsunterricht. "Das Proben ist auch eigentlich das Anstrengendste", finden die drei einstimmig, aber für den Auftritt muss eben jeder Ton sitzen. Regelmäßig im Rahmen der Messe im Dom sowie zu den Feiertagen tritt das Ensemble auf. Darüber hinaus singt der Münsteraner Mädchenchor bei Konzerten oder anderen Anlässen. Hier zahlt sich dann das teils mühsame Proben aus, denn die Zuhörer sind für gewöhnlich begeistert vom Chor. Meistens funktioniere alles trotz großer Anspannung reibungslos, bis auf ein Ereignis, an das sich Soary noch gut erinnern kann. "Einmal bin ich während der Messe umgekippt, das war mir natürlich etwas unangenehm", gesteht die 18-Jährige.

Neben Proben und Auftritten gehören Probenwochenenden und gemeinsame Fahrten zum Chorleben. Jedes Jahr findet eine solche Reise statt, die Ziele variieren. "Entweder fahren wir zu einem internationalen Chortreffen, oder wir organisieren die Reise privat, aber es ist so oder so immer eine tolle Erfahrung", erklärt Laura, die eine Ausbildung zur zahnmedizinischen Assistentin macht. Schnell werden sich die Sängerinnen einig, was die tollste Reise bisher gewesen sei. "Ganz klar Granada", rufen die drei euphorisch. In der spanischen Stadt traf sich der Chor mit vielen weiteren Chören aus ganz Europa und verbrachte eine tolle Zeit, wie Ludovica mit Begeisterung berichtet. Man lerne sich untereinander besser kennen und habe einfach viel Spaß zusammen, "sogar noch mehr als auf einer Klassenfahrt", sagt Soary, die auch noch Klavier und Gitarre spielt.

Umso größer ist auch die Vorfreude im Chor auf die nächste gemeinsame Reise nach Barcelona, wobei eine der drei beiläufig, nahezu flüsternd, sagt: "Hoffentlich ohne die Jungs", woraufhin alle lachen. Die Tatsache, dass der Chor nur aus Mädchen besteht, ist sicherlich eine der größten Besonderheiten. Die Stimmung im Chor sei einfach gut, denn alle pflegen einen freundlichen Umgang miteinander, so dass mit der Zeit schon viele Freundschaften entstanden seien. "Der Chor schweißt einfach zusammen, wir kennen uns ja auch schon Jahre", erklärt Laura. Schülerin Ludovica kann sich Laura nur lächelnd anschließen: "Selbst die, die man am Anfang nicht besonders mochte, findet man mittlerweile echt nett."

Auch die Offenheit des Chors ist den Mädchen wichtig. Grundsätzlich kann nämlich jeder in den Chor aufgenommen werden, denn die Religion spiele nicht die entscheidende Rolle, sagt Soary, die selbst Protestantin ist. Natürlich stehe der Chor als Teil der katholischen Kirche für christliche Werte und fördere das Hineinwachsen in den Glauben, "aufgezwungen wird aber nichts", erklärt Ludovica. Für viele der Mädchen sei der Glaube auch von Bedeutung, jedoch liege der Fokus in erster Linie auf dem Singen, was von allen als großer Pluspunkt für den Chor befunden wird. Zudem bekomme man im Domchor einfach eine gute Gesangsausbildung, wofür man selbst noch nicht einmal bezahlen müsse, da der Chor vom Domkapitel finanziert wird.

"Man lernt echt viel", findet Laura, wobei insbesondere die Arbeitsatmosphäre angenehm sei. Verena Schürmann, die den Chor seit zehn Jahren leitet, übe nämlich auf freundliche Art und Weise Kritik, wie Ludovica, die neben dem Singen noch Cello spielt, erklärt. Wie lange die drei noch Mitglied im Chor bleiben, ist unklar, denn mit dem Schulabschluss trennen sich häufig die Wege des Chors und der Mädchen. Dennoch bleiben viele ehemalige Mitglieder ein Teil des Mädchenchors, wenn an Heiligabend alle jetzigen sowie ehemaligen Mitglieder zusammen in der Messe singen, was schon fast eine Tradition sei.

Viele bewundern das Können der Mädchen, und daher sei "Sing mal was" eine typische Reaktion auf das eher ungewöhnliche Hobby. Kostproben des Gesangs möchten aber viele Mädchen ungern geben, sie seien ja keine Solistinnen. Doch Laura, Ludovica und Soary sehen das anders. So singt Laura zum Beispiel auch bei privaten Anlässen, räumt aber ein, dass man sich beim Singen wohl fühlen müsse.

"Manche denken, dass wir total konservativ sind oder so, was ja wirklich nicht der Fall ist", betont Ludovica. Liegt das vielleicht an der traditionellen roten Kutte, die die Mädchen bei den Auftritten tragen? Soary bezeichnet die Kutten als "eher hässlich", woran man sich aber mit der Zeit gewöhne. "Sobald ich die Kutte trage und in die Messe gehe, stehe ich noch einmal extra gerade und bin sehr konzentriert. Es macht mich ein bisschen stolz", berichtet dagegen Ludovica, und somit sei es ihrer Meinung nach ein wichtiger Teil, der das Singen im Mädchenchor so besonders macht.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.06.2018, Nr. 138, S. 30 - Greta Rüther

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