Noch einmal ans Meer oder zum Spiel

Wenn man ihn von weitem sieht, denkt man, es sei ein ganz normaler Krankenwagen. Doch es ist kein normaler Krankenwagen, es ist der Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB). Blau, Weiß, Orange - das sind seine typischen Farben. Menschen helfen, Menschen einen letzten Wunsch erfüllen - das sind seine Aufgaben.

 

Klaus Müller (alle Patientennamen sind geändert), 58 Jahre alt, leidet an unheilbarem Krebs. Vor seinem Tod hat er noch einen letzten Wunsch. Er möchte auf die Hochzeit seines Sohnes Oliver nach Mainz. Es war ein sonniger Freitagmorgen im April. Klaus Müller wurde um 9 Uhr aus dem Krankenhaus abgeholt und zum Standesamt nach Mainz gebracht. Er war sehr aufgeregt und freute sich, dass er diesen besonderen Tag mit seinem Sohn und der gesamten Familie erleben durfte. Im Standesamt umarmte er ihn und seine zukünftige Frau Maria. Während der Zeremonie hatte er Tränen in den Augen, weil er glücklich war und an diesem Tag seine Krankheit und Sorgen für einige Stunden vergessen konnte. Nach der Hochzeitsfeier, am späten Nachmittag gegen 17 Uhr, wurde Klaus wieder nach Hause in seine Heimat ins Saarland gefahren. Dieser Tag war etwas ganz Besonderes für ihn und er war dankbar, dass der Wünschewagen ihm diese Fahrt ermöglicht hat, denn ohne ihn wäre die Fahrt aufgrund seines Gesundheitszustandes nicht möglich gewesen. Und genau das ist die Intention des Wünschewagens: "Unmögliches möglich machen", sagt Bernhard Roth, seit 20 Jahren Landesgeschäftsführer des ASB im Saarland.

 

An dem Projekt arbeiten viele ehrenamtliche Helfer, Rettungssanitäter und Pfleger mit. Hauptsächlich wird es durch Spenden finanziert. Zurzeit gibt es in jedem Bundesland mindestens einen Wünschewagen. "Gäbe es den Wünschewagen nicht, dann müsste man ihn erfinden, damit diesen Menschen in ihrem Leid noch einmal ein Lächeln in das Gesicht gezaubert werden kann", sagt der 60-Jährige voller Überzeugung.

 

Wie kann man eine Wunschfahrt buchen? Das Verfahren ist einfach. Die Angehörigen der erkrankten Person rufen beim ASB in ihrem Bundesland an und vereinbaren einen Termin mit der Person, die für die Wunschfahrten zuständig ist. Danach wird der Gesundheitszustand des Patienten geprüft, und der Arzt muss ein Attest ausstellen. Wenn der Patient transportfähig ist und der Wunsch realistisch ist, dann kann die Fahrt stattfinden.

 

Gustav Stein ist an Darmkrebs erkrankt. Der 57-Jährige hat noch einen letzten Wunsch. Er möchte ein Spiel seines Lieblingsvereins Bayern München live im Stadion sehen. Es war ein Samstagmorgen im März. Gustav und seine Frau Ina wurden um 11 Uhr zu Hause abgeholt und nach München in die Allianz-Arena gefahren, um dort das Spiel von Bayern München gegen den Hamburger SV zu sehen. An diesem Tag war er fröhlich, und ihm ging es nach langer Zeit mal wieder richtig gut, so dass er diesen Tag voll und ganz mit seiner Frau genießen konnte. Als sein Lieblingsverein dann auch noch 6:0 gewonnen hatte, freute er sich umso mehr. Seine Augen strahlten, er wirkte gelöst und zufrieden. Auch seine Frau war froh über diesen Tag. Auf der Fahrt nach Hause ins Saarland sprach er nur noch von dem Spiel und dass er dankbar sei, dass es dieses Projekt gibt, denn wegen seiner Krankheit konnten die Angehörigen diese Fahrt nicht allein durchführen und benötigten die Hilfe der Ehrenamtlichen.

