Lautes Knacken ist zu hören, dann ein dumpfer Aufprall. Einige Vögel fliegen erschrocken auf, als der Baum mit einem Mal zu Boden fällt. Die Rinde war schon zu großen Teilen abgeblättert, und auch das Innere war alt und morsch. Es krabbeln Tierchen über den Waldboden und verschwinden unter den Nadeln im Unterholz. Die Borkenkäfer, so erklärt Hanspeter Mayr, sind kleine Insekten, die auf die Fichte spezialisiert sind und sich in ihre Rinde eingraben. Sie sorgen dafür, dass die Bäume absterben. Hunderte von Insekten und Pilzen leben von dem toten Holz, zersetzen es und nach einigen Jahren stürzt der Baum um. Auf dem Boden liegend, geht die Zersetzung weiter, und der Baum wird zu Humus. Der Borkenkäfer leitet die Entstehung eines windfesten, insektenresistenten "Waldes von morgen" ein. So eine Geburtsstunde eines naturnahen Waldes ist im Nationalpark Sächsische Schweiz derzeit am Hochhübel in der Nähe des Zeughauses zu beobachten.
Beobachtet wird diese Entwicklung durch die 58 Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung, die sich täglich um den Park kümmern, ihn pflegen und besucherfreundlich gestalten. Mayr, ein schlanker Mann mit kurzem, dunkelblonden Haar und einem sympathischen Lächeln, ist für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Der Diplomgeograph aus Bärwalde bei Radeburg gibt Interviews, kümmert sich um Medieninformationen und die Gestaltung der Website. "Das wichtigste Ziel der Öffentlichkeitsarbeit im Nationalpark Sächsische Schweiz ist es, die Akzeptanz der Anwohner des Nationalparks herzustellen", erläutert der gebürtige Saarländer mit der dunkelblau gerahmten Brille. Es ist wichtig, dass die Menschen das Schutzgebiet unterstützen, da sie durch Regeln wie zum Beispiel die Leinenpflicht für Hunde oder die Reduzierung von Pflanzenschutzmitteln tagtäglich die größten Einschränkungen haben.
Doch nicht nur die Anwohner sind wichtig für den Nationalpark, sondern auch der Umgang mit den Auswirkungen des Tourismus. In der Sächsischen Schweiz ist vor allem für Wanderer und Kletterer gesorgt. Ein 500 Kilometer großes Wegenetz und Steiganlagen, die 80 Kilometer umfassen, machen den Nationalpark gut zugänglich und attraktiv, um Sport zu treiben oder spazieren zu gehen. Laut einer Umfrage ist das Wandern bei 92 Prozent der Besucher die Hauptaktivität. Jährlich hat die Sächsische Schweiz rund drei Millionen Besucher zu verzeichnen, die zwar die Wirtschaft stark ankurbeln, jedoch auch einige Herausforderungen mit sich bringen. So zum Beispiel auch bei der Übernachtung im Freien. "Ich sage mal, 75 Prozent halten sich an die Regeln, der Rest legt sich irgendwo hin", sagt Mayr mit einem leichten Schmunzeln. Dabei gibt es doch insgesamt 58 Boofen, also zugelassene Übernachtungsstellen im Freien, die sich unter felsigen Überhängen befinden.
Wer sich nicht an die Regeln hält, wird freundlichst von den Mitarbeitern darauf aufmerksam gemacht. Die Ranger, die die Wege kontrollieren und für das Monitoring der Tiere zuständig sind, informieren auch die Besucher. Daneben gibt es zertifizierte Nationalparkführer, die zwischen Mai und Oktober täglich Rundgänge anbieten.
Wer selbst den Wunsch hegt, Ranger zu werden, ist auch als Quereinsteiger willkommen. Man kooperiert mit der direkt angrenzenden Böhmischen Schweiz. Auf freundschaftlicher Basis werden gemeinsame Arbeitspläne erstellt und Projekte entwickelt, die den Nationalpark gedeihen und auch die Besucherzahlen sprießen lassen. Jährlich stehen dem Nationalpark Sächsische Schweiz rund 5 Millionen Euro zur Verfügung, erklärte Mayr. Diese Summe wird aus Steuermitteln erhoben. 1,5 Millionen Euro erwirtschaftet die Nationalparkverwaltung selbst, indem sie Holz, das beim Umbau der Wälder anfällt, verwertet und verkauft. Laut Mayr dient dies nicht der Refinanzierung, soll aber doch einen Teil der Kosten wieder einspielen.
Der Nationalpark wurde als vorletzter Akt des DDR-Ministerrates 1990 gegründet, bevor dieser sich selbst auflöste. Der Nationalpark stellt ein Erbe der Vergangenheit dar und gilt als Teil des "Tafelsilbers der Deutschen Einheit". Auch von der natürlichen Entstehung des Nationalparks, weiß Mayr zu berichten und hat eine Metapher parat. Er hält eine Schokoladentafel hoch, genau vor sein grünes Shirt mit dem Logo des Nationalparks. Die Sächsische Schweiz, sagte er, sei wie eine Tafel Schokolade. Erst war sie flacher, wurde jedoch durch verschiedene Umwelteinflüsse aufgebrochen. Er bricht die Schokolade einmal der Länge und einmal der Breite nach. Die Schokoladensplitter, die nun in die Höhe ragen, sind die Felsen der Sächsischen Schweiz, die auch teils durch die Elbe getrennt sind. Auf die Frage, welchen Teil der Sächsischen Schweiz er besonders empfehlen kann, antwortet Mayr: "Alles, was nicht Nationalpark ist." Damit meint er die ruhigen Orte, fern von den Besucherströmen, an denen er die Natur richtig genieße. Als Empfehlung nennt er zum Beispiel das Kirnitzschtal nahe der tschechischen Grenze. Dort ist sie noch besonders wild und mäandriert schön durch das "Wiesentälchen", wie im Geographielehrbuch. "Das kann man dort richtig schön genießen und vielleicht einige Tierarten beobachten." Eine weitere sehenswerte Strecke an der Kirnitzsch liegt ebenfalls unweit der tschechischen Grenze. "Der nächste Gipfel heißt Hochhübel, und der ist schick", schließt er mit einem Lachen.