Achtung! Hier hat der Pudel das Sagen!" Kaum hat man das Schild gelesen, ahnt man, was gemeint ist, wenn acht Zwergpudel in allen möglichen Farbvarianten auf einen zugestürmt kommen. Auch wenn die Tiere sie den ganzen Tag auf Trab halten, das Sagen hat hier, anders als das Schild es behauptet, immer noch Dagmar Grasnick. Die 63-Jährige hat sich vor sechs Jahren ihren Kindheitstraum mit der Eröffnung ihrer Pudelzucht "Haus der kleinen Locken" in Storkow bei Berlin erfüllt. "Als Kind wollte ich immer Hundezüchterin werden. Als ich dann in Frührente ging, fiel mir dieser Wunsch wieder ein, und ich fing an, mir nach und nach mein Kleingewerbe aufzubauen."
Grasnick hat sich allein mit ihren Tieren unweit des Storkower Sees in einem kleinen Haus niedergelassen. Im Gartenhaus befindet sich außerdem der Friseursalon, wo sie aus Pudeln das Schönste herausholt. Viel Geld verdient sie mit ihrem Gewerbe allerdings nicht. Meistens halten sich die Einnahmen und die Ausgaben im Bereich der Zucht die Waage. Einträglicher ist der Hundesalon, aber aus gesundheitlichen Gründen kann sie hier nur begrenzt tätig sein.
Eigentlich ist Grasnick Krankenschwester. Nachdem ihr rechtes Handgelenk bei einem Unfall zertrümmert wurde und weil sie zudem an starkem Rheuma leidet, konnte sie ihren Beruf nicht mehr ausüben. Schon früh hatte der Pudel ihrer Schwiegermutter sie mit seinem putzigen Wesen, seiner Intelligenz und seiner Anpassungsfähigkeit für sich einnehmen können. An sich mag sie alle Hunde, aber Pudel seien ihr am liebsten, nicht zuletzt, weil sie nicht haaren. "Als ersten Hund habe ich mir dann Cosima gekauft." Cosima ist ein kohlschwarzer Zwergpudel, so wie man ihn aus Goethes Faust kennt. Allerdings hat er ganz und gar kein teuflisches Wesen und ist deshalb bis heute ihr Lieblingshund. "Dann musste ich warten, bis Cosima eineinhalb Jahre alt war, und hoffen, dass sie als zuchttauglich galt. Ich habe bei allen acht Hunden wirklich viel in die dafür erforderlichen Untersuchungen investiert", erklärt die Züchterin.
Die Kosten für einen Deckrüden von bis zu 1000 Euro je Akt kommen noch hinzu. Am teuersten ist der Rüde, der die meisten Titel trägt und für die schönsten Welpen bekannt ist. Wie oft ihre Hündinnen Welpen bekommen, ist verschieden. Da sie die Welpen in einem Gehege in ihrem Wohnzimmer aufzieht, ist oft gar kein Platz für gleichzeitige Würfe verschiedener Hündinnen. Anders als andere Züchter lässt sie die Tiere die Geburt allein machen und macht nur die Nase der Welpen frei. "Viele Züchter sehen in Welpen schnelles Geld und nehmen sie der Mutter direkt weg, um sie sauberzumachen", kritisiert sie.
Im "Haus der kleinen Locken" kann man Welpen ab der achten Lebenswoche kaufen. "Es fällt mir bei jedem einzelnen Welpen schwer, mich zu trennen", sagt Grasnick und wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. "Ich habe für mich eine Art Ritual gefunden, bei dem ich jeden Welpen zum Auto bringe und ihn dort seiner neuen Familie übergebe." Wer einen Welpen aus Grasnicks Pudelzucht haben möchte, muss ihr geeignet erscheinen, sie verkauft nicht jedem Interessenten einen. "Da höre ich auf mein Herz", sagt sie.
Außerdem sei es ihr wichtig, dass die Pudelwelpen sozialisiert und an Geräusche des Alltags gewöhnt werden. Der endgültige Preis richtet sich nach Größe und Farbe; hier gilt, je kleiner das Tier und je schöner die Zeichnung des Fells, desto teurer. Die Welpen kosten zwischen 600 und 1000 Euro. "Der Preis ist absolut gerechtfertigt, wenn man die Deckgebühr, die Impfungen, das Chippen, die Zeit, die Arbeit und die Futterkosten bedenkt", erklärt Dagmar Grasnick. Beim Chippen wird ein Mikrochip unter die Haut implantiert, der ausgelesen werden kann und das eigene Tier von anderen unterscheidbar macht.
