Youare leaving the American sector", warnt ein riesiges, etwas angeschmuddeltes Schild in den Sprachen der Berliner Besatzungsmächte: Englisch, Russisch und Französisch. Darunter noch auf Deutsch. Auf dem Mittelstreifen der Friedrichstraße zwischen Kochstraße und Zimmerstraße türmt sich eine Mauer aus Sandsäcken vor einer hölzernen, weißen Kontrollbaracke mit der Aufschrift U.S. Army Checkpoint. Davor stehen amerikanische Soldaten mit US-Flaggen stramm. Bei diesem Szenario handelt es sich um eine mit Schauspielern ausgestattete Replik des Checkpoint Charlie, des ehemaligen Grenzübergangs zwischen Ost- und West-Berlin, den die Besatzungsmächte, Diplomaten und Ausländer benutzen mussten. Zugleich war der Checkpoint auch ein Ort erfolgreicher Fluchten und Fluchthilfen.
"Vor der Wende war das hier eine gottverlassene Gegend in Kreuzberg", erinnert sich eine alteingesessene Berlinerin. Heute tobt hier das Leben. Bewaffnet mit Kameras, Smartphones und Selfie-Sticks passieren Besucher aus aller Welt die Souvenirläden und Fastfood-Restaurants, um am Checkpoint Charlie die ehemalige Teilung der Stadt nachzuempfinden und sich aus historischer Distanz ein wenig zu gruseln. Dabei hilft auf der einen Seite der Friedrichstraße das Panoramabild von Yadegar Asisi über das geteilte Berlin und auf der anderen Seite das "Mauermuseum" oder "Haus am Checkpoint Charlie". Mit 850 000 Besuchern jährlich gehört es zu den meistbesuchten Museen der Stadt.
Hier findet man eine Ausstellung zum geteilten Berlin und zu den vielen gelungenen oder gescheiterten Fluchtversuchen samt den Flucht-Hilfsmitteln. Schon am 19. Oktober 1962, also nur zehn Monate nach dem Bau der Mauer am 13. August 1961, gründete Rainer Hildebrandt, Historiker, Publizist und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, das Museum und brachte es zunächst in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Berlin-Gesundbrunnen unter. Am 14. Juni 1963 wurde dann das "Haus am Checkpoint Charlie" eröffnet. "Mein verstorbener Ehemann Rainer hat das Museum als Zeichen seines Widerstands gegründet", berichtet Alexandra Hildebrandt. Sie hat das Museum nach dem Tod ihres Mannes 2004 übernommen und führt es bis heute als Privatmuseum weiter. "Das Museum sollte möglichst nah am Unrecht sein, denn so konnte man menschlicher handeln und helfen", erklärt Hildebrandt, die in Kiew in der Ukraine, damals noch Sowjetunion, geboren wurde und mit starkem Akzent spricht. Fluchthelfer konnten damals durch ein kleines Fenster des Hauses am Checkpoint Charlie alle Bewegungen am Grenzübergang beobachten. Flüchtlingen konnte dann, direkt nachdem sie aufgenommen wurden, vor Ort im Haus geholfen werden. "Das Museum ist organisch mit der Zeit mitgewachsen. Das ist die größte Besonderheit." Viele Exponate von gelungenen oder gescheiterten Taktiken, Erfindungen und Entwürfen für Fluchtversuche dokumentieren dies. Sie gelangten durch Fluchthelfer und Freunde ins Museum. Die zwei Etagen des Museums reichen kaum für diese Fülle aus.
