Wenn das Wetter passt, setzen wir uns rein und fahren weg", schwärmt die 1973 geborene Orschi Rösser übers Campen. Erlebte man in der Zeit des Wirtschaftswunders einen enormen Aufschwung des Campingurlaubs, war er dann lange verpönt. Nun kommt der Aufschwung zurück. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland fast 60 000 neue Wohnmobile und Wohnwagen zugelassen, und es gibt hier mehr als 2900 Campingplätze.
Dies genießen viele der Camper, die ihren Urlaub mit einer Rundreise verbringen und jede Nacht an einem anderen Ort bleiben. Das Ehepaar Rösser aus Karlstadt mit ihrer Tochter, die in die vierte Klasse geht, beispielsweise besuchte während einer 16-tägigen Rundreise durch Österreich und Italien zehn Campingplätze.
Laut der Studie "Der Campingmarkt in Deutschland" des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie können sich alle fürs Campen begeistern, abgesehen von Jugendlichen bis 19 Jahren und die über 70-Jährigen. Das zeigt sich auf den Plätzen. Auf den Wegen liefern sich die Kleinsten Rennen auf ihren Laufrädern, während die etwas Größeren auf dem Spielplatz toben, vor der Rezeption spielen die Zehnjährigen Federball, Kinder hört man immer lachen. Studentengruppen grillen jeden Abend. Bis spät hört man sie noch zur Gitarre Lieder singen. Die Ältesten können mit Tipps für Ausflüge und das abendliche Essengehen in der Umgebung dienen, die Campingplatzomas und -opas mit ihrem unerschöpflichen Erfahrungen und Ratschlägen bei Problemen sind nicht wegzudenken. Durchschnittlich 45,3 Jahre ist ein deutscher Camper alt, und er verbringt seinen Urlaub lieber im In- als im Ausland. Roswitha und Karl Wolfinger, beide grauhaarig und seit 52 Jahren glücklich verheiratet, sind dafür ein perfektes Beispiel.
Neun Jahre lang hatte das Ehepaar aus Schrozberg, einer Stadt in Baden-Württemberg, die bekannt für ihre Molkerei ist, einen Dauerstellplatz auf dem Campingplatz in Wertheim, der idyllisch am Main liegt, so dass man aus dem Wohnwagenfenster die vorbeifahrenden Schiffe beobachten, schwimmen oder Boot fahren kann. Das machte Familie Wolfinger häufig, das Schlauchboot wurde mit dem Staubsauger, umgestellt auf Pusten, aufgeblasen. Kinder anderer Camper nahmen sie mit zur "Kartoffelbucht", einer kleinen Bucht mit Sandstrand auf der anderen Mainseite. Andere Reisen führten sie an Nord- und Ostsee, nach Berlin, in den Spreewald und als einziges ausländisches Ziel nach Holland zur Tulpenblüte. Die Wolfinger besaßen erst einen Wohnwagen, stiegen später aber auf ein Wohnmobil um. Für Familie Rösser stand von Anfang an fest, dass es ein Wohnmobil sein muss. Manfred Wolfinger, der 52-jährige Sohn von Karl und Roswitha, dem man den Abenteurergeist an seinem lockeren Auftreten anmerkt, und seine vier Jahre jüngere Frau Andrea, die in Rödersdorf, einem Dorf nahe Rothenburg, leben, suchen auf Reisen die Unabhängigkeit. Dies zeigt sich an dem Gefährt, mit dem sie manchmal unterwegs sind: ein von Manfred Wolfinger selbst umgebauter Lastwagen mit Aufbau. Den Reiz des Campens macht für jeden etwas anderes aus.
"Da nimmt man den Atlas, sucht, guckt und überlegt sich, in welche Richtung es gehen soll", erklärt die 72-jährige Roswitha Wolfinger lächelnd die Urlaubsplanung. Einfach, wenn es gerade passt, losfahren zu können begeistert auch Orschi Rösser, die Ungarin, die eigentlich Orsolya heißt und erst in Deutschland diesen Namen annahm. Die Abwechslung, mit dem Wohnmobil weiterfahren zu können, wenn es einem nicht gefällt, begeistert die Camperin, die zwar noch nicht lange, aber mit Begeisterung unterwegs ist. "Gefällt dir der Platz, bleibst du halt noch ein paar Tage länger, sonst fährt man weiter", meint sie. Große Planung ist nicht wichtig, um einen schönen Urlaub zu haben, stellt sie fest, als beim zweiten Urlaub mit dem Wohnmobil trotz fehlender Planung alles glattläuft.