Aus ihrer Zucht stammen auch zwei Schulhunde und drei Therapiehunde. Ob ein Hund dafür geeignet ist, kommt auf den individuellen Charakter an, der laut der Züchterin oft mit der Stellung in einem Wurf zusammenhängt; so sind Erstgeborene eher Leithunde, andere offenbaren sich als Beschützer.
Des Pudels wahrer Kern liegt im Dunkel der Geschichte. "Der französische Wasserhund ist ein möglicher Vorfahre, denn ursprünglich war die charakteristische Schur auf die Jagd abgestimmt, bei der die Pudel Enten aus dem Wasser holen sollten. Da war zu viel Fell vor allem am Hinterteil hinderlich beim Schwimmen", erklärt Grasnick. "Die Menschen haben die Pudel in den letzten Jahrhunderten zum Idioten frisiert und sich ausgetobt. Ich bin aber froh, dass sie den Körper in Ruhe gelassen haben, anders als beim Mops zum Beispiel, dem man die Nase kürzer gezüchtet hat."
Wenn man sich in ihrem Haus und im Frisiersalon umsieht, entdeckt man unzählige Pokale. Wie viele es sind, weiß Grasnick nicht genau. Die Sammlung wird sich aber wahrscheinlich nicht mehr vergrößern, denn sie hat sich entschieden, nicht mehr auf Wettbewerbe zu gehen. "Ich persönlich finde das nicht mehr schön. Vor sechs Jahren dachte ich noch, dass man dort nette Leute mit dem gleichen Hobby kennenlernen kann. Mit der Zeit stellte sich aber heraus, dass man oft eher gegen- als füreinander arbeitet und jeder von sich denkt, den besten und schönsten Hund zu haben. Das ist nicht mehr meine Welt", sagt sie. "Viele gehen mit ihren Hunden dort in einer Art um, die ich nie mit mir vereinbaren könnte. Es ist doch eine Tortur für den Hund, wenn sein Hinterteil im Winter kahlgeschoren ist oder er vor einem Wettbewerb nicht urinieren darf, nur damit die Beine nicht nass werden." Die Pflege eines Pudels ist anspruchsvoller als die anderer Hunde, denn sein Fell muss nicht nur geschnitten, sondern geformt werden. "Etwa alle zwei Monate sollte man den Pudel schon scheren, sonst würden die Haare wohl unendlich weiterwachsen", sagt Grasnick. Pudel haben eine spezielle Haut, die seinem Besitzer den wenig geliebten Geruch eines nassen Hundes erspart. Da er aber so grazil auf seinen Ballen läuft, nutzen sich seine Krallen kaum ab, und man muss öfter zur Nagelschere greifen.
Dagmar Grasnick hatte sich damals auf die Zucht von Zwerg- und Toypudeln spezialisiert, weil sie aufgrund ihrer Größe praktisch für den Alltag sind und man sie fast überallhin mitnehmen kann. "Bei acht Hunden muss man immer konsequent sein und klarstellen, dass man der Chef ist. Ich bin aber selten mit allen gleichzeitig an der Leine in der Stadt unterwegs, und ins Restaurant nehme ich höchstens drei Pudel mit", sagt die Züchterin. Auch wenn ein Zwergpudel im Flugzeug noch als Handgepäck gilt, würde man mit acht Pudeln wahrscheinlich das Flugpersonal überfordern. Wenn sie verreise, dann mit dem Auto. Sie packt die Tiere in ihre Transportboxen und mietet meistens einen Bungalow.
Auch wenn sie es manchmal bedauert, dass sie ihren Beruf als Krankenschwester aufgeben musste und nun sieben Tage die Woche gebunden ist, sind alle acht Pudel für Dagmar Grasnick Familienmitglieder, die ihr Zuneigung und Geborgenheit geben und sich an sie kuscheln, wenn sie traurig ist. "Ich habe alle ihre Körbchen neben meinem Bett stehen, und wenn sie abends noch eine Streicheleinheit bekommen haben, dann liegen sie entspannt neben mir. Das ist mein Glück auf Erden", sagt sie. "Und da vermisse ich keinen menschlichen Ersatz."