Aus Schön wird Hässlich

Man richtet sich einen richtigen Fahrplan ein", beschreibt Sonja Gast, Maskenbildnerin am Staatstheater am Gärtnerplatz in München, den Ablauf während einer Vorstellung. Auch während der Vorstellungen haben die Maskenbildner viel zu tun. Bei "Frau Schindler", einer Oper, die durch mehrere Jahrzehnte führt, müssen die Schauspieler im Laufe der Aufführung in drei Schritten altern, ihnen werden Falten geschminkt. In Lortzings "Der Wildschütz" werden den Darstellern der Rehe in verschiedenen Szenen Durchschusswunden geschminkt. "Man kann sich das wie ein Boxenstopp bei der Formel 1 vorstellen", lacht sie.

 

Sechs Monate vor der Premiere gibt es eine Besprechung, in der bestimmt wird, wie die Charaktere angelegt werden. Kurz vor der Premiere findet die erste Probe statt, die AMA, alle mit allem, in denen vom Make-up bis zur Kleidung komplett geprobt wird. Vor der Vorstellung haben die Maskenbildner anderthalb Stunden Zeit, um die Künstler bühnenfertig zu machen.

 

Die Maskenbildner knüpfen Haarteile, Bärte, aber auch ganze Perücken in Handarbeit. Diese werden entweder aus Kunst-, Echt- oder Tierhaar hergestellt. Die Herstellung kann zwischen 60 und 70 Stunden dauern. "Man würde den Beruf nicht wählen, wenn man nicht mit Menschen umgehen kann", sagt die blonde 31-Jährige. Talent allein reiche nicht, man brauche viel Ehrgeiz, Menschenkenntnis und vor allem geschichtliches Interesse. Mit jedem neuen Theaterstück taucht man in eine andere Epoche ein, diese sollte man so authentisch wie möglich darstellen können. Die Lieblingsepoche der Rheinländerin ist die Renaissance, da man angefangen habe, auch die Menschen zu porträtieren und nicht nur heilige Gestalten darzustellen. Außerdem mag sie das Rokoko, da es wie sie selbst farbenfroh und heiter sei.

 

Man brauche ein Gespür dafür, wie man mit den verschiedenen Charakteren umzugehen habe, und sollte keine Scheu haben, nahe an Menschen zu werkeln. Am meisten gefällt Sonja Gast, dass man auch einen schönen Menschen in einen hässlichen verwandeln kann.

 

Den Beruf kann man durch eine Ausbildung oder ein Studium erlernen, es gibt auch kostenpflichtige Privatschulen. Allerdings gibt es nur eine geringe Anzahl von Ausbildungsplätzen. Neben der Berufsschule arbeitet man am Theater. "Wenn man die Ausbildung erst geschafft hat, hat man viele Möglichkeiten", berichtet Sonja Gast. Sie hat direkt nach den drei Ausbildungsjahren eine Stelle am Gärtnerplatztheater in München bekommen. Sie musste aber anderthalb Jahre warten, bis sie im Westfälischen Landestheater in Castrop-Rauxel angenommen wurde. Davor hatte sie ein einjähriges Praktikum am Metronom-Theater in Oberhausen gemacht.

 

Schon als Kind ging sie gerne mit ins Theater oder ins Museum. Mit verschiedensten Techniken umzugehen wie Seidenmalerei, Kohle, Aquarell habe ihr schon immer Spaß gemacht. Vom C-Promi bis zu Künstlern wie Chris de Burgh hat Sonja Gast schon viele Menschen zurechtgemacht, bei Fashionshows von "Germany's Next Top Model" wie bei Konzerten und Fernsehauftritten mitgewirkt. Zurzeit arbeitet sie an dem Stück "My fair Lady" mit dem Schauspieler Friedrich von Thun. Aber ob prominent oder nicht, für sie mache das keinen Unterschied. "Man könnte mir einen Bürojob für das doppelte Gehalt anbieten, und ich würde ihn nicht eintauschen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.09.2018, Nr. 216, S. 26 - Gina Kullmann

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