Feenzauber und Geometrie

Die wahren Helden des Theaters möchten nicht, dass man sie sieht. Schnell und leise und unsichtbar huschen sie während der Aufführung durch irgendwelche Lücken und sind sofort zur Stelle, wenn es etwa heißt: Knöpfe ab, Schuhe kaputt oder umfangreicher Kostümwechsel. Die pechschwarze Montur, die sie immer tragen, verbirgt sie vor unseren Augen. Ein Donnerstagnachmittag, das Treppenhaus des Theaters summt wie ein Bienenstock. Zack, schon ist Kathrin Schmidt um die Ecke und im Gewusel verschwunden. Hinter ihr her wehen ihre langen, grauen Locken und ihr Faltenrock.

 

16 Jahre war sie, als sie die Ausbildung zur Maßschneiderin begann, obwohl sie zunächst in der freien Wirtschaft lernte, zog es sie immer zu den Bühnenwerken. Nach der Meisterprüfung folgten deshalb unzählige Tätigkeiten an Theatern und Opernhäusern. Seit drei Jahren betreut sie die gesamte Kostümabteilung des Theaters Münster. Von ihrem Büro aus hat die Familienmutter also wortwörtlich die Fäden in der Hand. Den Raum dominiert ein meterlanger Holztisch, unter dem Stoffrollen lagern. Zwei halb angezogene Nähpuppen stehen in der Ecke, neben ersten Zuschnitten warten fertige Kostüme auf ihren Einsatz. Hunderte, wenn nicht Tausende weitere befinden sich im Kostümfundus, dem zweiten Arbeitsbereich der Obergewandmeisterin. Ähnlich einer überdimensionalen, begehbaren Garderobe erblickt man ein Meer "neuer Körper". Fein säuberlich wird sowohl hier als auch im Zimmer daneben sortiert, in das Kathrin Schmidt mit den Worten "Hier geht's ins Mädchenparadies" führt. Die Schuhschränke, die sie meint, gehen drei Reihen in die Tiefe. Auf Eisenstangen aufgestülpte Stiefel säumen die Wand daneben. Es gibt Regale voller Hüte, Wände voller Stoffrollen, Schubladen mit Federn und Reißverschlüsse, die nach Regenbogenfarben sortiert sind. "Allein vier Personen sind für die Ordnung dieses Raumes zuständig."

 

Der Weg von ihrem Büro bis zum Fundus dauert nicht einmal eine Minute, der Weg vom Entwurf zum fertigen Kostüm aber ist zeitraubend und gleicht mehr einem Gebirgspfad als einer Marschroute. Dennoch gibt es vier zielführende Meilensteine, die es zu passieren gilt, erstens: Maßnehmen. Dazu bedarf es "Verbrecherfotos", wie Schmidt sie nennt. Diese werden von den Schauspielern vor einer zentimetergenauen Kästchenfelderwand gemacht, anhand derer auch abweichende Körperhaltungen erkannt und in der Schnitterstellung berücksichtigt werden. Im Grunde, erläutert Kathrin Schmidt, mache sie Geometrie. Die sei besonders hilfreich bei Haltungskorrekturen: "Niemand ist seitengleich." Deshalb müsse sie in erster Linie genau beobachten können. In Schritt zwei erfolgt die Schnitterstellung mit Hilfe einer Futtertaille, eines Zuschnitts aus Leinen, der den exakten Körpermaßen entspricht und den Darstellern buchstäblich auf den Leib geschneidert ist. Er dient als Basis für den Zuschnitt in Punkt drei. Jetzt, wo viele Kostüme einsatzbereit werden oder schon sind, ist die Meisterin mit viertens, den Anproben, beschäftigt.

 

Seit mehr als zwanzig Jahren arbeitet sie an den Bühnenwerken. Ihre Anekdoten handeln von den 300 Kostümen, die sie mit ihrem Team in nur zwei Wochen anprobiert hat, und von den Kleidern, deren Reifröcke solche Ausmaße besaßen, dass sie darunter Platz nehmen konnte. "Man setzt sich am Theater mit ganz vielen Dingen auseinander, für die man im Alltag keine Zeit hat. Ich finde es eine wunderbare Art, sich weiterzubilden." Ihre braunen Augen glänzen. Kein Kostüm kommt ihr ungesehen vor das Publikum. Tatsächlich sieht sie sich jedes Stück dreimal an, da sie bei allen Endproben zugegen ist: der ersten und zweiten Hauptprobe sowie der Generalprobe.

 

48 Stunden später ist so ein Tag: die erste Hauptprobe zur Oper Aschenputtel steht an. Nach sechs Wochen täglicher Proben spielen die Schauspieler erstmals sowohl in Kostüm als auch Maske. Schmidt eilt durch die verwinkelten Gänge, ihre schwarze Kladde unter den Arm geklemmt. Neben den Kleiderstangen, die zu Massen in den Fluren stehen, werden hektische Diskussionen geführt. Es geht um Kittelkleider, blauviolette Strumpfhosen und Gummis, die noch abgeschnitten werden müssen. In der Ferne erklingt Operngesang, Solisten singen sich warm. Kathrin Schmidt geht in Richtung Hauptbühne - die Verwandlung Aschenputtels in eine Prinzessin, bei der die Feen ihr in Windeseile in ein Ballkleid verhelfen, muss geübt werden. Schmidt setzt sich im Zuschauerraum neben die Herrengewandmeisterin. Ab und zu stecken sie die Köpfe zusammen, die Herausforderung liegt nun darin, die Wirkung der Kostüme in Aktion zu beurteilen: Passen sie, fühlen sich die Darsteller in ihnen wohl? Erzählen die Kostüme die ihnen zugeschriebenen Geschichten? Der Vorhang faltet sich auf.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.09.2018, Nr. 216, S. 26 - Alina Sperling

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