Ich habe nur zur Hälfte gelebt", echauffiert sich der 75 Jahre alte Heinz Schmitz (Name geändert) im Aufenthaltsraum der Rosa Hilfe Freiburg e. V., einem 1985 von männlichen Homosexuellen gegründeten Verein. Der rüstige und gut gepflegte Rentner sitzt auf einem der vielen Sofas, hinter ihm sind Regenbogenflaggen an der Wand zu sehen. Neben ihm haben es sich Robert Sandermann, Schmitz' langjähriger Kollege aus der Aids-Beratung, und Sophie, einzige Beraterin des Vereins, bequem gemacht. Gespannt hören sie Schmitz zu, der temperamentvoll von seinen Erlebnissen erzählt und Jugendfotos von sich zeigt.
Früh bemerkte Heinz Schmitz seine Anziehung zu Männern durch pubertäre Erfahrungen mit Mitschülern, so dass er sich als knapp 17-Jähriger bei Hundespaziergängen heimlich mit Männern zum Sex traf. Er wusste nicht, was mit ihm los war, denn aufgeklärt wurde er nie. "So war das in dieser verlogenen Adenauer-Zeit. Niemand hat mit uns darüber geredet. Wir kannten das Wort schwul oder homosexuell nicht einmal", macht er sich Luft. "Schweine, Sittenstrolche oder Hinterlader war alles, was man über Schwule sagte." Seine despotische Mutter kam ihm auf die Schliche, schrieb in ihrer Ratlosigkeit dem Jugendamt und bat um Hilfe. Darauf wurde er 1961 von der Kripo zum Verhör abgeführt. Er wurde beschuldigt, ein im Kino neben ihm sitzender Mann habe ihm "in wollüstiger Absicht" über den Oberschenkel gestrichen, was er erwidert habe. Im Verhör verängstigt und damit erpresst, den Chef seiner neuen Lehrstelle über alles zu informieren, gab er die so auch geschehenen Anschuldigungen zu. Er erhielt die Anklageschrift: Verstoß gegen Paragraph 175 des Strafgesetzbuches, beschrieben als "Unzucht mit Männern".
Aufgebracht holt er die alten Unterlagen aus seiner Tasche, Vorladungen, Anklageschriften, Urteilsschriften, um sie Sophie und Robert zu zeigen. Fassungslos schütteln sie den Kopf, als sie lesen, warum die Justiz ihn beschuldigte. Im Februar 1962 folgte die Verurteilung zu sechs Monaten Jugendgefängnis, die zu zwei Jahren auf Bewährung ausgesetzt wurde. Als spürbare Strafe musste er aber drei Wochenenden im Jugendgefängnis einsitzen. Um diese Zeit hatte er bereits eine Beziehung mit einem Nachbarmädchen, das er kurz darauf heiratete und mit dem er zwei Kinder bekam. Er hatte zwar Gefühle für seine Frau und kümmerte sich verantwortungsvoll um seine Familie, doch die Sehnsucht nach Männern war immer da.
Besonders als sich im Zuge der 68er-Revolution ein gesellschaftlicher Wandel vollzog und ein Jahr später der 1872 eingeführte, von den Nazis verschärfte und von der Bundesrepublik übernommene Paragraph 175 entschärft wurde, verloren Homosexuelle teilweise ihre Angst. Homosexualität ab 21 Jahren war nun legal. Schmitz traf sich danach öfter mit Männern, immer noch heimlich hinter Büschen oder auf öffentlichen Toiletten, auch Klappen, genannt. Da er die Zerrissenheit in der Ehe nicht mehr aushielt, kam es 1980 zur Scheidung. Allerdings dauerte es noch einige Jahre, bis er mit Anfang 40 sein Coming-out hatte. Als er eine neue Arbeit in einer Kneipe angefangen hatte, kam ein Gast zu ihm und fragte, ob es stimme, dass er "andersrum" sei. Lautstark antwortete ihm Heinz damals: "Jawohl, ich bin's!"
Dieser Bericht stimmt Robert Sandermann spürbar nachdenklich, weil er sofort an sein eigenes Coming-out mit Mitte 20 zurückdenkt. "Es war deine Generation, Heinz, die uns das Coming-out so schwer gemacht hat", wirft er ein. Die Ausläufer dieser prüden Zeit erlebte der große, schlanke Berater selbst: "Zu meiner Schulzeit war Homosexualität noch immer tabu." Seine große Angst und sein Schamgefühl auf der einen, die Homophobie in seiner Familie auf der anderen Seite, bereiteten ihm als Jugendlicher so große Probleme, dass er sogar daran dachte, sich umzubringen. Trotzdem traute er sich nicht, Hilfe zu suchen oder zur damals neugegründeten Rosa Hilfe zu gehen. Erst nach seinem Coming-out gelang es ihm, frei und glücklich zu leben.
