Tiefblau erstreckt sich der atlantische Ozean. Von grün bewachsenen Klippen schweift der Blick über das Meer, hinab zu dem Punkt, an dem es auf die außergewöhnliche Küste trifft: einen weißen Sandstrand, gespickt von Felsen, die sich zu meterhohen Formationen türmen. Zwischen den zerklüfteten Felsgebilden öffnen sich schmale Gänge und Hohlräume. Steinerne Säulen und filigrane Bögen verbinden das Klippenufer mit dem Ozean. Durch diese weitläufige Felslandschaft zu wandeln erinnert an das Innere einer gotischen Kathedrale mit ihrem gigantischen Gewölbe. Das erklärt, woher der Ort seinen Namen hat: la Playa de las Catedrales - der Strand der Kathedralen.
"Die Natur war hier als Architekt am Werk. Gezeiten, Wind und Wetter als Handwerker. Und sie sind noch immer an der Arbeit. Der Strand ist ständig im Wandel", erzählt Gustavo Martínez Lamas strahlend, während er 15 Touristen das Ufer der Atlantikküste entlangführt. Dynamisch überspringt der Naturforscher einzelne Felsen.
Die "Playa de las Catedrales" liegt in der Provinz Lugo an der Nordküste Galiciens. In dieser Region im Nordosten Spaniens ist Lamas aufgewachsen. Seit frühester Kindheit ist die Natur seiner Heimat ein wichtiger Teil seines Lebens. Schon als Schüler war er in Umweltschutzorganisationen. Vor 14 Jahren gründet er seine eigene Firma unter dem Namen Erebia, "Mohrenfalter", eine Schmetterlingsart aus der Gegend. Die einheimische Natur liegt im Fokus von Gustavos Arbeit, dabei hat er sich auf eine Form des Umweltschutzes spezialisiert: den Ökotourismus. So bietet der 45-Jährige ökologische Touristenführungen und Wanderungen an. Diese Touren sollen die Teilnehmer für Natur und Ökosystem der Gegend sensibilisieren. Zur Region gehören sowohl das Kantabrische Gebirge als auch der Strand der Kathedralen. Insbesondere hier, an einem der spektakulärsten Küstenabschnitte Spaniens, sind seine Führungen gefragt.
Wer die Playa de las Catedrales besichtigen will, sollte sich genau über die Besuchszeiten informieren. Die Gezeiten ermöglichen das Begehen des Strandes nur zu bestimmten Tageszeiten. Bei Flut ist von dem Sand nichts mehr zu sehen, und viele der Felsformationen werden zu Inseln in der Brandung. Auch die Regierung Galiciens beschränkt den Zugang zum Strandabschnitt. An Feiertagen und in der Ferienzeit sind der Besucheransturm und die Gefahr von Massentourismus sonst schlichtweg zu groß. Ökologie und Naturschutz werden dort über Profit gestellt.
Was Gustavo mit seiner Arbeit erreichen möchte, sind die Erhaltung und der Schutz der Playa de las Catedrales und ihrer Bewohner. Flora und Fauna des Strandes bestehen aus einer Vielzahl wertvoller und seltener Spezies. Dazu zählen Austernbänke, Delphine, Meeresvögel und diverse Algen, Pflanzen und Sträucher. Viele von ihnen gelten als massiv gefährdet, und nicht wenige sind vom Aussterben bedroht. Die Geburtshelferkröte zählt etwa nur noch wenige Exemplare in der Region, werden keine Maßnahmen ergriffen, könnte auch der Restbestand bald den Auswirkungen des vermehrten Infrastrukturbaus zum Opfer fallen. Das Feuchtgebiet, in dem sie zu Hause ist, liegt in der Nähe des Strandes und wird von vielbefahrenen Landstraßen durchquert. Diese dienen zu einem großen Teil der touristischen Anfahrt an den Strand. Um Arten wie der Kröte den Schutz zu bieten, den sie brauchen, ist die Playa de las Catedrales Teil des Netzwerkes "Red Natura 2000", einer Initiative, die europaweit zum Erhalt bedrohter Habitate beiträgt. Nicht nur die Lebewesen des Strandes sind für den Naturschützer Gustavo von großer Bedeutung. Auch dem Erhalt der charakteristischen Felsformationen widmet er sein Interesse. Die Gesteine, aus denen das Naturmonument besteht, stammen teilweise aus dem Kambrium, dem ältesten der drei Erdzeitalter. Man findet in den Formationen von As Catedrais, wie der Strand auf Galicisch heißt, Schiefer und Erze, die bis zu 541 Millionen Jahre alt sind. Um die Bögen, Säulen und Höhlen zu formen, brauchte das Meer mehrere Jahrtausende sowie die Hilfe von Wind und Wetter. "Die Entwicklung des Klimas in den letzten Jahren trägt jedoch dazu bei, dass dieser Prozess sich beschleunigt. Der Anstieg des Meeresspiegels sowie heftige und lang andauernde Unwetter haben so zur Folge, dass die Küste schneller landeinwärts wandert", sagt Gustavo besorgt.
