Zart gezupft, spitz gespielt

Die Finger zupfen zart an den Saiten, ein Klang ertönt. Ilaria Vivan spielt spontan auf einem der schwersten und größten Orchesterinstrumente ein paar Töne, und schon die ersten Klänge beeindrucken. Die Solo-Harfenistin hat eines der ältesten Musikinstrumente zu ihrem Beruf gemacht. Mit ihrer Konzertharfe muss sie sich gegen 90 andere Instrumente im Symphonieorchester von Porto, dem Orquestra Sinfónica do Porto Casa da Música, durchsetzen. In der Stadt im Norden Portugals arbeitet und lebt sie seit 17 Jahren. Angefangen hat alles im Kinderchor in ihrer Geburtsstadt Triest. An einem Vorspiel der bekannten Harfenistin Patrizia Tassini durfte Ilaria Vivan teilnehmen. Die Kinder konnten das Zupfinstrument ausprobieren. In diesem Moment spürte sie ihre Faszination für die Harfe. Patrizia Tassini sagte zu dem damals achtjährigen Mädchen, sie habe die perfekten Hände für dieses Instrument. Ein Jahr später hatte sie Privatunterricht im Konservatorium in ihrer Geburtsstadt mit einer gemieteten Harfe. Seitdem hat Vivan nie aufgehört, das Saiteninstrument zu zupfen. Wenn man einmal aufhöre zu spielen, sei es für immer vorbei, da nach längerer Pause die Fingertechnik verlorengehe.

 

Die Italienerin ist mit Alex Auer, einem Querflötenspieler des Orchesters, verheiratet. 1994 schloss Vivan als Soloharfenistin die Musikakademie in Rom ab, in Florenz lernte sie im Orchester zu spielen. "Die Handbewegungen, der Klang, die Lieder, ganz einfach das Spielen der Harfe macht mir eine riesige Freude." Lächelnd schaut sie ihre Lieblingsharfe an. In der Konzerthalle stehen ihr drei Harfen zur Verfügung. "Ich bringe meine eigene natürlich nicht jedes Mal von zu Hause mit. Eine Harfe kann bis zu 190 Zentimeter groß sein und bis zu 42 Kilogramm wiegen, das wäre schon eine große Herausforderung." Ihre Lieblingsharfe sei zwar nicht die schönste der dreien, eine andere habe hübschere Verzierungen, doch sie habe "eine besondere Klangfarbe".

 

Bei der Harfe erzeugen die Finger selbst den Ton, deswegen muss man vorsichtig sein. Vor allem im Winter, wenn die Hände kalt sind. Selbst beim Händewaschen muss man aufpassen, sonst ertönt der Klang nicht so klar. Eine andere Herausforderung sind die beiden Notensysteme, die durch eine Akkolade verbunden sind. Mit Hilfe der Pedalmechanik kann jeder Ton zweimal erhöht werden. Es gibt drei Pedale auf der linken Seite und vier auf der rechten. Man muss Hände und Füße synchronisieren, um die Pedale mit den Noten in Einklang zu bringen. Es erfordert viel Konzentration und Übung, um die richtige Weise zu finden, in der man das Stück perfekt ausführt. Natürlich gibt es mehrere Möglichkeiten, ein Lied zu spielen und Klangeffekte hinzuzufügen. Eine charakteristische für die Harfe ist das Arpeggio. Die Töne eines Akkords werden nicht gleichzeitig gezupft, sondern in schneller Abfolge nacheinander gespielt. Somit wird der Klang des Akkords ausgedehnt, und der Akkord klingt weicher. Glissando ist eine andere Form, und es ist möglich, auf vielen Saiten Flageoletttöne zu erzeugen.

 

Im Vergleich zu anderen Instrumenten ist der Tonumfang der Harfe größer und umfangreicher. Sie kann zart angezupft, aber auch spitz oder hart angeschlagen werden. Es gibt eine spezielle Harfe für das Orchester, deren Klang voller ist. Heutzutage hat die Harfenistin mehr Konzerte mit dem Symphonieorchester als Solo-Konzerte. Ihr Lieblingsstück ist "Fantasie" von Louis Spohr. Gerne spielt sie ebenfalls traditionelle irische Kompositionen.

 

Vor 18 Jahren wurde sie durch eine Freundin auf die Zeitungsannonce des Orchesters von Porto aufmerksam. Seitdem ist sie Teil des Orchesters. Die Gruppe besteht aus etwa 90 Musikern. Sie geben in der Woche ein bis zwei Konzerte in der Casa da Música, dem diamantförmigen, modernen Konzerthaus der Stadt. Jede Woche werden andere Musikwerke vorgestellt. Als einzige Harfenistin bereitet sie sich normalerweise allein auf das Konzert vor. Drei Tage wird mit dem ganzen Orchester geübt. Freitag finden die Generalprobe oder das Konzert statt. Im Orchester spielt die Harfenistin aber nicht immer, da viele klassische Programme keinen Teil für die Harfe haben. Dies liegt daran, dass die Harfe erst ab Ende des 19. Jahrhunderts im Orchester benutzt wurde. Die Komponisten, die in mehreren Orchesterstücken den Einsatz der Harfe fordern, sind Richard Strauss, Gustav Mahler und Dmitri Schostakowitsch. In den Opern von Wagner, Giacomo Puccini und Georges Bizet hat sie auch ihren Platz.

 

Das Programm der Konzerte bekommen die Musiker drei Monate im Voraus, damit sie schwierige Passagen perfekt spielen können. "Es gibt keinen Moment an dem ich sage, dass ich schon alles kann. Natürlich hilft die Erfahrung, doch es gibt immer etwas Neues, das man dazulernt." Ilaria Vivan hat schon außerhalb von Porto Schüler unterrichtet, doch sie wollte sich mehr ihrer eigenen Ausbildung widmen und hat die langen Fahrten aufgegeben. "In Porto gibt es nicht so viel Harfenleben." Aber die Nachfrage nehme zu. Durch die keltische Harfe, eine kleinere Harfe für Anfänger, sei es leichter für Kinder, sich an das Instrument heranzutasten. "Wenn man Geschick dafür hat, kann man etwas Kostbares erreichen. Man sollte diese Gabe nutzen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.09.2018, Nr. 204, S. 26 - Rebecca Suhm

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