Hintern aus dem Sattel, Kopf runter

Schnelle Beine, heiße Reifen und treten, was das Zeug hält und die Kondition hergibt. Ein Wochenende auf der Rennstrecke mit dem Juniorenradsportler Lennart Matthusen. Er ist für sein Bundesligateam in Niedersachsen unterwegs.

Eines nach dem anderen, jetzt zählt für mich nur dieser Job!" An diesen Ausspruch Arnold Schwarzeneggers denkt der groß gewachsene, blondhaarige Lennart Matthusen, der für das Bundesligateam der ,,Peugeot Young Lions Schleswig-Holstein" auf der Rennstrecke aktiv ist. Als Juniorenfahrer für ein Bundesligateam zu starten bedeutet allerdings nicht wie in anderen Sportarten einen hohen Verdienst. Ein guter Fahrer kann, wenn er die gesamte Saison über erfolgreich ist, zwar einige hundert Euro Preisgeld einfahren, allerdings ist es in den Teams üblich, den Gewinn auf alle Fahrer aufzuteilen, die für den Erfolg mitgeholfen haben. Dies wird jeweils durch ein vor der Saison gewähltes Punktesystem geregelt.

Matthusenfährt verschwitzt und fokussiert ein letztes Mal den Kurs der Rennstrecke der niedersächsischen Kleinstadt Börger im Kopf ab. Er stellt sich vor, wie er fahren muss, um dem Gegenwind, der dem Fahrerfeld auf weiten Teilen der Strecke entgegenblasen wird, zu entgehen. Es geht vom Start aus leicht bergan durch ein Wäldchen. Linkskurve. Es folgt eine Abfolge von langen, schnurgeraden Straßen und vielen engen Kurven - was einiges an Anstrengung und Arbeit bedeutet, da man aus jedem einzelnen dieser Tempokiller wieder neu herausbeschleunigen muss, um das Peloton und vor allem sich selbst auf Geschwindigkeit zu halten, bevor es abschließend auf die langgezogene, leicht abfallende Zielgerade geht, nach der sich wahrscheinlich jeder Sprinter im Feld sehnt. "Wenn es so weit ist, bleiben nur noch vier Schritte, um zu versuchen, das Ding erfolgreich zu Ende zu bringen", erklärt Matthusen. "Hinter das Rad des richtigen Fahrers klemmen. Hintern aus dem Sattel. Kopf runter. Und zu guter Letzt: Kette rechts. Ist die "Kette rechts", befindet sie sich vorne auf dem größten Kettenblatt und hinten auf dem kleinsten Ritzel und der größtmögliche Gang ist eingelegt, und es heißt treten, was das Zeug hält.

Er beendet die virtuelle Streckenabfahrt in seinem Kopf und als er gerade aus dem ,,Tunnel" kommt, hört er es laut krachen und die Schreie einiger Menschen. Das Krachen und die Schreie kommen aus Richtung der Rennstrecke, die etwa 50 Meter von seinem Standort entfernt verläuft. Er eilt zur Quelle der unheilverheißenden Geräusche. Als er näher kommt, kann er ungefähr 30 Rennfahrer und ebenso viele Rennräder erkennen, einige liegen am Boden und viele - Fahrer sowie Räder - sehen nicht mehr ganz intakt aus. Zu allem Übel sind auch einige seiner Kameraden unter den Pechvögeln. Trotzdem sieht es so aus, als würde es keine ernsthaften Verletzungen geben. Er geht also mit gemischten Gefühlen zum Teamfahrzeug, um sich auf seinen Start in einer Dreiviertelstunde vorzubereiten. Warmfahren. Einen Energieriegel essen. Ein letztes Mal die Rennmaschine auf Schäden untersuchen. Dann rollt er zum Start.

Auf dem Weg dorthin trifft er auf einen seiner gestürzten Kameraden. Etwas geknickt zeigt er Lennart seine Verletzungen. Eine etwa handtellergroße Schürfwunde schmückt seinen linken Oberschenkel. ,,Tapete ab", würde der Fachmann sagen. Er wünscht Lennart Matthusen "gute Beine" für sein Rennen, und dieser setzt seinen Weg zum Start fort. Dort angekommen stellt er sich in die erste Reihe, wo ihm ein Teamkollege einen Platz freigehalten hat. Einige Fahrer hinter ihm meckern, er solle sich hinten hineinstellen, wenn er jetzt erst komme. "Es liegt mal wieder die Mischung in der Luft, die typisch ist für die ersten Rennen im Frühjahr, in denen alle beweisen wollen, dass ihr Wintertraining sich ausgezahlt hat", meint Matthusen. "Eine gewisse Spur von Aggressivität und Angriffslust trifft zusätzlich auf das gern auch mal übertriebene Selbstbewusstsein von durchtrainierten Jungen im kritischen Alter um die 17 Jahre, die zudem noch in Begleitung mehrerer Kameraden und Freunde sind. Da passiert es schnell, dass einer aus Übermut über die Stränge schlägt." Aber heute bleibt es ansonsten ruhig. Erst einmal. Der Starter gibt das Signal zum Start.