Doch das ist nicht das einzige Problem. Im Schatten einer Felssäule zeigt er fassungslos auf angespülten Plastikmüll. Der Sandboden ist übersät von Tüten, Flaschen, Kabelbindern und zerbrochenen Zahnbürsten. Er hebt einen Kugelschreiber auf, um den sich eine Alge gewickelt hat. "Das alles ist eine Bedrohung, die für manche Bewohner des Ökosystems zur Lebensgefahr werden kann!", ärgert er sich. "Unzählige Meeresvögel und Fische verschlucken täglich kleine Plastikteile, die sie mit ihrer Beute verwechseln. In vielen Fällen sind die Folgen tödliche Vergiftungen oder Erstickungstod."
Mark Lenz, der im Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel in der experimentellen Ökologie forscht, weiß: Es befinden sich bereits heute zwischen 140 und 500 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Weltmeeren. Diese Zahl steigt rasant. Studien von Forscherteams aus den Vereinigten Staaten prognostizieren, dass allein die jährlich ins Meer gelangende Müllmenge sich bis 2025 verzehnfachen wird. "Eine vielleicht noch größere Gefahr als die sichtbaren Plastikreste stellt aber das sogenannte Mikroplastik dar", erklärt Lenz. Mikroplastik sind mikroskopisch kleine Kunststoffe, die durch den Zerfall größerer Stücke entstehen oder in Form von synthetischen Fasern und Partikeln in Duschgels und Zahnpasten enthalten sind. Über Haushaltsabwässer fließen sie in Flüsse und Meere. "Mikroplastik landet in der Nahrungskette und wird dann auch von uns Menschen aufgenommen", sagt Gustavo. "Das geht uns alle an. Plastikmüll ist mobil. Was in Deutschland achtlos weggeworfen wird, kann über kurz oder lang verheerende Auswirkungen für das Leben in Tausenden von Kilometern weit entfernten Gebieten haben." Mit federndem Schritt und ausgerüstet mit Rucksack, Schildmütze und jeder Menge Wissen führt er durch das komplexe Ökosystem, hinein in versteckte Brandungshöhlen, Felsspalten oder Einbuchtungen. Verblüfft legen die Besucher die Köpfe in den Nacken. Ihre Blicke folgen Gustavo, der eine steile Felswand emporklettert und die dort wachsenden Sträucher erläutert.
Oft kann man ihn in den Buchten dabei beobachten, wie er die Steintürmchen, die Touristen gern aus dem herumliegenden Geröll errichten, wieder abbaut. "Damit niemand auf die Idee kommt, das nachzumachen." Gedankenlos in die Natur einzugreifen macht ihn wütend. Schon so eine geringfügige Änderung der Begebenheiten kann auf lange Sicht schwerwiegende Konsequenzen für das natürliche Gleichgewicht und die Artenvielfalt haben. "Die unscheinbaren vom Wasser rund geschliffenen Steine sind ein lebenswichtiger Schutz für die Larven und Insekten darunter. Aber der Mensch muss nun mal immer und überall seine Spuren hinterlassen", seufzt er.