Hund sucht Pilz

Nase ganz vorn: Eine Schweizerin sucht mit ihren Hunden Trüffel. Gerne unbeobachtet von der Konkurrenz oder ganz offiziell beim Speed-Trüffeln.

 

An einem milden Herbstabend ist Jacqueline Egger mit ihrer Hündin Lioba in einem Wald in der Ostschweiz unterwegs. Es sieht so aus, als ob sie einfach spazieren. Aber das scheint nur so, denn sie sind auf Trüffelsuche. Eigentlich wollen sie nicht gesehen und beobachtet werden. Jeder Trüffelsucher hat seine eigenen Plätze, an denen er die begehrten Pilze findet. Diese Plätze werden nicht verraten, damit kein anderer sie vorher plündern kann. Deshalb wird der genaue Standort auch nicht genannt. Es wird ein großes Geheimnis darum gemacht, wo sich die Trüffel befinden. Jeder Trüffelsucher muss seine eigenen Erfahrungen sammeln.

Die 52-Jährige mit den kurzen, dunklen Haaren ist bodenständig. Die ausgebildete Homöopathin und Hundezüchterin arbeitet in Teilzeit als Lehrerin an einer Primarschule. Die leidenschaftliche Hundebesitzerin lebt mit ihren sechs Lagotto-Romagnolo im appenzellischen Rehetobel und geht mit ihnen auf Trüffelsuche. Jacqueline Egger leitet auch Trüffelkurse und nimmt mit ihren Tieren an Wettkämpfen teil. Die Hunde sind bekannt als Wasser- und Trüffelhunde, haben gelocktes Fell und kommen ursprünglich aus Italien. Wasserhunde werden bei der Jagd und beim Fischen eingesetzt. Sie apportieren die Beute aus dem Wasser.

Sie sagt: "Jeder Hund jeder Rasse kann das Suchen nach Trüffeln lernen." Bei den Kursen lernen Hund und Besitzer spielerisch, wie sie Trüffel finden. Die Hunde lernen den einzigartigen Geruch des Trüffels kennen. Sie suchen mit ihrer Nase versteckte, eingegrabene und am Schluss des Kurses auch wilde Trüffel. Die Pilze wachsen unter der Erde und sind deshalb nicht sichtbar. Der Hund verlässt sich nur auf seinen Geruchssinn, um sie aufzuspüren. "Zum Trüffeln braucht man die Nase und nicht die Augen", sagt Egger. Ihre Hunde haben den Geruch des Trüffels schon als Welpen kennengelernt und mal ein Stückchen zum Fressen bekommen. Auch erwachsene Hunde können das Trüffeln noch lernen, es hat nichts mit dem Alter zu tun. Einmal musste sie ihren zwölf Wochen alten Welpen auf Trüffelsuche mitnehmen, weil sie ihn nicht alleinlassen konnte. Es ging nicht lange, bis er das Trüffeln von den großen Hunden abgeschaut hatte und selbst Trüffel ausgrub.

Es gibt in der ganzen Schweiz Trüffel, bis auf eine Höhe von etwa 800 Metern. Das Trüffeln erlebt momentan einen Boom. Es gibt immer mehr Trüffelhunde. In Genf fand man kürzlich sogar weiße Trüffel, das ist die teuerste und edelste Sorte. Früher hat man diese nur in Italien und Frankreich gefunden. Das Problem der vielen Trüffelsucher ist, dass viele die Löcher, die durch das Ausgraben entstehen, nicht mehr verschließen. Dann wachsen dort im nächsten Jahr keine Trüffel mehr, weil die Sporen durch das Licht absterben. Nicht alle Trüffel sind essbar, und jede Art schmeckt etwas anders.

Trüffel sind empfindlich für Umwelteinflüsse, sie können nicht überall wachsen. Sie leben in einer symbiotischen Beziehung mit bestimmten Bäumen oder Büschen wie zum Beispiel Eiche und Hasel. Auch der PH-Wert des Bodens, die Feuchtigkeit und Lichteinstrahlung haben einen Einfluss auf das Vorkommen. Die meisten Versuche, die weißen Trüffel in speziell angelegten Trüffelplantagen anzubauen, sind gescheitert. Es sind auch noch keine Methoden bekannt, wie man Trüffel mechanisch ernten kann. Das heißt, für die Trüffelsuche ist man weiterhin auf Tiere, meistens Hunde, angewiesen. Jacqueline Egger wurde einmal angefragt, ob sie eine Trüffelplantage absuchen könnte. Der Besitzer hatte sie vor einigen Jahren auf seinem Grundstück angelegt. Auf der Fläche der Plantage fanden ihre Hunde jedoch keine Trüffel. Aber 300 Meter davon entfernt, am Waldrand, haben sie innerhalb von 20 Minuten 400 Gramm Trüffel ausgegraben.

Die Hunde von Jacqueline Egger sind extrem schnell bei der Trüffelsuche. Sie graben die Trüffel meistens selber aus, dürfen sie aber nicht fressen, obwohl sie ihnen auch schmecken würden. Die Hunde werden dann belohnt, das Loch wird verschlossen. Ist der Trüffel nicht für den menschlichen Verzehr geeignet, bekommen die Hunde auch mal einen als Belohnung. Heute kann Egger nicht mehr zwei Hunde gleichzeitig mitnehmen. Die Hunde sind so schnell beim Finden, dass sie es nicht mehr schafft, ihnen die Trüffel abzunehmen, bevor sie aufgefressen werden. Die Hunde konnten Erfahrung sammeln und wurden effizienter bei der Suche. Deshalb geht sie nur noch mit einem Hund. Auch auf einem normalen Spaziergang finden ihre Hunde Trüffel. "Wenn es Trüffel hat, graben meine Hunde sie aus."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.07.2018, Nr. 156, S. 26 - Fabienne Bänziger

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