Abschied vom Familienmitglied

Hunde, Katzen und sogar Hamster werden kremiert. Auch die Besitzerin eines Pferdes ließ ihre Stute einäschern.

 

Ein Hund." "Wie viel Kilo?" "15 Kilogramm." "Das kostet dann 100 Euro." Diese Worte fallen tagtäglich im Kleintierkrematorium in Saarbrücken, einer Zweigstelle des Krematoriums Rosengarten in Badbergen, Niedersachsen, das zahlreiche Filialen in ganz Deutschland unterhält. Im Saarbrücker Krematorium arbeitet Judith Schleppi. Die Steuerfachangestellte ist wie viele andere Quereinsteigerin. Anders als bei der Humanbestattung ist die Tierbestattung kein Lehrberuf, aber ein wahrer Knochenjob: "Ich kann meinen Tag nicht wirklich planen. Ich steh morgens auf und weiß nicht, wann ich Feierabend hab", sagt Schleppi. Jeden Tag gibt es neue Aufträge, und jeder ist einzigartig. Hunde, Katzen, Kaninchen, Hamster und Reptilien werden kremiert, selbst der Besitzer eines Haushuhns war schon Kunde. "Egal wie groß oder klein das Tier ist, so ein Tier wächst den Leuten ans Herz. Es ist wie ein Familienmitglied für viele, und auch nach dem Tod soll es einen würdevollen Abschied geben." Ähnlich wie beim Tod von Angehörigen seien viele in der Situation überfordert. Man solle sich daher möglichst früh Gedanken machen.

In dem hellen, im Schachbrettmuster gefliesten Andachtsraum wird der Liebling in ein Körbchen gebettet. Der Besitzer kann sich bei Kerzenschein in Ruhe verabschieden. Entscheidet er sich für eine Einzelkremierung, kann er bei der Kremation anwesend sein und durch ein Fenster den letzten Weg seines tierischen Freundes mitverfolgen. "Nachdem das Tier vollständig im Ofen verbrannt wurde, bleibt Asche, die feinem Muschelsand ähnelt, zurück." Diese wird in eine Urne gefüllt. Was deren Gestaltung betrifft, sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Von ganz schlichten bis hin zu extravaganten mit Swarovskisteinen, Gravuren und Bildern ist alles vertreten. Auch Schmuckstücke können mit der Asche befüllt werden. Einige Kunden lassen sogar aus der Asche einen Diamanten pressen. Inspirationen findet man auf der Internetseite des Krematoriums. Entscheidet man sich für eine Gemeinschaftskremierung, werden mehrere Tiere gemeinsam eingeäschert, die zurückgebliebene Asche verbleibt im Streubeet des Krematoriums. Für Judith Schleppi steht der Umgang mit den Menschen im Vordergrund. Täglich mit Tod und Trauer konfrontiert zu werden sei nicht so schlimm, wie man sich das vorstellt. "Man trauert immer mit, aber man darf sich da nicht so reinsteigern. Man muss eine professionelle Distanz wahren. Eine Person zu haben, mit der man darüber sprechen kann, ist hilfreich. Auch eine Umarmung kann manchmal helfen." Oft reagieren Menschen aggressiv, da sie mit Wut besser zurechtkommen als mit der Trauer. "Dann bleibe ich ganz ruhig und höre einfach mal zu." Es sei aber auch etwas Schönes, wenn die Kunden erleichtert das Haus verlassen und dankbar für die Hilfe sind.