Als Sandermann dann versuchte, seine Jugend nachzuholen, ergab sich eine neue Gefahr, die besonders Homosexuelle betraf: Aids. "Die Krankheit war fast bedrohlicher, als homosexuell an sich zu sein. Zusätzlich hatte man als Schwuler und gleichzeitig HIV-Positiver ein doppeltes Stigma", erklärt der 51-Jährige. Es war eine neue, unbekannte Krankheit, Medikamente oder Therapien gab es keine. "Wir hatten alle in unserem eigenen Umkreis Betroffene. Jede Woche las man in den Traueranzeigen von verstorbenen Bekannten", erinnert er sich berührt.
HIV löste Panik aus, sorgte aber auch dafür, dass mehr über Sexualität geredet wurde, sogar durch Aufklärung in der Schule. Dadurch veränderte sich in den 90ern auch wieder für Homosexuelle die Lage hin zum Positiven, was sich schließlich durch die Abschaffung des Paragraphen 175 im Jahr 1994 zeigte. Insbesondere aufgrund seiner eigenen schwierigen Vergangenheit fing Sandermann an, sich zu engagieren, um unsicheren oder diskriminierten Jugendlichen zu helfen. Seit 20 Jahren engagiert sich der Lehrer in der Rosa Hilfe Freiburg, die Menschen unterstützt, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Identität benachteiligt werden. Während sich der Verein anfangs ausschließlich an Schwule richtete, kümmern sich die Berater heute um weitere Gruppierungen wie Lesben, Bi- oder Transsexuelle. Neue Anliegen sind hinzugekommen wie der Kinderwunsch homosexueller Paare.
"Die Coming-outs von Wowereit und Westerwelle haben sich in der Beratung bemerkbar gemacht. Die hilfesuchenden Jugendlichen wurden jünger. Heute haben Teenager weniger Angst, und Eltern sind aufgeschlossener", freut sich Sandermann. Dem stimmt Schmitz zu und meint, ihn mache es glücklich, heute gleichgeschlechtliche Paare Hand in Hand, sich küssend in der Stadt zu sehen. "Es gibt jedoch immer noch eine starke Heteronormativität", entgegnet Sophie. Die 26-Jährige ist seit knapp zwei Jahren beim Verein. Sie verliebt sich meistens in Frauen, will sich aber in keine Schublade stecken und definiert sich daher als quer oder am liebsten einfach als Mensch. Sie ist auf dem Land aufgewachsen und sieht dort für Jugendliche noch heute Schwierigkeiten, da der Beistand für Homosexuelle und andere geschlechtliche Minderheiten geringer ist als in großen Städten. "Heute wird offener darüber geredet, aber Homosexualität bleibt immer noch etwas anderes, etwas Besonderes. Es hängt einfach fest."
In denselben Räumlichkeiten, in denen sich die drei unterhalten, trifft sich wöchentlich auch die Jugendgruppe, die von dem 16-jährigen Luca und dem 18-jährigen Florian (Namen geändert) geleitet wird. Deren Treffen besuchen mittlerweile mehrheitlich Transgender so wie sie, um einen entspannten Abend zu verbringen, sich auszutauschen oder zu unterstützen. "Auf der Straße widerfahren einem oft Anfeindungen. In manchen Gegenden ist man aufmerksamer unterwegs", erklärt Luca. Ein weiteres Problem sei, dass einige es nach den großen Fortschritten nicht mehr für nötig sehen, sich weiter für Gleichbehandlung einzusetzen. Gleichzeitig erstarken Kräfte, die sich gegen Rechte von Homosexuellen einsetzen. "Es ist zwar noch nicht alles gut, aber wir sind auf einem guten Weg", findet er.
Dessen sind sich Sophie und die beiden Männer am Ende des Gespräches auch sicher. Sandermann und der mittlerweile entschädigte Schmitz sehen der Zukunft optimistisch entgegen. Sophie berühren dennoch sichtlich die leidvollen Geschichten und Erfahrungen der Generationen vor ihr: "Ich habe die Hoffnung, dass meine Urenkel einmal kein Coming-out mehr haben müssen." Ein Lächeln zeichnet für einen Moment ihr Gesicht. Nickend werfen ihr Schmitz und Sandermann einen hoffnungsvollen Blick zu.