"Haus sieben vorher drehen"

Achtung in allen Häusern für die Fahrt zur Position vier: die Häuser drei und neun aus dem Weg, die Kirche hat absolute Vorfahrt, die fünf erst nach links, warten, auf mein Kommando wieder rein, Haus sieben vorher drehen - Fahrt vier: los!" Sabine Franz atmet kurz durch. Was wie Chaos anmutet, ist in Wahrheit eine ausgeklügelte Choreographie, für die sie die Verantwortung trägt. Franz ist Chefinspizientin an der Komischen Oper Berlin, das heißt, sie hält auf und hinter der Bühne alle Fäden in der Hand. Die Mittfünfzigerin steht vor einem breiten Pult, das an das Cockpit eines Flugzeugs erinnert.

 

Sie drückt auf einige der rund hundert leuchtenden bunten Knöpfe. Dabei hat sie immer zwei Bildschirme im Blick. Sie trägt ein Headset mit einem Mikro. Sehen kann man sie nicht, weil sie meist hinter einem Pfeiler seitlich der Bühne steht. Aber auf ihre präzisen Kommandos hört jeder Sänger, Requisiteur oder Techniker, hört einfach jeder, der sich auf der Bühne und hinter den Kulissen bewegt. Manchmal bewegt sie eben auch Häuser, die kreuz und quer durch die Gegend fahren, um schließlich ineinanderzustürzen, während Chorsänger und Solisten sich prügeln, so wie in einer Inszenierung der Meistersinger von Nürnberg von Richard Wagner aus dem Jahr 2010.

 

"Als Inspizient bin ich für den gesamten Ablauf der Vorstellung verantwortlich", erklärt Franz. "Ganz praktisch bedeutet das also das Einrufen der Darsteller, der Requisiteure und Techniker, wer auch immer beteiligt ist, die Verantwortung dafür, dass jeder zur rechten Zeit am Auftrittsort ist, das Bewegen von Bühnenbildern und das Garantieren von Sicherheit auf der Bühne." Eigentlich mag sie die Berufsbezeichnung Inspizient nicht: "Auf Englisch heißt es Stage Manager, auf Französisch Directeur de la scène, also wirklich eine Art Bühnendirektor. Das trifft die Vielseitigkeit des Berufes viel mehr als das deutsche Inspizieren."

 

Sabine Franz hat dunkelblonde, kinnlange Haare und eine Ausstrahlung, die ihr Aufmerksamkeit garantiert, sobald sie einen Raum betritt. Sie ist energisch und wirkt so selbstsicher, als könne sie nichts aus der Ruhe bringen. Genau diese Souveränität braucht sie in ihrem Beruf. Schließlich muss sie als Inspizientin in der Lage sein, fünf Dinge auf einmal zu tun, und auch wenn etwas nicht nach Plan läuft, den Eindruck vermitteln: "Ich hab's im Griff." Damit sie all diese Ansprüche erfüllen kann, ist sie bei nahezu jeder Probe anwesend. Sie schreibt mit, gibt gleichzeitig das Signal zum Auftritt und erarbeitet im Anschluss den Zeitplan des Ablaufes für die Inszenierung. Nur so kann sie später wissen, worauf sie wann achten muss, wenn, wie in Jacques Offenbachs "Schöner Helena", 150 Menschen über die Bühne tanzen.

 

"Nach solchen Stücken habe ich das Gefühl, den Kilimandscharo um 20 Meter verschoben zu haben." Eine besondere Herausforderung ist es, wenn Kinder auf der Bühne auftreten. "Bei den Kindern muss ich immer mehr Zeit vor dem Auftritt einplanen", erzählt sie lachend, "die müssen vor Aufregung alle noch mal pullern." Das alles hat Sabine Franz von ihrem Inspizientenpult aus unter Kontrolle. Betritt man die Seitenbühne, ist dieses Pult der Gegenstand, der neben den meterhohen Decken, riesigen und grellen Scheinwerfern und herumstehenden Requisiten den Blick auf sich zieht. Hinter der Bühne ist es dunkel und heiß, man sieht die Puder- und Staubpartikel durch die Gegend schweben. Fast alles ist aus dunklem Holz. Nur das Inspizientenpult leuchtet während der Vorstellungen in dieser Dunkelheit.

