Kaum angekommen, geht es los. Kurze Kontrolle der allgemeinen Befindlichkeiten der Patienten, kleine Unterhaltung und weiter. Was nach Stress klingt, ist für den Pfleger Christian Sperling "ganz normaler Alltag". Der Krankenpfleger, der in Wahrheit anders heißt, arbeitet im Lübecker Universitätskrankenhaus, in der einzigen Klinik mit Maximalversorgung Schleswig-Holsteins. "Obwohl die Patienten sich mit schwerwiegenden Diagnosen auseinandersetzen, komplizierte Operationen durchstehen und nebenbei auch soziale Probleme meistern müssen, wie zum Beispiel die Versorgung von Haus, Tieren oder eventuell zu pflegender Verwandtschaft, verlieren die meisten nicht ihren Humor", sagt der gebürtige Norddeutsche. "Während sich ein Arzt mit einem Patienten im Schnitt zehn bis fünfzehn Minuten pro Routinetag beschäftigt, ist das Pflegepersonal ständig bei den Kranken, muss auf eventuelle Fragen antworten und Notsituationen erkennen können."
Der 25-Jährige erinnert sich an einen Fall, da klagte ein Patient über starke Brust- und Schulterschmerzen, die bis in den Rücken hineinzogen. "Eigentlich lag dieser wegen eines Wirbelsäulenproblems im Krankenhaus." Sperling versuchte nach Kontrolle der wichtigsten Vitalwerte telefonisch sofort den behandelnden Arzt zu erreichen. "Ich leitete alle Maßnahmen ein, um den Patienten weitestgehend zu stabilisieren, damit sich der Zustand möglichst nicht verschlimmerte. Dafür lagerte ich den Oberkörper erhöht, gab ein erlaubtes Schmerzmittel und beruhigte den Patienten." Der Arzt stellte einen akuten Herzinfarkt fest. Durch Sperlings Umsicht konnte Schlimmeres verhindert werden.
An eine andere Situation erinnert Sperling sich gerne. "Eine junge Frau benötigte dringend eine Spenderniere, die Krankheit Lupus hatte sie stark gezeichnet. Händeringend suchten die behandelnden Spezialisten nach einem geeigneten Spenderorgan, doch der Zustand der Patientin verschlechterte sich zusehends." Er mobilisierte Freunde und Bekannte, sich testen zu lassen. "Völlig unerwartet bekamen wir die Nachricht, dass einer meiner Freunde tatsächlich zu 98 Prozent passen würde. Die beiden jungen Menschen überstanden die Eingriffe problemlos und sind heute noch ein Herz und eine Seele."
Sperling hat einige tragische Fälle erlebt. Er berichtet von einer jungen Mutter, die seit der Geburt ihres Kindes an langanhaltenden Durchfällen litt. Ihr Elektrolythaushalt geriet aus dem Gleichgewicht, ihr Mann fand sie leblos in der Wohnung auf. Im Verlaufe der Versorgung durch die Rettungskräfte fing ihr Herz wieder selbständig an zu schlagen, aber die Hypoxie-Zeit war zu lang gewesen, wodurch das Gehirn nicht mit Sauerstoff versorgt wurde. Ein Schicksal, das sich durch einen Arztbesuch hätte verhindern lassen können.
Einmal meldete sich die Besatzung eines Rettungshubschraubers. Der Pfleger half bei der Vorbereitung der Aufnahme des Schwerstverletzten, eines Verwandten. "Trotz des emotionalen Schmerzes arbeitete ich umsichtig und konzentriert alle wichtigen Aufgaben ab, um den in Not Geratenen höchstmögliche Überlebenschancen einzuräumen. Trotzdem kam jegliche Hilfe zu spät." Um von solchen Fällen abschalten zu können, empfiehlt er, sich eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu suchen und soziale Kontakte zu pflegen. "Jeder Beruf birgt in sich Risiken und Nebenwirkungen, Vor- und Nachteile. Aber es ist wundervoll, Menschen helfen zu können und den agierenden Ärzten mit Rat und Tat beiseitezustehen. Kein Roboter kann menschliche Nähe ersetzen."