Unermüdlich fahren Züge über die Hohenzollernbrücke in den Kölner Hauptbahnhof ein. In einem stetigen Strom aus Menschen, Zügen, Gepäck und Bussen ragt das Centro Kommerz Hotel wie ein großer, grauer Klotz empor. In der Empfangslobby checkt Johannes Chriska, der anders heißt, mit seinem großen Cellokoffer ein. Der professionelle Musiker wird nun die Geräuschkulisse des umgebenden Verkehrs die nächsten drei Tage in den Ohren haben, denn so lange werden die Aufnahmen für die neue CD in Anspruch nehmen.
Chriska, der sich erst einmal einen Cappuccino bestellt, spielt in einem renommierten Orchester für Barockmusik und tourt mit diesem in der ganzen Welt umher. Die jüngsten Auftritte im Opernhaus von Sydney stecken ihm noch in den Knochen. Da habe die lange Anreise nach Köln von seinem Wohnsitz in München auch nicht unbedingt weitergeholfen, meint er mit einem leichten Seufzen. Im Zug zu schlafen kann er sich kaum erlauben, denn dort müsse er bereits Noten vorbereiten, die Partitur lesen oder sich Markierungen setzen, um seine Einsätze besser ins Gedächtnis zu bekommen. Dass man dann übermüdet zu den Proben oder Aufnahmen erscheint, sei leider normal, auch den meisten Kollegen ginge es oft so. Deswegen möchte der Musiker ungerne seinen wahren Namen preisgeben, aus Sorge, dass sonst in Zukunft Aufträge ausbleiben werden. Viele Musiker haben Schlafmangel. Das rührt einerseits von den vielen Reisen her, andererseits spielt die Aufregung bei und nach Auftritten eine entscheidende Rolle. Ausgeschüttetes Adrenalin lässt sich nicht blitzschnell nach dem Auftritt abbauen. So kommt es, dass sich viele Musiker oft noch Stunden nach ihrem Auftritt schlaflos in ihren Betten wälzen und sich ihr Körper nicht richtig regenerieren kann. Das führe oft dazu, dass alltägliche Anforderungen an die Musiker, wie zum Beispiel das Üben mit anderen Orchestermitgliedern und vor allem der ständige, öffentliche Auftritt, schnell zur physischen und psychischen Dauerbelastung würden. Es gibt nur wenige andere Beschäftigungen, die auf so komplexe Weise emotionale, körperliche und kognitive Aktivitäten verbinden, wie das Spielen eines Instrumentes. Daher gibt es auch kaum eine andere Berufsgruppe, die so zahlreiche und unterschiedliche gesundheitliche Probleme und Verletzungen aufweist, wie die der Musiker.
Klarinettisten, Oboisten, Horn und Fagottspieler klagen nach einigen Jahren als Musiker in Sinfonieorchestern häufig über Tinnitus oder über Hörstürze. Aus einer Studie der Universität Paderborn geht hervor, dass etwa 20 Prozent der älter als 30-jährigen und 45 Prozent der älter als 60-jährigen Musiker über Hörschäden klagen. Kein Wunder, denn sie sitzen meist genau vor den Pauken, Trompeten und Posaunen. "Diese produzieren während einem ordentlichen Forte schnell mal Töne in der Lautstärke eines startenden Airbus A380. Nicht sehr angenehm und definitiv ungesund", sagt Chriska. Er selbst habe diesbezüglich keine Probleme. Als Cellist sieht er sich anderen Risiken ausgesetzt. Cellisten und generell Musiker, die ein Streichinstrument spielen, bekommen häufig einen Tennisarm, wenn die Muskeln rund um den Ellenbogen stark überbeansprucht werden, sodass sie sich entzünden. Das passiert vor allem jüngeren Musikern, denen nach täglichem, intensivem Üben oder bei Auftritten oft noch die Leistungsfähigkeit im Muskel fehlt. Viele Cellisten bekommen mit zunehmendem Alter auch Haltungsschäden