 

Der Wagen ist ein Mercedes Sprinter. Er besitzt die Geräte wie ein Rettungswagen, unterscheidet sich aber in der Gestaltung deutlich davon. Die Medikamente, Sauerstoffgeräte, EKG und viele andere medizinisch notwendige Dinge sind so dezent untergebracht, dass sie nicht direkt ins Auge fallen. Außerdem ist im Innenraum an der Decke ein Sternehimmel angebracht, um die Fahrt gemütlicher zu machen. Zudem gibt es eine Soundanlage, Panoramafenster und besondere Beleuchtungseffekte. Während der Fahrt kann die Person Radio hören oder einen Film schauen.

 

Paula Kern, 55 Jahre alt, leidet an einem Lungenkarzinom. Die Überlebenschancen stehen schlecht. Auch sie hat noch einen letzten Wunsch. Sie möchte noch einmal mit ihrem Ehemann Maik ins niederländische Noordwijk, ein Seebad in der Provinz Südholland. Ihrem Arzt erzählte sie von dem Wunsch, der sich mit dem Team in Verbindung setzte und die Fahrt in die Wege leitete. So konnte Paula an einem Samstagmorgen im April mit ihrem Mann einen Tagesausflug nach Noordwijk unternehmen. Die beiden wurden um 10 Uhr zu Hause in Bochum abgeholt und zu ihrem Wunschort gefahren. Als sie nach einer langen Fahrt dort ankamen, war Paula überglücklich, denn das Paar hatte in der Vergangenheit diesen Ort schon öfter besucht, weshalb dieser Ausflug besondere Erinnerungen weckte. Durch die langen Krankenhausaufenthalte war es in den letzten Monaten nicht möglich gewesen, dorthin zu fahren. Am Strand spazieren gehen, die Füße in den Sand stecken, die Sandkörner zwischen den Zehen spüren, die salzhaltige Meeresluft spüren, das alles hatte Paula in der letzten Zeit so sehr vermisst. Sie war begeistert von den vielen Eindrücken, die sie an damals erinnerten. Gegen 18 Uhr traten sie die Heimreise an. Paula schwärmte die ganze Fahrt von dem tollen Tag am Meer mit ihrem Ehemann Maik.

 

Die Idee für dieses Projekt hatte Ralph Steiner, stellvertretender Vorstand des ASB Regionalverband Ruhr e. V.. Er war vor sieben Jahren in Israel im Urlaub und sah dort die Wish Ambulance. Die Ambulance ist eine Initiative der Magen David Adom Hilfsorganisation in Israel und beschäftigt 13 000 ehrenamtliche Helfer und 1300 Angestellte. Als er nach seinem Urlaub zu Hause ankam, recherchierte er und entdeckte dann, dass es in vielen anderen Ländern schon solche Projekte gibt, so etwa die Ambulance Wens in Holland, die seit elf Jahren im Einsatz ist. In Südtirol und Belgien gibt es schon Wünschewagen. Auch in China soll es bald welche geben. Für Ralph Steiner war klar: "Das müssen wir auch machen." Er brachte die Idee nach Deutschland und setzte sich dafür ein. Vor vier Jahren kam dann schließlich der erste Wünschewagen nach Essen. "Leider hat es viele unerfüllte letzte Wünsche gegeben, weil man den Wünschewagen nicht kannte. Das ist jetzt vorbei, und mit Hilfe der vielen ehrenamtlichen Helfer ist das Erfüllen von Wünschen auch möglich geworden", freut sich Bernhard Roth.

 

Die Nachfrage nach solchen Wagen ist in allen Bundesländern mittlerweile hoch, und sie sind jeden Monat mehrmals im Einsatz. Das Motto der Initiative lautet: Letzte Wünsche wagen!

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.08.2018, Nr. 198, S. 30 - Sarah Lanzer

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