Nicht nur der Eremit schätzt die Wiese

Es muss etwas Befreiendes haben, den Abend auf der eigenen Streuobstwiese ausklingen zu lassen, während Grillen zirpen und ein warmer Sommerwind weht. Oder am Wochenende mit der Familie zu picknicken, die Kleinen spielen im hohen Gras, während Obstliebhaber ernten, dann Kompott herstellen und an Freunde verschenken. Was dabei häufig vergessen wird: zu dem Besitz einer Streuobstwiese gehört vor allem eines - viel Arbeit. Das weiß auch Sigrid Böttcher-Steeb, seit fünf Jahren zuständig für eine Obstwiese bei Kreischa. Sie ist Ende vierzig, Mutter und Landschaftsarchitektin. Sie trägt einen blonden Kurzhaarschnitt und ein herzliches Lächeln. Mit ihrer Familie lebt sie in Dresden. Um ihrer Verbundenheit zur Natur und Liebe für handgemachte Obstprodukte gerecht zu werden, machte sie sich auf die Suche, zunächst nach ungeernteten Obstbäumen an Wegesrändern.

 

Seit 1870, dem Ende der "Kleinen Eiszeit", durch das der Anbau anspruchsvollerer Kulturpflanzen möglich wurde, kam es zur Bepflanzung von Wegen mit Apfel-, Birn- und Kirschbäumen in Sachsen. Von diesen sind heute noch einige zu finden, wobei der Großteil jedoch nicht mehr erhalten ist. So hielt Sigrid Böttcher-Steeb bald nach einer Obstwiese Ausschau.

 

Mit der Hilfe Andreas Wegeners, eines gelernten Gärtners, studierten Biologen und Mitarbeiters der Grünen Liga Dresden Oberes Elbtal e.V., die mehrere Streuobstwiesen besitzt, kam Sigrid Böttcher-Steeb in Kontakt mit den Besitzern zweier Wiesen in Wittgensdorf, die sich nicht mehr allein um die insgesamt rund 80 Bäume kümmern wollten. Die Organisation betreibt vor allem Umweltbildung und Aufpreisvermarktung - ein sperriges Wort, gibt Wegener zu. Darunter versteht man die Biozertifizierung einer Wiese durch den "Grünstempel", einen vom Land dazu bevollmächtigten Verein, durch den das Obst und der produzierte Apfelsaft als Bio-Produkte verkauft werden können.

 

Ebenfalls durch die Grüne Liga entstanden ist die "Mobile Saftpresse", die ihren Sitz im Lockwitzgrund hat, jedoch sechs von sieben Tagen der Woche in Dresden und Umgebung unterwegs und die erste mobile Kelterei in Sachsen ist. Auch kann man sich über die Internetseite apfel-paradies.de für Termine zum Saftpressen anmelden, muss aber beachten, dass die Saftsaison erst im August beginnt.

 

Auch Böttcher-Steeb nahm das Angebot bereits in Anspruch. Damit war allerdings nur eine der vielen Schwierigkeiten, die eine Streuobstwiese mit sich bringt, gelöst. Ein weiterer Aspekt ist die richtige Pflege, sagt Cordula Jost, Veterinärmedizinerin und tätig im Landschaftspflegeverband Sächsische Schweiz/ Osterzgebirge. Jeder, der die Verantwortung für eine Wiese trägt, kann sich beim Verband melden. Außerdem besteht die Möglichkeit, eine Förderung zu beantragen, dafür muss die Wiese aus mindestens acht Bäumen bestehen, dann ist eine Hilfe von 75 Euro je Baum, zum Beispiel für einen Baumschnitt durch einen Fachmann, möglich. Da gerade diese Bäume das Biotop Streuobstwiese so einzigartig machen, indem sie vielen Tierarten, wie etwa Fledermäusen, Spechten, Staren, Schleiereulen oder Steinkäuzen, aber auch Hornissen einen Lebensraum bieten, ist das Nachpflanzen von jungen Bäumen wichtig, damit es noch in 30 bis 40 Jahren alte, knorzige Bäume gibt, die solche Tiere vor dem Aussterben bewahren. "Landschaftspflege macht man immer für die Natur", sagt Jost. Auch die richtige Pflege trägt einen wichtigen Anteil beim Artenschutz, so zum Beispiel des Eremits, der in Baumhöhlen alter Obstbäume wohnt, drei bis vier Jahre als Larve in einem Baum verbringt und dann als Käfer zwei bis drei Monate auf der Streuobstwiese lebt, um sich fortzupflanzen und seine Eier wieder auf derselben Wiese abzulegen. Dadurch, dass dieser Käfer meist nur auf einer einzelnen Obstwiese bleibt und ihm somit die Lebensgrundlage verlorengeht, sobald zum Beispiel Bäume von Eigentümern gefällt werden oder die Wiese dem Hausbau zum Opfer fällt, ist jener bundesweit bereits auf der roten Liste. Es reicht auch ein etwas stärkerer Sturm, um eine Lücke in das Kollektiv von Bäumen zu reißen und somit die anderen Bäume gefährdeter für folgende Stürme zurückzulassen. "Es ist wichtig nachzupflanzen, wenn man Streuobstwiesen erhalten will", weiß auch Andreas Wegener.

 

Es ergibt natürlich Sinn, sich mit dem richtigen Baumschnitt zu beschäftigen, wie das in Kursen möglich ist, man darf jedoch nicht vergessen, dass alte Bäume, egal, wie gut sie gepflegt werden, immer noch alt sind. Viele von ihnen wurden noch vor der Wende gepflanzt, da Selbstversorgung damals eine größere Rolle spielte, wohingegen sich heutzutage Obst aller Art über das Jahr hinweg kaufen lässt. Diese Bäume werden irgendwann aufgrund einer Krankheit eingehen oder durch ein Unwetter umstürzen.

 

Ebenso wichtig ist die Wiesenmahd. Auch wenn der Wollbedarf nach 1870 durch billige Importe aus Australien und Argentinien sowie Baumwolle aus Nordamerika zurückging, war sie noch in der DDR ein durchaus gefragtes Produkt, weshalb es sich lohnte, auf einer Wiese ein paar Schafe zu halten. Aber das hat sich nach 1989 geändert, häufig halten Wiesenbesitzer nur noch Schafe, um die Wiese kurz zu halten. Die Wolle und das Fleisch der Schafe haben kaum noch einen Wert. Üblicherweise findet eine solche Mahd, aus welcher eine ordentliche Menge Heu hervorgeht, zweimal im Jahr statt. Wichtig sei dabei nur, dass man das später macht als die großen Bauern, meint Andreas Wegener, damit den Tierarten, die auf hohes Gras angewiesen sind, immer ein Zufluchtsort zur Verfügung steht.

 

Nach einigen Schwierigkeiten, die sie gelöst hat, indem sie Kontakte zu Wiesenbesitzern mit Mähmaschinen geknüpft und Betriebe, die Interesse an frischem Heu haben, gefunden hat, schaffte es Böttcher-Steeb nach ein paar Jahren, in die Bewirtschaftung der rund 40 Bäume eine Routine zu bekommen. Das sei nur mit viel Hilfe von Freunden und Bekannten möglich. Trotz allem: "Es ist schön, bei Gemeinschaftsaktionen wie Ernte und Heuwende mit Kind und Kegel auf der Wiese zu sein."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.09.2018, Nr. 222, S. 26 - Karla Steeb

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