Für jeden Patienten stellt er ein Team zusammen

Man lebt häufig so, als würde das Leben ewig weitergehen." Andreas Weber lächelt. "Wenn man dann realisiert, dass dem nicht so ist, führt das zu einer Intensivierung des Lebens. Man tut nur noch das, was einem wirklich wichtig ist." Der 57-Jährige ist Leiter der Mobile Palliative Care im Krankenhaus Wetzikon. Er betreut mit seinem Team bis zu 130 schwerkranke Patienten zu Hause, in Pflegeheimen oder im Krankenhaus. Begonnen hat er als Anästhesist in der Intensivmedizin, wo er auch in der Notfallstation arbeitete. Dort habe er oft unheilbar kranke Menschen gesehen, die mit schweren Leiden eingeliefert wurden. "Ich habe immer gemerkt, dass eine stationäre Behandlung nicht das ist, was diese Menschen wollen. Darum habe ich dann selbst begonnen, mich zu Hause um diese Schwerkranken zu kümmern. Irgendwann waren es dann so viele, dass ich gesagt habe, ich will jetzt nur noch in der Palliative Care arbeiten."

 

Das Ziel seiner Arbeit ist, die Patienten zu Hause betreuen zu können und dafür zu sorgen, dass eine Krankenhauseinlieferung bis zum Schluss vermieden werden kann. "Wir gehen zu den Patienten, wo auch immer sie sind, sie müssen nicht zu uns kommen, das ist unser Motto." Die meisten seiner Patienten leiden unter Krebs, aber auch Herz- und Lungenkrankheiten und neurologische Erkrankungen werden immer häufiger. "Etwa 80 Prozent der Patienten wünschen eine Behandlung bei sich zu Hause. In der Schweiz gelingt es bei weniger als 20 Prozent, sie zu Hause zu betreuen. Mit unserem Team sind wir bei 60 Prozent."

 

Seine Arbeitstage sind nicht planbar. "Manchmal habe ich für einen Tag nichts eingeschrieben und will etwas Büroarbeit erledigen. Am Ende komme ich gar nicht dazu, weil so viele Notfälle dazwischenkommen." Zu Hause kann er sich nur schwer von der Arbeit distanzieren, die Gedanken an seine Patienten gehen ihm nach. Er hat 24 Stunden Pikettdienst, also Bereitschaft. "Ich bekomme im Schnitt noch einmal pro Woche einen Anruf in der Nacht, wirklich raus muss ich dank des vorgeschalteten Pikettdienstes unserer Pflege nur noch etwa einmal im Monat." Er rückt sein weißes Polohemd zurecht und fährt sich durch die schwarzen Haare. "Das war wirklich viel schlimmer, als unser Team noch nicht so eingespielt war."

 

Er hat zwei Töchter, die jüngere ist 19 und studiert Medizin, die ältere ist 21 und studiert Rechtswissenschaften. Seine Frau ist Neurochirurgin in der Hirslanden-Klinik Zürich. Sie kommt aus Italien. "Wir gehen deshalb oft dort in die Ferien", erzählt Weber. "Ich bin aber auch sehr gerne in den Bergen und mache Sport. Ich schätze es, mit den Elementen verbunden zu sein." Er betreibt zahlreiche Sportarten, von Segeln bis zu Bergsteigen. Bis vor kurzem habe er auch Deltasegeln gemacht, doch nachdem er fast tödlich verunglückt wäre, hat er es aufgegeben. "Es war ein Startfehler. Ich wäre fast an einer Felswand runtergestürzt, konnte mich aber gerade noch an einem Bäumchen festhalten. Auf so viel Glück sollte man nicht vertrauen." Auch bei der Arbeit überlässt er nichts dem Zufall. Für jeden zu Hause betreuten Patienten stellt er ein individuelles Team aus Angehörigen und Freunden zusammen, informiert sie, wie sie in welchen Situationen handeln sollen. "Die Koordination ist der schwierigste Teil meines Berufes. Am Lebensende eines schwerkranken Menschen sind so viele Leute involviert, Hausärzte, Angehörige, manchmal auch Psychologen und Pfarrer. Alle müssen am selben Strick ziehen, sonst funktioniert es nicht."

 

Ein großes Problem aber ist, dass diese Koordinationsaufgaben mit den neuen medizinischen Tarifen von der Krankenversicherung nicht mehr vergütet werden. "Die Finanzierung ist ein großes Problem in der Palliative Care, die ganzen Gespräche unter Fachleuten und organisatorischen Dinge werden nicht bezahlt." Vor einiger Zeit hat Andreas Weber deshalb eine eigene Stiftung gegründet, die ihm und seinem Team die fehlenden Beträge finanziert. Die Spender sind vor allem Patienten, die nach ihrem Tod der Palliative Care Geld hinterlassen wollen. Zudem spenden auch Kirchen große Beträge. "Wir stecken das Geld vor allem auch in Projekte, die Patienten auf der spirituellen Seite unterstützen sollen. Das halte ich für sehr wichtig." Sein erstes Projekt heißt "Lebensspiegel". Dabei blicken die Patienten auf ihr Leben zurück und schreiben ihre Erinnerungen in einem Text nieder, den sie den Angehörigen überlassen. So können sie für ihre letzte Lebensphase Kraft schöpfen und friedvoll abschließen. An seinem Beruf fasziniert ihn Vieles. Die Dankbarkeit seiner Patienten und der Angehörigen sei unbezahlbar, sagt er. Das habe er in keinem anderen Bereich der Medizin so ausgeprägt erlebt. Noch ein Aspekt interessiert ihn brennend: "Ich denke oft über die existentiellen Fragen des Lebens nach. Was ist das Bewusstsein? Wo ist es, wenn man unter Narkose in einer Operation liegt? Wo ist es im Koma und nach dem Tod? Damit habe ich mich schon in der Anästhesie viel beschäftigt."

 

In der Palliative Care sieht Weber viel Zukunft. "Die Nachfrage wird sicher steigen. Die Menschen werden immer älter und erleben somit öfter komplexere Krankheiten. Zudem wollen jüngere Generationen immer mehr mitentscheiden. Das können wir ihnen bieten." Zuerst muss die Finanzierung sichergestellt sein. Das werde zur größten Herausforderung. "Es muss Lösungen auf Bundesebene geben." Er gibt sich zuversichtlich. "Insgesamt ist die Palliative Care kostenneutral. Man spart so viel Geld mit der Vermeidung von unnötigen Hospitalisierungen, das lohnt sich auf Dauer sehr."

 

Er selber möchte Abschied nehmen können. "Ich hatte einen Kollegen, der in einer Lawine umgekommen ist. Mit den Sportarten, die ich betreibe, könnte das auch mir passieren. Für den Betroffenen mag das okay sein, für die Angehörigen aber ist das viel traumatischer. Das wünsche ich meiner Familie nicht." Er lächelt und greift nach seinem Piepser.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.08.2018, Nr. 198, S. 30 - Katharina van der Weg

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