Hiltrud Herbst gibt mit einer befreundeten Autorin und einer Romanistin jedes Jahr einen Lyrik-Kalender heraus
Schon in ganz kurzen Texten erschließt sich ein ganzer Kosmos, das ist das Besondere an der Lyrik für mich", sagt Hiltrud Herbst, während sie stolz auf den Kalender in ihren Händen blickt. Die Münsteranerin begeistert sich für Lyrik und ist Herausgeberin des Lyrik-Kalenders "Fliegende Wörter", den sie gemeinsam mit zwei anderen Frauen publiziert. Der Kalender erscheint einmal im Jahr und beinhaltet für jede Woche im Jahr ein Gedicht. Er ist in Form eines Postkartenkalenders gestaltet, so dass jede Seite abgetrennt als Postkarte verwendet werden kann, daher der Titel "Fliegende Wörter". Schon ein Jahr vor Erscheinen des schwarzgelben Kalenders werden die Gedichte von Herbst und ihrem Team ausgewählt.
Dabei kann es sich um Gedichte "aller Art" handeln, denn Abwechslung sei besonders wichtig. "Ich achte immer darauf, dass ein großes Spektrum an Lyrik erscheint, von der Antike bis heute." Der Kalender steht unter keinem bestimmten Motto, die Gedichte werden frei ausgewählt. "Die Gedichte sollen einen offenen Gang durchs Jahr darstellen und inspirieren", erklärt Herbst.
Durch den Kalender, der im Münsteraner Daedalus-Verlag erscheint, hofft die verheiratete Herausgeberin anderen ihre große Leidenschaft näherzubringen. Nachdem sie als Jugendliche einen Sammelband deutscher Gedichte geschenkt bekam, war sie endgültig fasziniert von der Welt der Gedichte. Die Begeisterung hielt an. Nach einer Ausbildung zur Krankenschwester studierte sie Germanistik auf Lehramt. Der Beruf als Deutsch- und Spanischlehrerin machte ihr großen Spaß. "Sehr gern habe ich immer Lyrik in Deutsch unterrichtet", sagt Hiltrud Herbst. In dieser Zeit besuchte sie häufig Literatur- und Lyrik-Festivals, so entstand die Idee, selbst einen Kalender zu produzieren. "Jeder gesunde Mensch kann leicht zwei Tage ohne Nahrung leben - ohne Poesie niemals", zitiert sie den französischen Dichter Baudelaire. Herbsts Motivation war es, Lyrik spannend und anschaulich zu gestalten, denn es gebe viele Vorurteile gegenüber Gedichten. "Oft heißt es, dass Lyrik langweilig und trocken sei. Dass das nicht der Fall ist, soll der Kalender zeigen."
Auch bei ihren Schülern kam der kreative Umgang mit Lyrik gut an, jedoch war es Herbst wichtig, Schule und Geschäftliches zu trennen. Die Hobbywanderin betont, dass es damals noch nicht allzu viele Kalender solcher Art gab und sie sich mit ihrer Idee etwas ins Ungewisse begab. "Natürlich wollte ich das Projekt nicht allein machen", so sprach sie zwei Bekannte an, die Autorin Doris Mendlewitsch und die Romanistin Andrea Grewe. Die drei Frauen begeben sich das Jahr über auf die Suche nach Gedichten und sammeln diese. Die leidenschaftliche Theaterbesucherin Herbst geht dann in Bibliotheken sowie auf Literaturveranstaltungen und kauft natürlich auch viele Bücher. "Der Kauf von Lyrikbänden und Anthologien ist schon fast wie eine Sucht", gesteht sie sich lachend ein. Sie beschäftige sich mit Literaturen verschiedener Länder und komme durch die Lyrik in Kontakt mit anderen Kulturkreisen. "Asiatische Gedichte zum Beispiel gefallen mir ganz besonders, sie sind häufig kurz, aber sehr bildhaft und prägnant", sagt die blonde Pensionärin. Manchmal gestalte sich die Suche schwieriger, manchmal begegnen ihr sofort viele passende Gedichte. "Dann wird mir bewusst, dass Lyrik ernst, besinnlich, absurd, heiter und noch vieles mehr sein kann."
Sobald genügend Gedichte gesammelt wurden, treffen sich die Herausgeberinnen, um im gemeinsamen Austausch 52 Werke auszuwählen. Alle potentiellen Gedichte liegen weit ausgebreitet auf dem Boden, und die drei lesen sich die Gedichte gegenseitig vor. Dann wird diskutiert und verglichen. Natürlich sind einige Dinge bei der Auswahl zu beachten, wie zum Beispiel Feier- und Gedenktage. "Manchmal ist es schwierig, angemessene Gedichte zu finden. Sie sind aber auch besonders wichtig, da sie das Gerüst des Kalenders bilden." Zudem sollen sich die Gedichte nicht doppeln, und ein Autor darf nur einmal im Kalenderjahrgang erscheinen. Auch wenn es durchaus zu Meinungsverschiedenheiten kommen könne, herrsche immer eine harmonische Atmosphäre. "Jeder hat eben einen anderen Blickwinkel, das ist das Tolle an dem Austausch." Nach erfolgreicher Auswahl beschäftigen sich Grafikerinnen mit den Gedichten und machen Gestaltungsvorschläge für die einzelnen Postkarten. Jedes Gedicht wird farbig oder auch typographisch illustriert und so entsprechend seiner Thematik in Szene gesetzt. Die Pädagogin vermutet, dass dies besonders gut bei den Lesern ankomme und einen wichtigen Teil zum Erfolg des Kalenders beitrage. "Gedichte sind etwas sehr Lebendiges, und durch die grafische Gestaltung kommt diese Lebendigkeit besser zur Geltung."
Hiltrud Herbst richtet sich mit ihrem Kalender nicht an eine bestimmte Zielgruppe. Die "Fliegenden Wörter" seien für alle gedacht, egal ob alt oder jung. Herbst, die auch gerne ihrer Enkelin Gedichte vorliest, freue sich sehr über positive Rückmeldungen und schätze die Auseinandersetzung mit den Lesern. Viele Menschen schreiben ihr, welche Gedichte ihnen besonders gefallen oder was sie sich im nächsten Jahr wünschen. "Einmal bat sogar jemand um eine vergriffene Auflage des Kalenders mit der Begründung, seine Frau drohe ihm sonst mit Scheidung", berichtet sie amüsiert.
Auch mit Kritik der Leser setze sie sich gerne auseinander. Die Mutter eines Sohnes übernimmt auch organisatorische Aufgaben und die Vermarktung des Kalenders. Aufgrund der großen Menge an Büchern auf dem Markt sei das Geschäft teils auch harte Arbeit. "Wenn man etwas im Herzen gern macht, so wie ich den Kalender, dann sind auch herausfordernde oder weniger schöne Aufgaben kein Problem."