Das Auto ist erst drei Monate alt und schon ein Totalschaden. Sie kann nicht einmal etwas dafür. Das ist noch nicht das Schlimmste: Zur Unfallstelle kommen Krankenwagen und Polizei. Ein Polizist bittet sie, sich in den Streifenwagen zu setzen, denn es ist Sommer und das Auto klimatisiert. Ilona Enskat weigert sich. Nicht in den Streifenwagen. Polizisten rufen bei ihr unangenehme Erinnerungen wach: Torgau, der geschlossene Jugendwerkhof in der DDR. Die elfeinhalb Monate, die sie dort in zwei Abschnitten mit 17 Jahren verbrachte, beeinflussen ihr Leben noch heute stark.
Wenn die burschikose Endfünfzigerin mit kurzen, hell gefärbten Haaren davon erzählt, wirkt sie bestimmt und gefasst. Trotzdem werden die Folgen ihrer Vergangenheit im Gespräch spürbar, gerade weil sie über einige bedeutende Aspekte fast beiläufig hinweggeht. Enskat erzählt, dass sie manchmal wochenlang nicht vor die Tür treten könne, einkaufen gehe sie nicht mehr. Vor drei Jahren ging sie verfrüht in Rente. "Es gibt Phasen, wo gar nichts mehr geht, wo mich meine Vergangenheit einholt." Außerdem fühle sie sich oft beobachtet. Wenn ein Auto zu lange hinter ihr bleibe, fahre sie Umwege, um es abzuhängen. Bei Polizeikontrollen wird sie extrem nervös, zittert, schwitzt. Damit sei sie immer ein Kandidat für Medikamenten-, Alkohol-, und Drogentests, ergänzt sie mit einer Spur Ironie. Die Zeit im Jugendwerkhof hinterließ eine große innere Unsicherheit, Vertrauen fällt schwer. Die Jugendlichen wurden missbraucht und gedemütigt, ihr Wille und Wesen gezielt gebrochen. Dabei war schon das Leben in ihrer Familie schwer. Ilona Enskat war mit 13 Jahren ins Heim gekommen, das hatte sie sich sogar gewünscht. Zu Hause musste sie sich um den gesamten Haushalt kümmern, wurde von Vater und Onkel missbraucht, geschlagen. Mit sieben unternahm sie den ersten Versuch wegzulaufen. Zeit für Schule blieb kaum. Im Durchgangsheim wurde das anders, dort waren die Erzieher "noch relativ human", sagt sie. "Was nachher hart war, war der Werkhof und der geschlossene Werkhof." Aus dem Heim reißt sie immer wieder aus, um sich um ihre sechs Brüder zu kümmern. Über den offenen Jugendwerkhof Wolfersdorf kommt sie schließlich nach Torgau. Dort sollte die Umerziehung "schwererziehbarer" Kinder von 14 bis 18 Jahren innerhalb weniger Monate vorgenommen werden. Dies geschah unter haftähnlichen Umständen, mit teils gewaltsamen und psychisch zerstörerischen Methoden. Bis November 1989 wurden insgesamt 4046 Kinder Opfer dieses Werkhofes.
Ilona Enskat teilt die Erinnerungen an diesen Ort mit Stefan Lauter, einem dünnen, drahtig wirkenden Mann. Viereinhalb Monate war er im geschlossenen Jugendwerkhof. Über diese Zeit sagt er: "Wie beschissen muss ein System sein, wenn es seine ungeliebten Minderheiten - und was anderes waren wir als Heimkinder ja nicht - so menschenverachtend behandelt." Trotz seiner Vergangenheit wirkt er schwer kleinzukriegen. Bei ihm wurde eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. "Ich gehe nie allein ins Kino, nie, wirklich nie, und wenn dann in der letzten Reihe." Er erträgt es nicht mehr, wenn Menschen im Dunkeln hinter ihm sitzen. Auch überfüllte Verkehrsmittel bereiten ihm Probleme.
Stefan Lauter kam ins Heim, als seine Mutter für erziehungsunfähig erklärt wurde. Er war mit dem DDR-Regime nicht einverstanden, verweigerte die FDJ und stellte zu viele Fragen, provozierte die Lehrer bewusst. Aus dem Wohnheim riss er aus. Er kam in den offenen Jugendwerkhof Freital und von dort aus am 8. Februar 1985 nach Torgau. Einen Tag vor seinem 18. Geburtstag entließ man ihn. Auch das Leben nach dem Heim war nicht einfach. Eine Ausbildung blieb ihm versagt, nur Hilfsarbeiter durfte er werden. Der Mauerfall kam für ihn wie ein Lichtblick. Ilona Enskat sagt: "Wenn die Wende nicht gekommen wäre, wäre ich bestimmt in die Drogen abgerutscht." Aber es war auch ernüchternd. "Die haben uns anfangs die Geschichten nicht geglaubt", berichtet Stefan Lauter. Er erstattete 1997 Strafanzeige gegen alle Erzieher und den Arzt aus Torgau sowie Margot Honecker. Ohne Erfolg. Zu einer Verurteilung kam es in keinem der Fälle. Heute führt er eine Liste, der er bei jeder Todesmeldung von ihm namentlich bekannten Erziehern einen Strich hinzufügt und dann eine Piccoloflasche Rotkäppchen-Sekt öffnet.
Er fährt nicht gern nach Sachsen - wegen der Erinnerungen. Trotzdem tut er es immer wieder, denn er möchte seine Geschichte erzählen. Mit Ilona Enskat wirkt er in dem Stück "Der Weg ins Leben" im Dresdner Staatsschauspielhaus mit. Die langen Anfahrten aus Berlin und Flensburg nehmen beide in Kauf. Neben ihnen stehen noch drei weitere Zeitzeugen auf der Bühne. Lauter setzt sich für die öffentliche Aufklärung seiner Vergangenheit ein. Er leitete Führungen in der Gedenkstätte Torgau, trat dem Opferbeirat bei und führt deutschlandweit Zeitzeugengespräche. Auf die Frage nach Wünschen zum angemessenen Umgang mit der Vergangenheit reagiert er ernüchtert. Die Verbrechen hätten im Rahmen des Einigungsvertrages 1990 viel intensiver behandelt werden sollen. 95 Prozent waren verjährt, bevor sie aufgeklärt werden konnten. Er hätte sich Ermittlungen bis zum Ende gewünscht, auch bei nicht mehr zur Rechenschaft ziehbaren Angeklagten - wenigstens einen symbolischen Richterspruch.
Auch Ilona Enskat hätte Wünsche gehabt. Einen zentralen Anlaufpunkt für alle Betroffenen, der die Unterstützung von spezialisierten Psychologen anbiete, zum Beispiel. Die Hoffnung, dass sich noch etwas tut, hat sie nicht mehr. "Was mir passiert ist, kann keiner wiedergutmachen." Stattdessen sorgt sie dafür, dass ihre Geschichte gehört wird, indem sie sich auf die Bühne traut. Sie sieht nach vorn: Der Staat solle mehr in die deutsche Jugendarbeit investieren. "So etwas darf es nicht nochmal geben, dass Kinder so gedemütigt und misshandelt werden."