Für viele Flüchtlinge ist Lesbos der einzige Zugang zu Routine und Bildung. "Safe Passage" steht am Dorf, in dem sich Helfer bemühen, das Leid der Menschen zu lindern. Gegen Widerstände aller Art.
Auf den ersten Blick scheint es eine gewöhnliche Feriensiedlung zu sein. Es gibt bewohnte Holzhäuschen, eine Großküche, einen überdachten Essplatz, einen Basketballplatz, einige Sportgeräte und einen Garten. Das Erste, was auffällt, sind die neonorangen, ums Tor drapierten Rettungswesten, die die Worte "Safe Passage" ergeben. Ein Kind spielt mit zwei Hunden. Ahmed ist sieben und erzählt in gebrochenem Englisch, er sei mit seiner Familie aus dem Irak nach Griechenland geflohen. Das Camp Pikpa, der Name ist eine Abkürzung für "Patriotische Einrichtung für soziale Vorsorge und Solidarität", nahe der Hauptstadt Mytilini auf der griechischen Insel Lesbos kann nur 150 Menschen aufnehmen. Diese Flüchtlinge haben zumindest ein angemessenes Zuhause im Vergleich zu dem staatlichen Camp in Moria, wo mehr als 6000 Menschen untergebracht sind, davon 3500 außerhalb des Camps in provisorischen Zelten. Im Pikpa-Dorf steht ein altmodisches Wohnmobil mit einer Anzeigetafel auf Englisch und Arabisch. Auf dem Programm steht "Geschichten erzählen", "Gartenarbeit", "Fußball" und "Fitness" mit getrenntem Training für Frauen und Männer. In nummerierten Holzhütten und dänischen Stabilzeltkonstruktionen mit Strom, aber ohne fließend Wasser leben die besonders Bedürftigen - Familien mit Kleinkindern, Behinderte, Verwundete, Alleinstehende, die durch Vergewaltigung bedroht sind, und Homosexuelle. An den Wänden gibt es farbenfrohe Graffiti. Die Bewohner versuchen, sich eine kleine Existenz aufzubauen, stellen Stühle, Tische, Spielzeug vor die Hütten, um eine Art Zuhause zu kreieren.
Neben dem Garten, der auch als Meditationsort genutzt wird, gibt es eine gemeinsame Küche und einen Essensbereich. Dort wird nur für die gekocht, die es allein nicht können. Im Gegenzug müssen sie das Geschirr abwaschen. Alle anderen bereiten sich das Essen selbst in ihren Holzhütten zu. Efi Latsoudi, eine der Gründerinnen und die Leiterin des Camps, meint, dass das Selbstkochen hilfreich für die Erschaffung eines Alltags sei und natürlich ein Stück Heimat und Identität. Im November 2012 wurde der Schlüssel für die Räumlichkeiten überreicht, berichtet die 49-jährige Psychologin. Mit achtzig Geflüchteten, die bislang vor dem Theater campierten, und ein paar Familien, die gerade angekommen waren, ziehen die ersten Bewohner ins Dorf ein. Zuvor stand die Anlage drei Jahre lang leer. Zeitgleich zelteten in der Hauptstadt von Lesbos, Mytilene, Tausende vor dem Stadttheater und am Hafen. Mytilene habe damals wie ein riesiger Campingplatz ausgesehen. Die Inselbewohner brachten Essen und redeten mit den Flüchtlingen, erinnert sich Latsoudi.
Im Frühjahr 2015 drohte die Situation zu eskalieren. In ganz Mytilene und vor allem am Hafen seien die Zustände unerträglich gewesen. Jeden Tag kamen Hunderte von Flüchtlingen an. Sie konnten nirgendwo wohnen und übernachteten am Hafen in Zelten. Thanasis Voulgarakis, ein Mitarbeiter von Pikpa, hielt sich Tag und Nacht an Stränden auf, um die nötige Erstversorgung zu geben. Viele halfen, dennoch gab es Einheimische, die sich über die zahlreicher werdenden Flüchtlinge beschwerten. Damals fand die rechtsgerichtete Partei Griechenlands, die "Goldene Morgenröte", immer mehr Unterstützer. In Mytilene wurde ein Parteibüro eröffnet, bei den Wahlen des griechischen Parlaments im September 2015 schnitt die Partei mit einem Ergebnis von 6,9 Prozent als drittstärkste Kraft ab. Dennoch hat sich ein großer Teil der Bevölkerung den Flüchtlingen gegenüber solidarisch verhalten. Efi Latsoudi und Kostas Mitragas haben 2016 den Nansenpreis, der für humanistischen Einsatz vergeben wird, erhalten.