Das typische Klack-Geräusch, mit dem die Klickschuhe in die Rennpedale einrasten, erfüllt vielfach die Luft. Die vorderen Fahrer legen ordentlich los, und in null Komma nichts hat das Fahrerfeld die 50-Stundenkilometer-Marke geknackt, und es fliegt nur so über die leicht abfallende Teerstraße. Als die erste steile Kurve in Sicht kommt, gehen alle in die Eisen, und der unverkennbare, rußige und nach verbranntem Gummi duftende Geruch, der entsteht, wenn die Bremsbeläge heiß werden, und der eindeutig signalisiert ,,Hier wird ein Radrennen gefahren!", steigt Lennart in die Nase. "Für einen Normalbürger mag dieser Geruch vielleicht eher einem Gestank gleichkommen, aber für mich ist er Teil einer Leidenschaft, die mittlerweile einen großen Teil meines Lebens füllt. Der ich fast täglich nachgehe", erklärt Matthusen später.

Geschmeidig legt sich ein Fahrer nach dem anderen hintereinander in die Kurve. Das Peloton zieht sich, wie an einer Perlenkette aufgereiht, in die Länge. Durch den Richtungswechsel verlassen die Rennfahrer den schützenden Wald und schießen entlang eines Ackers übers freie Feld, und nun knallt die Sonne, als wolle sie die Fahrer animieren, schneller zu fahren, dem Peloton vom Himmel entgegen. Kurz nachdem sich das Fahrerfeld wieder sortiert hat, beginnen die Ersten Attacken zu fahren. Pfeilschnell schießen immer wieder Fahrer am Feld vorbei, begleitet von den Rufen der übrigen Fahrer ,,Rechts!", wenn der Angriff rechts am Feld vorbeiführt, ,,Links!", wenn die Attacke von der linken Seite erfolgt oder einfach nur ein lautes ,,Heheheee!", damit die Fahrer vorn rechtzeitig die von hinten gesetzten Angriffe bemerken und abfangen können. Heute werden alle Angriffe unterbunden und das Peloton geht geschlossen in die letzten Kilometer. Die großen Teams machen jetzt richtig Dampf, und einige Fahrer sehen aus, als wären sie jetzt lieber auf ihrer gemütlichen Couch mit einem großen Teller voller Essen. Das interessiert die anderen natürlich herzlich wenig, und so treiben sie das Feld immer schneller in Richtung Ziellinie.

Sie biegen auf die Schlussgerade und alle, die noch nicht bis unter die Haarspitzen mit Laktat voll sind, versuchen zumindest ungefähr etwas wie Lennarts beschriebenen Vier-Schritte-Plan umzusetzen. Die Sache mit dem richtigen Hinterrad hat für ihn jedenfalls geklappt. Sein Vordermann tritt kraftvoll in die Pedale. Dessen Wadenmuskulatur tritt bei jeder seiner Pedalumdrehungen hervor, und ein Netz aus Adern spannt sich über seine muskulösen Unterschenkel, mit denen er sein Rennrad immer schneller vorantreibt. Schließlich gelingt es Lennart, sich aus seinem Windschatten zu lösen und an ihm vorbeizuschieben. Er schaut auf seinen Tacho: 60 Stundenkilometer. Sein Anfahrer hat gute Arbeit geleistet, Lennart muss nur noch die letzten Sekunden bis zur Ziellinie Gas geben, so gut es seine Beine noch zulassen. Die klatschenden und schreienden Zuschauer rasen an ihm vorbei, und schon ist das Ziel erreicht. Heute springt ein passabler dreizehnter Platz heraus, der gegen die anwesende starke nationale und niederländische Konkurrenz ein gutes Ergebnis darstellt.

Einige Zeit später, nach einer Dusche und einem Austausch mit einigen Fahrern über das Rennen, sitzt Lennart Matthusen im Teamfahrzeug auf dem Weg nach Hause. Die Fahrt wird etwa fünf Stunden dauern. ,,Fünf Stunden, in denen sich lauthals und fröhlich über die mehr oder weniger großen Heldentaten vom Renntag ausgetauscht wird. Nächstes Wochenende geht es dann in die nächste Runde", sagt Matthusen mit einem freudigen Lächeln und lehnt sich zurück, um die Eindrücke des Tages noch einmal an sich vorbeiziehen zu lassen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.07.2018, Nr. 162, S. 30 - Marc-Leon Pekrahn

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