Mit dem Gewehr auf den Friedhof

Auf Münsters Zentralfriedhof werden verfressene Kaninchen gejagt und fleißige Bienen gehalten

Der Tisch auf dem Friedhof ist reichlich gedeckt", sagt Ralf Hammecke. Ob Blätter, Blüten, Dekoration oder Wurzeln - nichts sei sicher vor den Kaninchen, die selbst vor Drahtzäunen nicht halt machten. Kaninchen seien die Freude des einen und das Leid des anderen, erklärt der ehemalige Leiter des Zentralfriedhofes in Münster. Hammecke, jetzt Medienchef des Bistums, berichtet, dass man, da sich viele Leute darüber ärgern, dass frisch gepflanzte Blumen schon nach kurzer Zeit den vielen wilden Kaninchen zum Opfer fallen, zu einschneidenden Mitteln habe greifen müssen. Dass diese Mittel die Kaninchenjagd durch Berufsjäger in der Morgendämmerung bedeutet, erscheint zunächst etwas grausam. Der promovierte Theologe und Familienvater erklärt, dass die Tiere vor einer Überpopulation beschützt werden müssten. Es besteht die Gefahr einer Verbreitung der Myxomathose, einer viralen Infektion, unter der die Mümmelmänner nicht nur leiden, sondern letztlich auch qualvoll sterben. Auch der neue Leiter des Zentralfriedhofes sehe in der Bejagung eine Notwendigkeit, so wie es auch die benachbarten Unikliniken tun.

Drei vom Ordnungsamt legitimierte Berufsjäger besuchen sieben- bis achtmal jährlich den Zentralfriedhof. Tierschutz und Jagdgesetz haben Vorrang, deswegen ist Schrot als Munition verboten, nur Kleinkaliber sind vom Ordnungsamt zugelassen. Klein, aber gleichwohl tödlich. Deshalb darf nicht in Richtung der Wohnbebauung geschossen werden, denn diese Geschosse haben eine Reichweite von etwa 1,5 Kilometern. Deshalb müsse man auch aufpassen, dass die Kugel nicht etwa an Steinen abpralle und Gräber beschädige, und dementsprechend die Schussbahn ändern, um Verletzungen zu vermeiden.

Das ist auf Friedhöfen kein einfaches Unterfangen. Gezielt werden soll von einem höheren Ansitz aus oder mit Hilfe eines Schießstocks, auf dem das Gewehr abgelegt wird. Gejagt werde natürlich nur in den frühen Morgenstunden, sagt Ralf Hammecke, man wolle Anrufe verschreckter Nachbarn vermeiden. Es sei nicht leicht, auch nicht für einen erfahrenen Berufsjäger, im Rahmen einer waidgerechten Bejagung auf einem Friedhof zu töten, bestätigt Hammecke, der ebenfalls erfahrener Jäger ist - ist der Friedhof doch ein Ort der Stille und der Trauer. Auch hier hat der Diakon eine Antwort: Man solle aus der Ecke herauskommen, dass der Friedhof etwas "Abseitiges ist und weit weg gehört". Hier hilft ein Blick auf die geschichtliche Entwicklung. Im Mittelalter fanden Beerdigungen unmittelbar um die Kirchen herum statt: Am "jüngsten Tag" wollte man möglich nah in Altarnähe sein. So befinden sich Priestergräber oft in der Apsis der Kirche. In Münster gab es um alle Kirchen innerhalb des Altstadtrings Friedhöfe. Auf dem heutigen Lambertikirchplatz befanden sich 455 Grabstätten und in der Kirche selbst weitere 150. Auf einem solchen Friedhof spielte sich damals das gesamte mittelalterliche Leben eines Menschen "von der Wiege bis zur Bahre" ab. So fanden der Markt und das öffentliche Leben in Münster unter den Arkaden auf dem Prinzipalmarkt und damit in unmittelbarer Nähe zum Friedhof statt. "Sterben gehörte zum Leben dazu", sagt Hammecke, "und war ständiger Wegbegleiter der Menschen."

Durch die Industrialisierung und den mit ihr verbundenen Bevölkerungswachstum reichten die kleinen Friedhöfe nicht mehr aus. Vor der Stadt legte man größere Friedhöfe an, die sich oft an den Wällen und Stadtgrenzen befanden, so wie damals der Zentralfriedhof in Münster. Hammecke hat während seiner Tätigkeit versucht, den Friedhof wieder als Ort des Lebens zu positionieren. Man soll angstfrei dorthin kommen. Nicht erst, wenn man einen Sterbefall hat. Friedhof soll als Teil der Natur begriffen werden. Es gebe auch nichts Gesünderes, sagt er schmunzelnd, als den Besuch eines Friedhofs. Dort dürfen keine Pestizide oder Insektizide benutzt werden. Friedhof kann Rückzugsort sein, eine ökologische Nische für Singvögel. Der Naturschutzbund macht hier Vogelstimmen-Führungen und beobachtet Fledermäuse.

Auch ein Imker fragte an. Auf dem Dach des benachbarten Hotels stehen Bienenkörbe, es summt auch über den Gräbern. Die Bienen fliegen auf den Friedhof, denn den nahe gelegenen Aasee überqueren sie nicht so gerne. Der Imker des Zentralfriedhofes, hauptberuflich Zahnarzt, hat eine tolle Heimat für seine zwei Bienenvölker gefunden. Was den Honig der rund 30 000 Friedhofsbienen so besonders macht, ist die Vielfalt des Nektars, den die Bienen sammeln und verarbeiten. Einen Friedhofshonig gibt es laut Hammecke noch nicht, allerdings könne man sich bereits sehr darauf freuen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.07.2018, Nr. 168, S. 26 - Greta Goldberg

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