Nummer 7983

Mehr als sechs Millionen Juden starben im Zweiten Weltkrieg. Davon mindestens 1,1 Millionen Juden im Konzentrationslager Auschwitz. Dieser Text ist in Gedenken an alle Opfer, die in den Konzentrationslagern ums Leben kamen, entstanden und berichtet über einen Häftling im Konzentrationslager Auschwitz.

Auch Rolf Joseph hatte den Holocaust überlebt. Nachdem er dreimal von der Gestapo festgenommen und gefoltert wurde, sollte er nach Auschwitz deportiert werden. Jedoch konnte er glücklicherweise aus dem fahrenden Zug springen und fliehen. "Mein ganzes Überleben damals, das war nur Glück", sagte Rolf über seine Zeit auf der Flucht. Doch die meisten Menschen, die nach Auschwitz kamen, hatten nicht so viel Glück wie Rolf Joseph. Viele Menschen heute wissen sehr wenig über den Holocaust und die Konzentrationslager. Es ist wichtig, darüber zu sprechen, damit dieses Ereignis nicht in Vergessenheit gerät und so etwas nie wieder passiert.

Die Kurzgeschichte zeigt die dramatische Situation der Juden in Auschwitz und ist aus Zeitzeugenberichten und Recherchen entstanden.

* * *

"Gesegnet seist Du,
Gott, unser Gott, Du

König des Universums,

der uns geheiligt hat

durch seine Gebote,

und uns befohlen hat,

das Licht des heiligen

Schabbatszu entzünden."

Jüdischer Segenspruch

"Jozef, Andzia, Jehuda, Jerzy."

Ich wiederhole die Namen immer und immer wieder.

"Jozef, Andzia, Jehuda, Jerzy."

Und dabei habe ich ihre Gesichter vor Augen. Ich sehe sie vor meinem

inneren Auge, wie sie erschossen werden, immer und immer wieder.

 

"Jozef, Andzia, Jehuda, Jerzy."

 

Ich rieche sie in der Luft, die nach Asche, Verwesung und Tod riecht.

 

"Jozef, Andzia, Jehuda, Jerzy."

 

Ich spüre ihre Anwesenheit in den Peitschenhieben der Offiziere.

"Jozef, Andzia, Jehuda, Jerzy."

Ihre leblosen Augen blicken gen Himmel, und sie werden zu den anderen in die Massengräber geworfen, die sie vor wenigen Minuten noch selbst ausgraben mussten. Wenn ich mich nicht an sie erinnere, dann tut es keiner. Doch was spielt das noch für eine Rolle? Wenn ich heute nicht sterbe, dann tu ich es morgen.

"Man lebt hier höchstens drei Monate, und wenn du ein Jude bist, dann nur sechs Wochen. Es gibt nur einen Weg hier raus: durch den Schornstein des Krematoriums." Das waren die Worte eines SS-Offiziers, als wir vor wenigen Wochen in Auschwitz ankamen und aus den Zügen geprügelt wurden. Immer wieder hallten die Worte des Offiziers in meinem Kopf nach. Damals verstand ich nicht, was diese Wörter bedeuteten. Ich konnte nicht nachvollziehen, was ich getan hatte. Das konnte keiner.

Inzwischen weiß ich, dass es keinen wirklichen Grund gibt. Jeden Tag rollen die Züge in die Lager, jeden Tag kommen neue Häftlinge. So viele, dass ich sie nicht zu zählen vermag. Die meisten von ihnen sehe ich nie wieder. Vor den Gleisen sitzen SS-Ärzte und sortieren die Neuankömmlinge aus. Wer nach rechts geschickt wird, kommt nie wieder. Und wer nach links geschickt wird, den erwartet die Hölle auf Erden.

 

Sie bekommen, genauso wie ich, eine Nummer. Meine Nummer ist die 7983. Täglich kommen neue Nummern hinzu und fallen aufgrund von Tod wieder weg. Hier sind wir keine Menschen mehr, wir sind nur noch Nummern auf einem Blatt Papier. Wir sind nur noch Abschaum und billige Arbeitskräfte.

Gestern sah ich erneut, wie eine Familie getrennt wurde. Die Mutter hatte ihre kleine Tochter im Arm, welche verzweifelt nach ihrem Vater rief. Dieser wurde auf die andere Seite geschickt. Weint nicht, sondern seid froh, dass ihr all die Qualen nicht erleiden müsst, dachte ich, als ich sie sah. Unwissend lief die Mutter mit ihrer kleinen Tochter und Hunderten von anderen in die Gaskammern.

Zuerst hört man noch die vor Scham aufschreienden Insassen, wenn sie sich alle ausziehen müssen. Dann wird das Gas eingelassen, nach ein paar Minuten hört das Husten und Röcheln auf. Dann ist alles totenstill.