Latsoudiberichtet, dass die Präfekturverwaltung sowie der griechische Staat nicht nur Pikpa nicht unterstützt, sondern sogar versucht hat, das Camp zu schließen. Doch bisher haben es das Team geschafft, dies zu verhindern.
Für die meisten Gestrandeten ist es nur ein Zwischenstopp, sie wollen weiter. So wie der 22-jährige Kongolese Cedric, der in Thessaloniki Philosophie studieren möchte. In seiner Heimat besuchte er mit 16 Jahren Seminare über das Christentum. So entstand sein Traum, den er nicht aufgeben möchte. Er ist hier nicht der einzige Visionär. Belen Plard ist eine 39-jährige Krankenschwester. Die in Belgien wohnende Französin hat Anfang des Jahres alles stehen und liegen gelassen, um auf Lesbos für drei Monate als Freiwillige in Pikpa und als Krankenschwester in Moria im staatlichen Camp mit den "Ärzten ohne Grenzen" (MSF) zu arbeiten. Weshalb gibt man seine Festanstellung auf, um anderen zu helfen? "Mein Motiv ist politisch", betont sie, "es ist ein leichter Weg, zu protestieren. Gegen den EU-Türkei-Deal, die Passivität der EU und die Stille." Als sie die dramatischen Bilder von der Situation auf Lesbos in den Medien gesehen hatte, entschied sie, aktiv zu helfen. "It is an easy way to give a hand", sagt sie.
Bis heute existiert das Lager durch Geld- und Kleiderspenden sowie die Hilfe engagierter Volontäre und einiger Festangestellter. Um mitzuhelfen, muss man mehr als 23 Jahre alt sein, die Belastung durch die Arbeit mit Menschen in Not sei nicht einfach, sagt Latsoudi. "Vorfälle in der Vergangenheit haben uns diese Altersklausel fürs Camp in Kraft setzen lassen", erklärt Erika, eine festangestellte Mitarbeiterin. "Wer unvorbereitet hier als Volonär mit traumatisierten Menschen arbeitet, kann schnell an die Grenzen seiner psychischen Belastbarkeit geraten." Sie war Volontärin und blieb, "denn der Mensch wird hier als Mensch gesehen und nicht als Geflüchteter oder als Freiwilligenhelfer. Vielleicht ist es das, was diesen Ort so magisch und besonders macht."
In Verbindung mit Pikpa hat ein weiteres Team von Inselanwohnern die Bildungseinrichtung Mosaik gegründet. Der jüngste Schüler ist vier, die älteste Schülerin 94 Jahre alt, sagt Kostas, ein Angestellter von Mosaik. Alle Schüler erhalten eine Busfahrkarte, damit gewährleistet wird, dass sie am Unterricht teilnehmen können. So entsteht im Alltag der Flüchtlinge eine Routine, sie lernen nicht nur Griechisch, sondern auch Englisch, Farsi oder Arabisch. Für viele Flüchtlinge auf Lesbos ist dies der einzige Zugang zu Bildung und einem geregelten Tagesablauf.
Ein weiteres Projekt der Initiative "Lesbos Solidarity" ist der Workshop Safe Passage Bag. Dort stellen Einheimische und Flüchtlinge Taschen aus Schwimmwesten her, die die Geflüchteten an den Stränden hinterlassen haben. In der Nähwerkstatt arbeitet Shoad, der aus Pakistan kommt, aber in Bangladesch lebte. Der 20-Jährige lächelt: "We believe that no human is illegal."