Taue ziehn, Segel setzen

Das ist ein Gefühl der Freiheit", schwärmt Schülerin Theresa Brendle, während sie sich auf dem Deck der Catharina van Mijdrecht sonnt. Das Schiff schaukelt leicht auf den Wellen, es weht ein leichter Wind, die Sonne prallt herab. Die meisten der 20 Elftklässler des Dossenberger-Gymnasiums Günzburg an Bord ruhen sich nach der anstrengenden neunstündigen Hinfahrt von Günzburg in Bayern nach Den Oever in Holland aus. Zeit wird relativ, während das Schiff auf dem Wasser gleitet. Die Gäste "entschleunigen" wie von selbst.

 

Die Catharina wurde 1916 als eines der letzten segelnden Frachtschiffe gebaut und bekam 1932 einen Dieselmotor. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Segelschiffe verschrottet. Aber eine neue Bewegung entstand, die die Schiffe für einen wichtigen Teil der Geschichte hielt. Um die Renovierung zu finanzieren, bot sie Segelreisen an. Heute gibt es etwa 400 traditionelle Segelschiffe in den Niederlanden. Seit 1986 ist die Catharina ein Charterschiff. Schul-, Familien- und Freundesgruppen können aktiv oder passiv segeln. Firmen nutzen eine Schifffahrt als Teambuildung-Aktivität, als Konferenzort oder Betriebsausflug. Es gibt die Wahl zwischen ein- oder mehrtätigen Fahrten, Selbstversorgung oder Catering.

 

Die Schulgruppe hat sich für eine fünftägige Fahrt mit Selbstversorgung entschieden und muss beim Segeln mithelfen. Skipper Jos Rodewijk spricht Deutsch und hat Gruppen eingeteilt, die für die Segel zuständig sind. Mit seinen blondgrauen Haaren und dem Bart sieht er aus wie ein richtiger Seemann. Aufgewachsen im Südholländischen Seengebiet, segelte er mit zwölf Jahren bereits selbständig.

 

Die Schüler müssen gleich bei der Abfahrt mit anpacken, Knoten machen, das Segel mit hochziehen, die Taue ordnen. Im Lauf der Woche werden sie noch einiges lernen. Sie sind fast den ganzen Tag an der frischen Luft, helfen bei den ungewohnten Aufgaben, die körperlichen Einsatz erfordern, spielen Karten und entspannen sich. Die Kajüten sind eng. Um nicht seekrank zu werden, bleiben sie meistens an Deck, den Horizont zu sehen, hilft gegen Übelkeit.

 

Danny Honig, kinnlange braune Haare und praktisch gekleidet, hat ihnen verschiedene Knoten gezeigt. Sie macht bei Tagesfahrten das Catering, weil die Schüler sich selber Essen mitgebracht haben, ist sie die Matrosin. Schon Dannys Eltern fuhren zur See und arbeiteten auf Cruiseschiffen der Holland-Amerika-Linie.

 

Dieser Tag bleibt nicht so entspannt. Jos und Danny schreien sich laut auf Holländisch an. Die Gäste müssen mithelfen, die Segel herunterzuholen, ohne zu wissen, wieso. Im Nachhinein erfahren sie, dass sie beinahe auf eine Sandbank aufgelaufen wären. Rumms. Das Schiff bleibt wenig später tatsächlich stehen. Danny lässt eine Strickleiter hinunter. Einige Schüler gehen mit hochgekrempelten Hosen oder in Schwimmsachen ins Meer. Das Wasser ist hüfttief und nur leicht salzig, da sie zwar bereits im Wattenmeer sind, aber noch das Süßwasser des Ijsselmeers mitwirkt. Nachdem das Wasser weiter sinkt, machen sie eine Mini-Wattwanderung. Auf dem Boden sind Quallen und Krebse verstreut. Die Schüler wandern ein Stück vom Schiff weg, allerdings nicht zu weit, denn bald kommt die Flut. Sie klettern zurück und fahren mit Motor weiter, bis sie die Insel Texel erreicht haben. Nach Stadtbesichtigung und Abendessen fallen alle erschöpft ins Bett. Untergebracht sind sie in Vierer- oder Zweierkajüten, die Kojen sind übereinander. Es ist so eng, dass selbst die kleineren Schüler in den Kojen nicht aufrecht sitzen können. Einen Schlafsack oder eine Decke haben sie selbst mitgenommen. Durch den starken Ostwind schwankt das Schiff stark.

 

"Jeder Tag ist anders", sagt Jos. "Die Leute sind verschieden. Das bedeutet aber auch, dass es sein kann, dass eine Gruppe nicht so fit ist. Außerdem kann es ein Nachteil sein, jeden Tag umschalten zu müssen. Es ist nie: Das, was ich gestern gemacht habe, mache ich heute wieder. Die Arbeitstage sind lang. Wenn viel Wind ist, muss man die ganze Zeit beobachten, dass nichts schiefgeht." Viel schiefgegangen sei in den 18 Jahren, seit denen er das Schiff besitzt, nicht. "Kleine Unfälle passieren schon mal. Zum Beispiel haben manche die Finger zwischen die Türen geklemmt, das Tau in der Hand rutschen lassen. Letztes Jahr ist eine Gruppe von Schülern auf dem Baum, das ist die Stange, die am unteren Teil des Mastes drehbar angebracht ist, gewesen und ins Wasser runtergefallen, aber es gab keine Verletzten." Im Lauf der Woche erleben die Schüler diese Unberechenbarkeit. An manchen Tagen regnet und windet es. Die Catharina segelt von März bis Anfang November. Den meisten ist es im Winter zu kalt. Außerdem kann es sein, dass das Ijsselmeer zufriert.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.08.2018, Nr. 180, S. 30 - Theresa Ruf

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