in der Wirbelsäule, Muskelverkürzungen, zum Beispiel in den Schulterblättern, oder Knorpelschäden im Schultergelenk, weil sie ihr Instrument in einer leicht vorgebeugten Haltung spielen, die man sonst im normalen Leben nur selten einnimmt. Hinzu kommt, dass ein Cellist beim Pianospielen, also wenn er leise spielt, seinen ganzen Arm anheben muss, um den Bogen nicht zu sehr gegen die Saite zu drücken und so versehentlich einen lauten Ton zu produzieren. "Das Ganze fühlt sich nach einigen Minuten eher an wie das Maßkrughalten auf einem Bierfest und macht mir persönlich nach oftmals sechs Stunden Probe keinen allzu großen Spaß mehr", erklärt Chriska. Um Stressreaktionen und Verschleißerscheinungen vorzubeugen, sollten seiner Ansicht nach bereits in der frühen Ausbildung Atemtechniken geschult werden, die nicht nur die Aufregung lindern, sondern den Musiker auch ausdauernder und schmerzunempfindlicher werden lassen, wie es zum Beispiel beim Bodybuilding praktiziert wird. Zum anderen sollten früh Kraft- und Beweglichkeitsübungen ausgeführt werden, um die Geschmeidigkeit der Gelenke langfristig zu gewährleisten und um Haltungsschäden und Muskelverkürzungen zu vermeiden. Leider habe man das während seiner Musikerziehung nicht beherzigt oder einfach für "nicht wichtig" eingestuft, bedauert Chriska. Damals habe man vor allem auf den guten Klang geachtet und bezüglich der Stresssituationen gesagt, "wer es kann, braucht keine Angst zu haben". "Alles Blödsinn!", meint der 58-Jährige, der seit eineinhalb Jahren an chronischen Schulterschmerzen leidet. Mittel und Wege zur effektiven Schmerzlinderung hat er bis jetzt nicht gefunden. Einzig Schmerzmittel sorgen für Entlastung, allerdings ist das keine langfristige Möglichkeit. Noch sei er spielfähig, wie lange noch, sei allerdings ungewiss, prognostiziert er. Dann schultert er seinen Cellokasten und bricht zur Abendprobe auf.
Andere Musiker, wie die Geigerin Kathi Kohlwerber aus München, die anders heißt, haben bis auf gelegentliche Sehnenscheidenentzündungen kaum nennenswerte Verletzungen. Unter Musikern sind berufsbedingte Verletzungen ein Tabuthema, weshalb auch sie es vorzieht, anonym zu bleiben. Sie investiert eine ganze Menge, um verletzungsfrei zu bleiben, wie die 44-Jährige am Telefon erzählt. Auch sie habe in ihrer Ausbildung nichts dergleichen erlernt, allerdings mache sie prophylaktisch seit einigen Jahren Yoga und Krafttraining und habe ihre Haltung beim Geigespielen langsam aber sicher verbessert. Ihrer Meinung nach sollte es keine statische Fixierung am Instrument, sondern eine sich ständig verändernde "aktive" Stabilisierung sein. Genau das versucht die studierte Diplommusikpädagogin nun ihren Schülern beizubringen und ist darauf bedacht, ihre Schüler möglichst früh auf die möglicherweise kommenden Strapazen als spätere Profis vorzubereiten.
In der Kölner Hotellobby beginnt man, die Lichter herabzudimmen. Von der Probe zurück, genehmigt Chriska sich einen Snack im Speisesaal. Die anderen Gäste verabschieden sich, einzig Chriska liest noch Zeitung. Zwar schmerzt die Schulter nach diesem langen Tag, dennoch ist er zufrieden. "Ich empfinde es jedes Mal als großes Glück und würde ohne zu zögern immer und immer wieder professioneller Musiker werden. Einfach weil es so unglaublich viele spannende Momente auf und neben der Bühne gibt und weil ich sonst lange nicht so viel in der Welt herumkommen würde."