In der kleinsten regionalen Tageszeitung Deutschlands
Ein Papier- und Schreibwarengeschäft in der Ladenstraße des idyllischen Ostheim vor der Rhön. Hinter der Hofeinfahrt steht der altertümliche Schriftzug "Ostheimer Zeitung". Hier entsteht die kleinste regionale Tageszeitung Deutschlands. "Wir veröffentlichen schon seit eh und je montags, mittwochs und freitags und verkaufen um die 800 bis 900 Zeitungen, davon über 90 Prozent an Abonnenten, auch an Weggezogene, die in ganz Deutschland verstreut leben, per Postversand, die wollen ja auch auf dem Stand der Geschehnisse bleiben", erklärt Volker Gunzenheimer, der Seniorchef.
Durch den Hintereingang des unscheinbaren Gebäudes betritt man direkt die Druckerei. Es riecht nach Druckerschwärze. In Regalen stehen chronologisch sortierte Ordner, beschriftet mit Jahreszahlen, die bis zu mehr als einem Jahrhundert zurückliegen. Auf den Arbeitstischen finden sich Ausschnitte zu Ereignissen des lokalen Sportvereins oder aktuelle Geschäftsanzeigen. Hier ist der Arbeitsplatz der gesamten Familie Gunzenheimer, seit der Vorfahr Reinhold Werner 1910 aus Sachsen in die unterfränkische Gemeinde gezogen ist. Zusammen mit der Druckerei und dem Schreibwarengeschäft wird die Zeitung in der vierten Generation von Inhaber Jörg Gunzenheimer geleitet. Die Führung durch Druckerei und Redaktion übernimmt der Seniorchef, der mit 71 Jahren noch als Mitte 50 durchgehen könnte. "Ich hätte gerne noch länger Fußball gespielt, doch mit 65, meinte meine Frau, ist es auch mal genug." Die Zeitung ist für die gesamte Familie sowohl Existenzgrundlage als auch Leidenschaft. Während Volker Gunzenheimer den Sportteil macht, steht sein Sohn Jörg im Tor der lokalen Fußballmannschaft. "Das liegt so bei uns in der Familie, immerhin kriegt man so alles mit, was beim Spiel passiert, man ist also exklusiv. Normalerweise sitze ich Sonntagabend zwei Stunden an den Fußballberichten, setze den Inhalt der Zeitung, Anzeigen und Texte, grob zusammen, mache die Seiteneinteilung, bei meinen Kindern wird das dann am PC fertig zusammengesetzt", erklärt er. "Wir sind alle mit der Zeitung beschäftigt, mein Sohn ist Mediengestalter und meine Tochter Mediengestalterin, sie sind beide hauptsächlich in der Redaktion tätig, der Neffe ist mit mir hier in der Druckerei, ist auch Feuerwehrkommandant und im Stadtrat, ansonsten beschäftigen wir noch zehn Austräger."
Die wichtigsten Maschinen im Druckpark sind die Heidelberger Druckmaschinen in verschiedenen Größenklassen. Das geht von DIN A5 bis DIN A1. Dazu kommt ein Oldtimer, ein sogenannter Heidelberger Tiegel, der für mancherlei Arbeiten noch seinen Dienst tut. "Die funktionieren noch immer wie 'ne Eins, wenn mal was ist, wird es selbst repariert, oder es helfen Spezialisten aus dem Ort. Ansonsten nutzen wir noch eine Schneide- und eine Falzmaschine. Ich bin ein wenig stolz drauf, dass wir schon 1980 von Bleisatz auf Fotosatz umgestellt haben."
Die Verbreitung beschränkt sich auf Ostheim und wenige angrenzende Ortsteile. "Ausbreitung geht nicht mehr, wenn man sich ,Ostheimer Zeitung' nennt, das kann man nach 100 Jahren nicht mehr ändern. Seit Napoleons Zeiten ist das eine evangelische Enklave, und das hat sich bis heute gehalten, so heißt es eben ,Ostheimer Zeitung', also können wir sie nicht in Nordheim oder Stockheim verkaufen, da ist kein wirklicher Bezug da", ist sich Gunzenheimer senior sicher.
Auch der Inhalt hat seine Tradition, bei meist zwölf Seiten für den Verkaufspreis von einem Euro werden sechs Seiten selbst gefertigt, die übrigen sechs Seiten Mantel werden bei den "Fränkischen Nachrichten" in Bamberg gekauft. "Das Bestehen der ,Ostheimer Zeitung' ist heute noch so gerechtfertigt wie vor 100 Jahren, sie ersetzt durch ihre lokale Verbundenheit und ihre Aktualität das Gemeindeblatt in der Stadt. Wir sind das offizielle Veröffentlichungsorgan der Gemeinde." Der Aufbau bleibt immer gleich. Auf der ersten Seite der Titel, auf der zweiten die überregionalen Nachrichten, die dritte bis fünfte seien die wichtigsten, hier sind die regionalen Ereignisse, Annoncen, das Gemeindeblatt und alles, was mit Ostheim zu tun hat, verortet, es gibt Kreuzworträtsel und einen fortlaufenden Roman, den die Leser schätzen.
"Die externen sechs Seiten kommen gegen 20 bis 22 Uhr, hoffentlich natürlich immer möglichst früh, dann werden die Druckplatten erstellt, wir legen da noch selber auf, andere machen das direkt am Computer." Die Texte sind vierspaltig, bei Anzeigen sind es sechs Spalten auf den Seiten. Das liegt am Berliner Format, das mit 315 Millimeter Breite und 470 Millimeter Höhe kompakter als zum Beispiel das Rheinische Format ist. "Vier Seiten fertige ich am Vortag des Drucks an, und die übrigen acht Seiten drucke ich morgens um halb sieben mit meinem Neffen, damit die Zeitung um spätestens 10 Uhr bei den Leuten ankommt", erklärt Volker Gunzenheimer.
Die "große Kleinheit" machte die Zeitung bekannt. Regisseur Wim Wenders machte sie 1975 zum Drehort für sein Roadmovie "Im Lauf der Zeit". "Da kam ich grad aus dem Urlaub, überall waren auf einmal Kabel und Kameras. Mein Vater hatte dem zugestimmt, ich wusste von nichts", lacht Gunzenheimer. Zum 100-jährigen Jubiläum zollten viele große Tageszeitungen dem kleinen Blatt Respekt. "Als die kleinste Zeitung bezeichnet zu werden klingt schon ein wenig negativ, aber dafür gilt das Motto: Dahoam ist Dahoam. Wir berichten eben über das, was in der Heimat vor sich geht, Journalistisches machen wir bis auf eine freie Mitarbeiterin alles selbst."
Die Einnahmen stützen sich immer weniger auf das Druckhaus, da der Internethandel viel verdrängt. "Einen Internetauftritt gibt es nur mit Fotostrecken, damit man sich selbst keine Leser klaut." Man setzt auf starke Vernetzung mit Kontakten in die Umgebung wie mit Vereinen. Allem voran steht die Verbundenheit zur Heimat. "Bis jetzt ist die Zeitung immer erschienen", sagt Gunzenheimer senior stolz. "Wer krank ist, darf eben nicht krank werden, es gibt also außer fünf Tagen Osterurlaub keine weiteren freien Tage." Zum Abschied scherzt er: "Und wenn jemand Druckfehler im Blatt findet, darf er sie behalten."