Eine syrische Flüchtlingsfamilie möchte wieder zurück
Ein Sofa, ein Teppichboden, ein Schrank und ein Fernseher stehen in dem kühl eingerichteten Raum. Dass hier noch nicht lange gewohnt wird, lässt sich erahnen. "Ich habe lange überlegt in Syrien mit meiner Familie zu bleiben, aber irgendwann ging es nicht mehr", sagt Ahmad, der mit Frau Hilba und seinen Zwillingsjungen von 2015 bis 2016 auf der Flucht war. Sein Deutsch ist gut. Über seine Situation zu sprechen bereitet ihm jedoch Mühe. Der freundliche Syrer trägt Jeans und T-Shirt, er hat einen kurzen Bart. "Wir sind dankbar dafür, dass wir diese Wohnung erhalten haben." Ihre erste Unterkunft war die Landesaufnahmestelle Meßstetten. Dort waren sie in einem Großraumzelt untergebracht. Intimsphäre gab es nicht. Der Ort, in dem die Familie zurzeit lebt, hat 4200 Einwohner und liegt auf der Schwäbischen Alb, etwa 60 Kilometer von Stuttgart. Ehrenamtliche Helfer üben mit Ahmad und seiner Familie Deutsch und helfen bei Behördengängen und Arbeitssuche. "In Syrien hatte ich meine Autowerkstatt, einen guten Beruf, Geld, ein Haus, viele Freunde und eine glückliche Familie. Jetzt hab ich alles verloren."
Seine Stimme fängt leicht zu zittern an. Im Schneidersitz und barfuß sitzt er vor dem Couchtisch. So ist er es gewohnt. Seine Frau spielt mit den Jungs und dem Baby, das in Deutschland geboren wurde. Sie wirkt schüchtern und trägt einen Tschador, ein Tuch, das die Haare und den Körper bis zur Fußspitze bedeckt. Nur das Gesicht bleibt frei. "Für mich ist es normal, mich im Hintergrund aufzuhalten und mich um die Kinder zu kümmern", sagt die 19-jährige. Wird sie etwas gefragt, so antwortet fast immer ihr Mann. Frauen in Syrien führen den Haushalt und kümmern sich um die Kinder. Einige Frauen haben einen Beruf. Berufe wie Busfahrerin oder Polizistin üben syrische Frauen nicht aus. Als Ahmad und Hilba geheiratet haben, waren beide noch jung. Wie es der Tradition entspricht, haben die Eltern bestimmt, wen Hilba heiraten muss. Sie war einverstanden, die beiden sind glücklich miteinander. Man sieht, wie froh Ahmad ist, dass er wenigstens seine Frau bei sich hat. Am nächsten Tag hat er ein Vorstellungsgespräch bei einer Metall-Firma.
Ahmad ist in Deir ez-Zor im Osten von Syrien geboren. Der Boden seiner Heimatstadt war fruchtbar. Es wurde Getreide und Baumwolle angepflanzt. Ob Sunniten, Schiiten, Alawiten oder Christen - alle haben Tür an Tür gelebt. "Probleme wegen der Religion gab es nicht. Ich habe sehr an der Autowerkstatt gehangen, weil mir die Arbeit dort viel Spaß gemacht hat, aber auch weil die Werkstatt meinem verstorbenen Vater gehört hat. Doch dann kam die Fassbombe und hat viel von unserem Besitz zerstört." Eine Fassbombe ist eine improvisierte Explosionswaffe, die aus Luftfahrzeugen vom IS abgeworfen wurde. Der Ort war stark umkämpft. Zuerst eroberte der Islamische Staat das Gebiet. Viele Zivilisten wurden umgebracht. Dann eroberten Regierungstruppen Teile zurück. Die Stadt wurde in weiten Teilen zerstört. Ahmed wurde dreimal ins Bein geschossen. Am selben Tag bekam sein Vater einen tödlichen Herzinfarkt. Ahmad zog mit seiner Familie weg und eröffnete wieder eine Autowerkstatt mit Wohnhaus. Doch das Leben unter dem IS wurde immer schwieriger. Hiba durfte nur noch in seiner Begleitung das Haus verlassen. Ahmad bekam keine Aufträge mehr. "Die Vorschriften wurden immer strenger. Dann haben wir beschlossen zu flüchten. Es ging einfach nicht mehr."
Er musste sein Haus, seine drei Autos, seinen Gabelstapler und seinen Kran verkaufen, um die Flucht finanzieren zu können. Als die Familie in Deutschland ankam hatte sie noch sieben Euro übrig. Sie flüchteten über die Türkei. Lange lebte die Familie dort. Ahmad arbeitete für drei Monate in einer Karosseriewerkstatt. Sie lebten in einem Zimmer mit acht Personen und zahlten 1100 Euro Monatsmiete. Auf der Flucht nach Deutschland konnten sie nur ihren Koran mitnehmen. Für die Überfahrt zur Insel Lesbos mussten sie in ein überfülltes Schlauchboot steigen. Die Fahrt kostete für jede Person 1200 Euro. Die Kinder bekamen Fieber, da sie zu viel Salzwasser getrunken hatten. Mit Bus, Zug und zu Fuß kamen sie bis nach Deutschland.
"Wir sind froh, dass wir jetzt in Deutschland sind und Sozialhilfe vom Staat bekommen, jedoch wollen wir auf jeden Fall zurück nach Syrien, wenn der Krieg vorbei ist", bricht es aus ihm heraus, nicht nur weil es im Dorf keine andere arabische Flüchtlingsfamilie gibt, sondern weil die Kultur so anders ist. "Hier gehen die Frauen allein einkaufen, was in Syrien nicht der Fall ist. Dort werden sie von ihrem Mann begleitet. Junge Frauen in Syrien sitzen im Bus nicht neben jungen Männern. Syrische Frauen fahren auch nicht mit dem Fahrrad. Das finden wir unsittlich", erklärt Ahmad.
Die Familie schläft auf dem Teppichboden im Esszimmer, so, wie sie es gewohnt sind. "Bei uns schläft man auf Lammfell auf dem Boden, im Sommer sogar auf dem Dach des Hauses." Das Metallbett, das sie vom Staat gestellt bekommen haben, wird wenig benutzt. Leider hat Ahmad die Arbeitsstelle bei der Metallfirma nicht erhalten. Er arbeitet nun bei einer Baufirma. Zusätzlich macht er den Gabelstaplerführerschein.