 

Sabine Franz hat es selbst entworfen. Die beiden Monitore zeigen die Bühne und den Dirigenten. Über Mikrofon oder Telefon kann sie jeden Winkel des riesigen Opernhauses erreichen, von der Maske über das Betriebsbüro bis zur Kantine, den Garderoben und Probebühnen. Jeder einzelne der Knöpfe auf dem Pult hat eine eigene Funktion. Ein falscher Knopfdruck kann fatal sein, wie beispielsweise während einer Vorstellung, in der durch den falschen Knopf ein Vorhang zu früh gefahren wurde, durch den zwei Sänger in den Orchestergraben gestoßen wurden "Ein Griff und du hast ein Riesending ausgelöst", seufzt sie.

 

Im Notfall muss der Inspizient sofort reagieren, entscheiden, ob die Vorstellung weiterläuft oder abgebrochen werden muss. Sie muss sofort mit den Technikern kommunizieren und strikte Anweisungen geben. Alles hört dann auf ihre klaren und deutlichen Kommandos. Mit einem guten Team gelinge es dann auch, so sagt sie, eine Vorstellung zu retten, in der alles schiefgeht. Bei den Bregenzer Festspielen war das der Fall, erinnert sie sich: "Plötzlich ist ein großes Teil des Bühnenbildes kaputtgegangen. Also musste ich, während die Vorstellung weiterlief, die Abläufe ändern und bestimmte Szenen uminszenieren. Nur ein anderer Inspizient", sagt sie deshalb, "kann einschätzen, was für kleine oder große Dramen man retten muss und was man in einer einzelnen Vorstellung alles leistet und gleichzeitig machen muss."

 

Obwohl das Pult selbst mit der neusten Technik ausgestattet ist, ist die Komische Oper eines der wenigen Häuser, in dem die Technik noch genauso funktioniert wie vor 70 Jahren. Während in anderen Theatern mit einem Knopfdruck die Drehbühne unmittelbar und automatisch in Bewegung gesetzt wird, werden die Kommandos der Inspizienz hier noch von Hand ausgeführt. Sabine Franz braucht eine Mannschaft von Technikern, um es in der Schlussszene von "Jewgeni Onegin" regnen, in den "Meistersingern" Häuser tanzen oder Sänger in der Kinderoper "Peter Pan" hoch über den Bühnenboden fliegen zu lassen.

 

"Bei uns werden alle Vorhänge von Hand gezogen, die Drehscheibe wird von Hand gedreht." Das heißt auch, dass sie den Technikern die Musik einzählen muss, je nachdem wie schnell oder langsam der Dirigent am jeweiligen Abend dirigiert. Das klingt dann etwa so: "Für die Linksfahrt der Drehscheibe: Wir fahren 23 Meter und 130 Sachen. Ich zähle von 23 bis null: 23,22 - langsamer 21,20."Ebenso wie die Künstler auf der Bühne, muss also auch der Inspizient selbst musikalisch sein, auf die Tempi des Dirigenten reagieren und Partituren lesen können. Denn alles, was sie in der Vorstellung wissen muss, den zeitlichen Ablauf, jedwede Einrufe und Kommandos, die sie gibt, notiert Franz in einem Klavierauszug des Stückes. Diesen liest sie dann während der Vorstellung parallel mit dem Dirigenten.

 

Die Musik begleitet Sabine Franz schon ihr Leben lang. Seit ihrem fünften Lebensjahr tanzt sie. Später machte sie das Tanzen zu ihrem Beruf, wurde erst Balletttänzerin, dann Ballettmeisterin und schließlich Inspizientin. Die Ballettausbildung erkennt man noch jetzt in ihrer geraden Haltung und ihren energischen Bewegungen. "Inspizient ist hier kein Ausbildungsberuf. Um ihn auszuüben, muss man sich selbstständig bei einem Inspizienten melden und hoffen, dass man nach dem ersten Eindruck überzeugt und angelernt wird." Franz hat, so erzählt sie stolz, im Laufe der Jahre an die zehn Inspizienten ausgebildet.

 

Nicht nur sie war vor ihrer Arbeit als Inspizientin Tänzerin. Drei der insgesamt vier Inspizienten an der Komischen Oper waren zuerst als Tänzer auf und nicht hinter der Bühne zu Hause. Als Inspizient müsse man genau wie die Darsteller auf der Bühne mit der Vorstellung mitatmen und der Vorstellung Leben geben. "Mein Ziel ist es immer, meine Bühnenbilder tanzen zu lassen", sagt sie, "und wenn das dann richtig stimmt - dann ist das unglaublich schön."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.09.2018, Nr. 216, S. 26 - Pauline Rathmann

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