Die Lektoren kleiner Dresdner Verlage versuchen, Manuskripte einfühlsam, aber ehrlich zu redigieren. Der Autor hat das letzte Wort.
Andere zu verbessern ist im Allgemeinen nicht gern gesehen. Für Leif Greinus und Karina Fenner ist es Bestandteil ihres Berufes. Wenn man ihnen auf der Straße begegnete, würde man es ihnen wohl kaum ansehen, da sie sich in Jeans und Pulli zumindest äußerlich nicht von der breiten Masse abheben. Doch am Küchentisch des kleinen Verlages Voland & Quist hoch über einer geschäftigen Straße in Dresden erzählen sie davon, wie man sich ein Lektorat vorzustellen hat, das einen unabkömmlichen Teil des Prozesses darstellt, den das Manuskript eines Textes vor der Veröffentlichung durchläuft. Nachdem sich der Verlag für dieses entschieden hat, suchen sie nach Verbesserungsmöglichkeiten, die sie dann mit den Autoren besprechen. Dabei werden Rechtschreibung und Grammatik jedoch erst zum Schluss begutachtet, erst wird der Fokus auf Inhalt und Stil gelegt.
Bei der Suche nach Logikfehlern und falschen Fakten ist und bleibt die erste Anlaufstelle Google; dies reicht jedoch längst nicht in allen Fällen aus. Beispielsweise sind im gerade erschienenen Roman "Der ungarische Satz" viele intertextuelle Bezüge vorhanden, wobei der Autor Andrej Nikolaidis andere Autoren zitiert oder sich auf ihre Werke bezieht. "Wenn man so was hat, dann lohnt es sich schon mal, in das Werk des anderen Autoren reinzuschauen", meint Fenner. "Ein paar andere Bücher stehen also auch schon auf dem Schreibtisch."
Bei Stilfragen helfen den beiden sowohl langjährige Texterfahrung als auch ein sensibles Sprachgefühl, meistens können sie sich auf ihre Intuition verlassen. Dabei würde es ihnen nicht einfallen, den persönlichen Stil der Autoren stark zu verändern. "Das ist wie eine Farbe, und die muss die ganze Zeit erhalten sein", erklärt Greinus. Es ist ihnen wichtig, mit den Autoren gemeinsam am Text zu arbeiten und mögliche Änderungen zu besprechen. Aufgrund des guten Verhältnisses zu ihnen funktioniert dies gut. Jedoch können sie sich vorstellen, dass es mitunter frustrierend sein kann, wenn man sich sicher ist, die bessere Variante anzubieten, der Autor sich aber dagegen ausspricht. Allerdings habe bei ihnen dieser das letzte Wort. Einmal hätten sie einen Kompromiss über das Ende eines Textes schließen müssen, das sie gern anders gehabt hätten. Nach der Änderung sei es nicht mehr stimmig gewesen, letztlich blieben alle Beteiligten unzufrieden. "Daran merkt man, dass da ganz viel Subjektivität eine Rolle spielt, und das ist mitunter die größte Schwierigkeit", sagt Fenner.
Die Ansicht, dass ein Lektor ein guter Diplomat sein muss, vertritt auch Helge Pfannenschmidt, Ein-Mann-Verleger der im Zentralwerk, einem alten Industriebau in Dresden-Pieschen, zwischen Ateliers, Proberäumen und Werkstätten beheimateten edition AZUR. Was der freie Lektor sagt, lässt keinen Zweifel daran, dass ihm die Arbeit mit Autoren am Herzen liegt: Besonders, wenn man merke, dass ein Autor in seinem Text schmerzhafte persönliche Erfahrungen verarbeite, sollte man seine Kritik vorsichtig formulieren "und emotionale Intelligenz besitzen, um zu wissen, wo man einen Schlusspunkt setzt". Gleichzeitig meint er, dass ein Lektor auch das Rückgrat haben müsse, im Zweifelsfall zu sagen, das Manuskript sei noch nicht gut genug, und anzumerken, woran der Autor noch arbeiten sollte.
Für diese Gratwanderung zwischen Einfühlsamkeit und Ehrlichkeit muss die Chemie zwischen Autor und Lektor stimmen und ist viel Vertrauen notwendig. Die Richtigkeit der Sprache ist ebenfalls ein großer Bestandteil seiner Arbeit. Teilweise müsse man jedoch abwägen, ob Genauigkeit oder Authentizität gefragt ist. Glaubhafte Romanfiguren sollten nicht sprechen wie gedruckt, sondern wie normale Menschen. "Wenn ich gesprochene Sprache im Text abbilde, dann muss sie nicht korrekter sein, als sie gesprochen wird." Bei Sachbüchern dagegen ist es wichtig, so korrekt wie möglich zu arbeiten. Nur so kann man beispielsweise den Unterschied zwischen einem Fakt und einer Vermutung kennzeichnen.
Bei vielen stilistischen Fragen helfe der Duden auch nicht weiter, sondern nur Texterfahrung. Trotzdem vergehe kein Tag, an dem er nicht selbst noch etwas nachschlagen müsse. Manchmal reicht dies aber nicht aus, um jemanden von der korrekten Variante zu überzeugen. Einigen Autoren könne er sogar die entsprechende Stelle in einem der 30 Wörterbücher zeigen, die in seinem Büro aufzufinden sind, und sie würden weiterhin auf ihren Standpunkt beharren. In diesen Fällen reagiert er einfach mit Gelassenheit. Immerhin stehe am Ende der Name des Autors dafür und nicht seiner. Dann lege er auch Wert darauf, dass sein Name nicht im Impressum erscheine. Er wolle nicht für etwas den Kopf hinhalten, was noch Fehler enthalte. Sei es Fenner, die während der Unterhaltung mehrmals das Telefon ignoriert, um eine Unterbrechung zu vermeiden, Greinus, der gerne eine Ausgabe des bei Voland & Quist erschienenen Buches "Ich hasse Menschen – Eine Abschweifung" verschenkt, oder Pfannenschmidt, der mit viel Gestik und einem Leuchten in den Augen von einer Reise mit der Autorin Nancy Hünger und der daraus entstandenen Geschichte schwärmt – wer ihnen zuhört, versteht schnell, dass die professionellen Verbesserer als Liebhaber der Sprache für Literatur brennen und mit ihrer Spitzfindigkeit nur das Beste im Sinne haben.
Doch wer glaubt, ein Lektor wäre vor sprachlichen Missgeschicken gefeit, liegt falsch. Sie sind schließlich auch nur normale Menschen. "Mir passiert es auch schon, dass ich zu Hause falsche Imperative verwende, dass ich sage: 'Ess das jetzt auf!'" sagt Pfannenschmidt schmunzelnd. "Da werde ich auch manchmal drauf hingewiesen, und da sage ich immer: 'Ich habe aber jetzt Feierabend.'"