Während ich mit einigen anderen Insassen jeden Tag die Leichen aus den Gaskammern schaffen muss, denke ich darüber nach, was wohl ihr letzter Gedanke sein musste. All diese unschuldigen Menschen. Niemand von ihnen dachte vermutlich, dass er so sterben würde.

Während ich einen toten Jungen zu den Massengräbern schleife, frage ich mich, was er später einmal machen wollte, welche Träume und Ziele er hatte. Als Kind fühlt man sich unsterblich, doch dabei sind wir alle schon vergessen, bevor wir überhaupt gelebt haben. All diese Kinder und unschuldigen Seelen, all die Familien. Jeder von ihnen hatte ein Leben, eine Familie, Freunde, Wünsche, Träume und Ziele, doch nun ist es so, als hätte es sie nie gegeben.

"Jozef, Andzia, Jehuda, Jerzy."

Ich zähle ihre Namen auf. Damit sie nicht genauso wie alle anderen vergessen werden. Doch ihre Gesichter verblassen langsam. Jede Leiche, die ich sehe, sieht aus wie Jozef. Und wenn ich mich an Jehuda erinnern will, so sehe ich nur ein weiteres Opfer aus den Massengräben.

"Jozef, Andzia, Jehuda, Jerzy."

Das Aufzählen ihrer Namen wird zu meiner Tagesaufgabe, meinem einzigen

Sinn. Der einzige Grund durchzuhalten, für meine Familie, damit sie nicht

vergessen werden. Damit sie nicht nur durchgestrichene Nummern sind.

Irgendwann wird keiner von uns Juden mehr übrig bleiben.

Irgendwann wird es niemand mehr geben, der unsere Geschichten erzählt.

Falls es überhaupt jemanden interessiert, was ein Jude zu sagen hat.

"Jozef, Andzia, Jehuda, Jerzy."

Ich spreche die Namen, wenn ich um 4 Uhr früh mit den anderen aufstehe.

"Jozef, Andzia, Jehuda, Jerzy."

Wenn ich zu dem völlig überfüllten Waschraum gehe und mich mit dreckigem eiskalten Wasser wasche.

 

"Jozef, Andzia, Jehuda, Jerzy."

Wenn ich zum Morgenappell mit den anderen Häftlingen in der Reihe stehe und dann zum Takt der Musik im Gleichschritt durch das Lagertor zu meinem Arbeitsplatz marschiere.

"Jozef, Andzia, Jehuda, Jerzy."

Wenn ich die Leichen aus den Gaskammern schaffe.

 

"Jozef, Andzia, Jehuda, Jerzy."

 

Wenn ich einen weiteren Häftling sehe, der erschossen wird.

 

"Jozef, Andzia, Jehuda, Jerzy."

 

Wenn ich beim Abendappell zusehen muss, wie ein kleines Mädchen ausgepeitscht wird, nur weil es einen kleinen Brocken altes Brot geschmuggelt hatte.

 

"Jozef, Andzia, Jehuda, Jerzy."

 

Wenn ich nach der abendlichen Essensausgabe wieder in meine Holzbaracke gehe und mir mit vier anderen Häftlingen eine Pritsche teile, welche aus völlig durch Hungerdurchfall verschmutztem, vermodertem Stroh besteht.

 

"Jozef, Andzia, Jehuda, Jerzy."

 

Wenn ich die Namen meiner Familie vergesse, verliere ich meinen Sinn, meine Identität, meinen Ursprung.

 

Manchmal träume ich noch von der Zeit vor dem Krieg. Ich hatte eine Familie, Freunde und ein Zuhause. Wir lebten glücklich, es ging uns gut. Ich erinnere mich daran, wie meine Mutter die Sabbatkerzen bei uns jeden Freitag entzündete und wir danach zum Gottesdienst in die Synagoge gingen. Ich erinnere mich, dass ich einen Freund hatte, Benjamin hieß er, glaube ich. Was wohl aus ihm geworden ist? Wir saßen in der Schule nebeneinander und spielten in den Pausen immer mit den anderen Kindern "Indianer und Soldat". Abends ging ich in mein warmes Bett und betete noch zusammen mit meinem Vater.

 

Doch dann wache ich auf und merke, dass alles nur ein Traum war. Manchmal fange ich an zu weinen oder schließe die Augen und versuche mir wieder vorzustellen, ich wäre wieder zu Hause bei meiner Familie. Doch spätestens in der frühen Morgenstunde holen mich die Trillerpfeifen der Kapos wieder in die Realität zurück. Es ist der letzte Tag der sechsten Woche, und ich fange an, die Namen wieder aufzuzählen.

Ein letztes Mal.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2018, Nr. 233, S. 26 - Joel Martin Klemm

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