Neben all den traurigen Augenblicken gibt es auch amüsante: "Zum Beispiel, als ich das erste Mal mit einem Hund zu tun hatte, der über 80 Kilo wog", erzählt die zierliche Brünette und lächelt versonnen. Im Gegensatz zu Karen Gebauers 630 Kilo schweren Trakehnerstute Maifee war der Hund ein wahres Fliegengewicht. Gebauer lebt in Saarbrücken-Bübingen und hatte schon viel von Krematorien gehört. Für die Kremierung eines Pferdes sind kleinere Betriebe wie der Rosengarten nicht gerüstet. So gestaltete sich die Suche nach einer geeigneten Tierbestattung für die Stute schwierig. Ist der Abdecker die einzige Option? Mittlerweile gibt es auch in Deutschland Krematorien für Pferde. Das erste wurde im Dezember in Schwäbisch Hall eröffnet. Die zweifache Mutter Sandra Lutz leitet es zusammen mit ihrem Mann. Umgeben von Wald und Feldern, wirkt der mit einer Holzfassade verkleidete Neubau mehr wie der Wellnessbereich eines Hotels. Das Gebäude selbst ist, wie auch die anderen Krematorien, in zwei Zonen geteilt. Eine der beiden ist die sogenannte reine Zone. In dieser befinden sich die Büroräume, der Andachtsraum und der Empfang. Die zweite Zone ist die unreine, zu der die Öfen und die Kühlzellen zählen. "In dieser sind die Mitarbeiter verpflichtet Schutzkleidung zu tragen, bestehend aus Cargohose, blauen Polos, Schuhen mit Stahlkappen und je nach Jahreszeit einer Jacke. Wechselt man von der einen in die andere Zone, muss die Kleidung gewechselt werden. Arbeitet man hauptsächlich im reinen Sektor und muss nur kurz in die anderen Räume, zieht man sich Überschuhe und eine Einmalschutzkleidung, in Form eines Overalls oder Mantels an. Die strengen Maßnahmen dienen dem Seuchenschutz", erklärt die dynamische Blondine. Das Krematorium verfügt über eine Kühlzelle für Heimtiere, die verschiedene Schubladen enthält. Genauso, wie es bei den Menschen ist. Für die Pferde gibt es eine eigene Kühlzelle. Auch gibt es einen Ofen für Haustiere und einen für Pferde, die parallel betrieben werden können. Die Kremierung eines Pferdes dauert zwischen sechs bis acht Stunden. Daher können am Tag maximal zwei Pferde eingeäschert werden. "Da hinter dem Ofen eine Filteranlage angebracht ist, tritt anstatt schädlichen Emissionen bloß Wasserdampf aus. Man kann folglich weder innerhalb noch außerhalb des Gebäudes einen verbrannten Geruch wahrnehmen", versichert die Brillenträgerin.

Als Maifee im Herbst mit 22 Jahren starb, existierte das schwäbisch-hällische Unternehmen noch nicht. Karen Gebauer wurde bei einem Tierbestattungsunternehmen in der Eifel mit Kontakten nach Holland fündig. Für Gebauer stand von Anfang an fest, dass ihre Stute eingeäschert werden soll. Die schmale, hochgewachsene Frau sagt mit entschlossener Miene: "Ich selber würde auch lieber kremiert werden, als in so einem Sarg unter die Erde zu kommen. Und deswegen war es für das Pferd genau so richtig."

Eine Kremierung ist eine kostspielige Angelegenheit, Die Preise für eine Kremierung schwanken zwischen 500 und 2000 Euro, je nach Gewicht des Tieres und Entfernung zum Krematorium.

Zwischen Karen Gebauer und Maifee bestand eine besondere emotionale Bindung. Sie kaufte die Stute als Fohlen, bildete sie aus und verbrachte viel Zeit mit ihr. "Ein Pferd ist kein Sportgerät, sondern ein Freund. Für mich war sie immer ein verlässlicher Partner, und ich habe mit ihr alles gemacht. Sie hat jedes Wort verstanden, Kunststücke gekonnt, mein Auto und sogar meine Schritte erkannt." Die Vorstellung, ihr Pferd dem Abdecker zu hinterlassen, der die tierischen Bestandteile für Seife oder Tierfutter verwertet hätte, war unerträglich für sie. "Auch wenn es nur ein Körper ist, mit Menschen macht man das doch auch nicht." Als es ihrer Stute immer schlechter ging, entschied sie sich, sie einschläfern zu lassen. Am nächsten Morgen wurde das Pferd mit einem Transporter abgeholt und in das Krematorium in Holland gefahren. Dort wurde es noch am selben Abend eingeäschert. Per DHL wurde die 28 Kilo schwere und 60 Zentimeter hohe Urne nach Saarbrücken geschickt. Was mit der Asche danach passiert ist, bleibt Karen Gebauers Geheimnis. Sie schätzt die heutigen Möglichkeiten der Tierkremation. "Wenn mein Hund Roxy stirbt, mache ich es genauso."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.07.2018, Nr. 168, S. 26 - Fiona Stürmer

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