Im unteren Teil der Ausstellung geht es um die Geschichte Deutschlands zur Zeit des Nationalsozialismus und darum, was während und nach dem Zweiten Weltkrieg geschah. "Es ist wichtig, die ganze Geschichte zu erzählen, um die Besucher einzuführen", erklärt die 58-Jährige. Es soll dargestellt werden, warum die Mauer gebaut wurde. Tritt man ein, so empfängt einen Stille. Besucher mit ernsten Gesichtern lesen aufmerksam die Informationstafeln. Nur gelegentlich hört man eine Stimme aus den Kopfhörern der Audioguides oder leise Musik aus einem der vielen kleinen Fernseher. "Die Besucher sind vor allem Touristen", sagt Alexandra Hildebrandt. Unter ihnen seien immer wieder Prominente und hochrangige ausländische Politiker. Sie lassen sich Zeit und verlieren sich in dieser fremden Welt. Betroffen betrachten sie dicke Bücher mit vergilbten, laminierten Seiten, auf denen die Namen aller Todesopfer des sowjetischen NKWD-Lagers von 1945 bis 1950 zusammen mit den Todesursachen festgehalten wurden. Über eine Treppe gelangt man in den oberen Teil der Ausstellung. Dieser ist hauptsächlich der Geschichte der beiden Teile der Stadt Berlin gewidmet. "Das ist ein Spiegel der Zeit vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Öffnung der Berliner Mauer und Wiedervereinigung."
Zunächst steht man auch hier in einem Raum mit beeindruckend vielen Informationen auf Tafeln, verblassten Fotos und Filmbeiträgen zum Aufstand vom 17. Juni 1953. Es folgen Beiträge, die eine genaue Zusammenfassung der Ereignisse um den Bau der Berliner Mauer liefern. Mehr als 5000 Menschen gelang in den Jahren danach die Flucht über die Mauer. Interviews mit Zeitzeugen ergänzen die Exponate und erzählen dramatische Fluchtgeschichten. "Viele Besucher bleiben vor dem Heißluftballon stehen. Eine Familie mit vier Kindern ist damit über die Grenze geflüchtet." Der improvisierte Heißluftballon besteht aus einem alten Segeltuch, einem kleinen Motor mit Brenner und einer Plattform zum Stehen, die nur mit Seilen an das Tuch geknotet ist. In einem weiteren Raum steht ein Auto, an dem unterschiedliche Fluchttaktiken gezeigt werden. Zum Beispiel wurde eine Schaufensterpuppe als Autositz verkleidet. Für die Flucht holte man den Beifahrersitz aus dem Auto und beseitigte das Innenleben. Der Flüchtling damals stieg in die Hülle des Sitzes und setzte sich dann in das Auto, so dass man ihn nicht mehr ausmachen konnte. Ein Zeitzeuge berichtet im Audioguide, dass er mit einem Versteck im Autotank über die Grenze geschmuggelt wurde. Man musste sich immer wieder neue Methoden überlegen, da die Grenzbeamten dazulernten. Am Anfang versuchten viele Ost-Berliner, über Tunnel nach West-Berlin zu fliehen. In 13 der 25 bekannten Tunnel gelang die Flucht. Fotos des Fluchthelfers Reinhard Furrer, des späteren Astronauten, zeigen einen solchen Stollen, der über mehrere Monate gebaut wurde. An zwei Abenden konnten 57 Personen fliehen. Deshalb bekam er die Bezeichnung Tunnel 57.
Für Alexandra Hildebrandt gehört die Totenmaske von Andrej Sacharow zu den besonderen Exponaten. "Er gründete ein Komitee für Menschenrechte in der Sowjetunion und setzte sich für das Selbstbestimmungsrecht zum Beispiel von Kurden oder Armeniern ein. Außerdem wollte er die sowjetische Verfassung reformieren." Sacharow wurde 1975 der Friedensnobelpreis verliehen. Seine Totenmaske überreichte seine Frau Jelena Bonner.
"Die Welt ist so gut gebaut, dass es gegen jedes Unrecht stärkere, es bezwingende Gegenkräfte gibt. In allem Unrecht dauert das Recht fort, in aller Unwahrheit die Wahrheit, in allem Dunkel das Licht", zitiert Hildebrandt Mahatma Gandhi. Für sie ein Leitspruch des Museums.