Der Mann, der Weltmeisterin wurde

Erik Schinegger stapft in seinem roten Skianzug durch den Schnee und ruft Anweisungen durch sein rot-weißes Megafon. Um ihn herum rennen mehr als 100 Kinder, die mit ihren Eltern an der Talstation des Skigebietes Simonhöhe in Kärnten erwartungsvoll auf die Siegerehrung des wöchentlichen Skirennens warten. Doch der ehemalige Skirennläufer behält den Überblick in seiner Skischule, in der sowohl Erwachsenen als auch Kindern das Ski- und Snowboardfahren beigebracht wird. Was viele seiner aufgeregten Schüler nicht wissen: Erik wurde 1948 in Kärnten als Erika geboren.

 

Seine Geschlechtsteile sind nach innen gewachsen, weshalb er 20 Jahre lang als Mädchen lebte. Erika war immer maskuliner als andere Mädchen. Als besonders hübsch galt das Mädchen mit dem burschikosen Gesicht und den kräftigen Waden nie. Schon bald wollten die Kinder in der Dorfgrundschule Agsdorf in der Nähe von Klagenfurt nichts mehr mit ihr zu tun haben. "Den Madln war ich zu burschenhaft, und für die Burschen war ich immer noch ein Madl." Das Einzige, was sie interessierte, war das Skifahren.

 

Im Gemeindehaus stand der einzige Fernseher der Umgebung. So versammelten sich die Dorfbewohner dort jeden Sonntag nach dem Gottesdienst, um die Skirennen zu sehen. Erika saß ganz vorne und ahmte die Bewegungen der Skifahrer nach. Selber fahren konnte sie damals nicht. "Das habe ich mir auf den Obstwiesen hinter unserem eigenen Hof selber beigebracht." Bei ihrem ersten Rennen wurde die Schülerin von einem Skiclub entdeckt und fuhr bald regelmäßig Wettkämpfe. Schnell war das junge Mädchen so erfolgreich, dass sie 1966 für den österreichischen Skiverband zu den Weltmeisterschaften nach Portillo fahren durfte. Zur Überraschung aller gewann die Debütantin Gold im Abfahrtslauf.

 

Bei ihrer Rückkehr nach Österreich wurde die Weltmeisterin von allen gefeiert. In ihrem Heimatort Agsdorf wurde ihr ein Grundstück geschenkt, das heutige Skigebiet Simonhöhe. Dort betreibt "der Mann, der Weltmeisterin wurde", heute seine Kinder-Skischule. Stolz erzählt der 69-Jährige von den 100 000 Kindern, die in den vergangenen 40 Jahren dort Skifahren gelernt haben. Die Zeit als Skilehrer, Buchautor und Fernsehstar benennt der Mann mit den grauen Haaren als "meine zweite Karriere". Die erste Karriere als Skirennläuferin endete vor den olympischen Spielen in Grenoble 1967. Bei den neu eingeführten "Sex Tests" erfuhr Erika, sie sei eigentlich ein Mann. Aus Angst vor dem Verlust des Titels und des positiven Bildes des österreichischen Verbandes in der Öffentlichkeit wurde dem verunsicherten jungen Mädchen vorgeschlagen, sich einer Hormonbehandlung zu unterziehen, um endgültig als Frau leben zu können.

 

Heute ist der Vater einer Tochter glücklich, sich damals gegen ein weiteres Leben als Weltmeisterin entschieden zu haben: "Die Nonne Siegberta, die sich im Krankenhaus Innsbruck um mich gekümmert hat, hat mich gerettet." Mit Bewunderung spricht er heute über die Ordensschwester, die ihn damals, zusammen mit einem jungen Arzt, überzeugte, Erik zu werden. Nach vielen komplizierten Operationen fuhr der junge Mann, gekleidet in einem maßgeschneiderten Anzug und mit einem neuen Haarschnitt, in seinem neu gekauften Porsche nach Kärnten zurück. "Damals wollte ich unbedingt allen beweisen, dass ich ein Mann bin." Heute ist er zum zweiten Mal verheiratet.

 

Bei seiner zweiten Rückkehr war es ganz anders als nach dem Weltmeistertitel, "alle haben es vermieden, mir zu begegnen", meint er heute und erzählt mit bitterer Stimme vom ersten Besuch in der Kirche, nach seiner "Richtigstellung". Das erste Mal sollte Erik bei den Männern in der Kirchbank sitzen, doch niemand wollte neben ihm Platz nehmen, so saß der 21-Jährige, wie schon in der Schule, allein in der letzten Reihe. "Ich wollte unbedingt wieder Ski fahren und fuhr zum Training der österreichischen Rennläufer." Dort fühlte sich der ambitionierte Sportler schikaniert und ausgeschlossen. Seine Trainingszeiten veröffentlichten sie nicht mehr, angeblich, um die Presse loszuwerden, erzählt er verbittert, denn er habe immer noch beste Zeiten gefahren.

 

Mit Stolz führt Schinegger heute durch das persönliche Museum im Keller seines Hauses. Dort hängt sein ganzes Leben an der Wand. Bilder von ihm als Erika, die in Portillo Gold gewann, und Bilder von Erik mit seinen Skischülern, Ausschnitte aus Zeitungen über seine Erfolge oder die Teilnahme an der österreichischen Fernsehshow "Dancing Stars". Verschmitzt erzählt er von seiner Zeit als Tänzer im österreichischen Fernsehen. In diesem Archiv hängen auch seine Urkunden und Medaillen. Mit einem Grinsen verweist er auf die ausgehängten Trainingsprotokolle. "Ich war immer schneller. Schneller als die Burschen und schneller als die Madln sowieso." Seine Karriere als Skirennläufer musste er dennoch beenden, nachdem er, wie er erzählt, kurz nach seiner Rückkehr zum Österreichischen Skiverband endgültig vom Training ausgeschlossen wurde.

 

Aufhören wollte er nicht. "Der Sport hat mir das Leben gerettet, damit konnte ich nicht aufhören." Die Liebe zum Skifahren gibt der Mann, der mehrere Gasthöfe betreibt, weiter. Auch dabei will er der Beste sein. "Die Eltern vertrauen mir ihre Kinder an und sollen wissen, dass es ihnen in meiner Skischule gutgeht."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2018, Nr. 239, S. 26 - Melanie Schönberger

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