Die Suche nach Freiheit treibt immer mehr Menschen auf die Campingplätze, da sie sich im Arbeitsleben eingeengt fühlen. Auch die Ungezwungenheit begeistert viele. Dem stimmt Orschi Rösser zu. Sie sieht sich frei von den Verpflichtungen, die es in Hotels gibt. Auf dem Campingplatz kann sie selbst entscheiden, wann sie frühstücken möchte, und muss sich nicht an Zeiten halten. Auch nicht immer schick angezogen und geschminkt sein zu müssen, empfindet sie als befreiend. Hier kann man ungeschminkt und mit wirrem Haar in der Wohnmobiltür stehen, die Tasse Kaffee in der Hand und den Nachbarn beim Aufwachen zusehen. Die Luft riecht frisch, die meisten Plätze liegen in der Natur.
Auch jene, die kein Zelt oder einen Wohnwagen besitzen, müssen nicht darauf verzichten. Wohnmobile und Wohnwagen kann man leihen. So kam die Familie Rösser zum Camping. Die Reklame einer Wohnmobil-Vermietung machte sie auf das Thema aufmerksam. Sie probierten es aus und kaufte wenige Jahre später das erste eigene Wohnmobil. Wem der Aufwand des Mietens zu groß ist, kann oft sogenannte Mobile Homes beziehen, fest installierte Wohnwagen oder kleine Holzhütten.
Nicht nur der Markt für Campingausrüstung verändert sich. Roswitha Wolfinger, die seit 1975 begeistert campt, berichtet, dass sich die Campingplätze verändert haben. Heute befänden sich dort oft Läden, mehr Aktivitäten werden angeboten. Ihr drei Jahre älterer Mann Karl stimmt zu. "Die Campingplätze waren früher einfacher." Auf vielen gibt es mittlerweile kleine Läden für den Grundbedarf. Manche stellen Freizeitgeräte zur Verfügung, angepasst an die Umgebung. In Wintersportgebieten sind die Campingplätze besonders auf Wintercamper eingerichtet, anderenorts spezialisiert man sich auf Reiter oder Golfer, weitere stellen Fahrräder oder Kanus bereit. Der neu aufgekommene Trend des Glampings bietet allen, die es nicht einfach, sondern lieber luxuriös mögen, die Möglichkeit an der Naturnähe teilzuhaben. Der Begriff setzt sich aus den Wörtern Camping und glamourös zusammen. Untergebracht wird man in aufwendig eingerichteten Zelten, Tipis, Baumhäusern oder Wohnmobilen. In diesen finden riesige Doppelbetten, ein gemütliches Sofa oder eine Badewanne ihren Platz. Manche dieser Unterkünfte verfügen sogar über Personal, das sich um die Lieferung des Frühstücks und die Betten kümmert.
Dass das Camping wieder beliebter wird, hat auch Nachteile. Dass etwa die Campingplätze nun häufig überlaufen sind, stört Andrea Wolfinger, somit seien Vorbuchungen in der Hauptsaison nötig, was die Spontanität einschränke.
Doch am Ende bleiben die schönen Momente hängen. Lachend berichten Roswitha und Karl Wolfinger über ihre Erlebnisse, die sie während 43 Jahren Camper-Zeit gemacht haben. Bei ihrer Ankunft wurden sie herzlich von anderen Dauercampern begrüßt, sofort stellte sich das Urlaubsgefühl ein. Amüsiert schildert er, wie man rannte, wenn die am Ufer zum Trocknen ausgelegten Fußmatten von den großen Wellen bedroht waren, und wie die Wellensittiche sich ebenfalls über die Bekanntschaften freuten, wenn alle drei Käfige an der Grundstücksgrenze zusammengestellt wurden. "Da erinnerst du dich immer wieder dran", sagt Roswitha Wolfinger mit einem sehnsuchtsvollen Lächeln. Karl erklärt nicht ohne einen gewissen Stolz, man habe auch die Kinder samt Familie infiziert.