Friedrich arbeitet als Nounou

Um 7 Uhr klingelt der Wecker in einem Vorort von Paris. Nun heißt es aufstehen für den 19-jährigen hochgewachsenen Friedrich von Bosse aus Stralsund. Zuerst weckt er den acht Jahre alten Paul im Nebenzimmer. Dann beginnt er mit den Vorbereitungen zum Frühstück. Um 8 Uhr bringt Friedrich den Jungen zur Schule. Zurück zu Hause, hat er zum ersten Mal ein wenig Zeit für sich, bevor er sich auf den Weg in die Innenstadt von Paris macht.

 

Dort besucht Friedrich zweimal wöchentlich eine Sprachschule, um sein Französisch zu verbessern. Mit ihm im Kurs sitzen Mädchen aus der ganzen Welt. Der junge Mann aus Vorpommern ist einer der wenigen Jungen, die sich für ein Au-pair-Jahr entschieden haben.

 

Nach der Schule wollte er gerne seine Fremdsprachenkenntnisse vertiefen und bewarb sich deswegen für ein freiwilliges soziales Jahr in Frankreich, wurde jedoch abgelehnt. Da er bereits während seiner Schulzeit Zwillinge betreut und auf seine jüngere Schwester aufgepasst hat, gab seine Lehrerin ihm den Tipp, sich über die Möglichkeiten eines Au-pair-Jahres zu informieren, um sowohl die Sprache zu lernen als auch seine Erfahrungen im Umgang mit Kindern einsetzen zu können.

 

Begeistert von der Idee, wollte Friedrich gleich im Internet bei Vermittlungsagenturen ein Profil mit seinen Qualifikationen anlegen, um eine passende Gastfamilie zu finden. Dabei musste er jedoch feststellen, dass diese Aufgabe immer noch eher Mädchen zugeschrieben ist. Es dauerte eine Weile, bis er ein Portal gefunden hatte, das auch Jungen vermittelt. Es folgte eine einmonatige Wartezeit, bis sich die erste Gastfamilie meldete. "Bei den meisten Mädels, die ich getroffen habe, kamen schon kurz nach dem Anmelden zahlreiche Anfragen", berichtet der zunächst erfolglose Bewerber. Bei einem Gespräch via Skype lernte er dann die ersten Interessenten kennen. Jedoch entschied sich die Familie für ein anderes Au-pair, ein Mädchen.

 

Für den Stralsunder ging die Suche weiter. Bei seiner jetzigen Gastfamilie wurde er zu einem ersten Kennenlernen nach Paris eingeladen. Dort merkte man schnell, dass die Chemie stimmt.

 

Obwohl sich immer noch wenige junge Männer auf solche Stellen im Ausland bewerben, ging Friedrich von Bosse locker mit der Situation um. Freunde und Familie bekräftigten ihn in seinem Vorhaben. Hin und wieder wurden zwar abwertende Kommentare über seinen zukünftigen Aufgabenbereich, wie zum Beispiel das Kochen oder das Putzen gemacht, aber darüber kann Friedrich nur lachen, er hat andere Erfahrungen gemacht: "Meistens wird man wie ein älterer Sohn in der Gastfamilie aufgenommen und übernimmt nur teilweise Aufgaben aus dem Haushalt." Für viele seiner Bekannten sei es ein Grund, mit den bisherigen Vorstellungen aufzuräumen und ihn als Vorbild zu sehen. In den zehn Monaten, die Friedrich bereits in Paris ist, hat er sich gut eingelebt und sieht sich nicht als Exoten unter den Au-pairs. "Zu Beginn gab es immer noch eine gewisse Distanz zwischen der Gastfamilie und mir, aber diese legte sich innerhalb der ersten paar Wochen", berichtet er. Mit seinem Gastkind Paul kommt er mittlerweile gut klar. Am Anfang gab es noch kleinere Verständigungsprobleme. Erst durch den Alltag lerne man, sich einwandfrei zu unterhalten. "Dabei dachte ich, mein Schulfranzösisch wäre gut", meint Friedrich mit einem Schmunzeln.

 

Die Zeit, während sein Gastkind in der Schule ist, verbringt der Deutsche nicht nur damit, in der Sprachschule Grammatik zu lernen, sondern er schaut sich auch die Hauptstadt Frankreichs an. Er hat sowohl die prachtvolle Stadt an warmen Tagen erlebt als auch die Wintermonate, in denen Paris aufgrund von ein wenig Schnee im absoluten Verkehrschaos versunken ist. Langeweile hat er nie. Jeden Tag finde er ein neues Highlight, sei es eine große Touristenattraktion oder den Alltag, der einem die typisch französische Lebensweise näherbringt.

 

Friedrich hatte Glück, seine Gastfamilie hatte bereits mehrere Au-pairs, ein Mädchen und einen Jungen. Pauls Eltern wählten erneut einen Jungen, weil ihr Sohn dadurch einen männlichen Ansprechpartner hat. Friedrich weiß, männliche Bewerber haben immer noch trotz herausragender Qualifikationen schlechte Vermittlungschancen. Weshalb gibt es immer noch dieses Vorurteil, dass Au-pairs Mädchen sein müssen?

 

Dass es dieses Klischee gibt, erkennt man daran, dass der Deutsche immer wieder vor Pauls Schule gefragt wird, in welcher Relation er zu dem Kind steht. Selbst von anderen weiblichen Au-pairs. Für ihn liegt es auf der Hand, er ist das "Nounou", was wörtlich so viel heißt wie Kindermädchen. Dies zeigt, dass es immer noch keinen passenden Begriff für ein männliches Au-pair gibt. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich zwar die strikte Rollenverteilung im Allgemeinen verändert. Jedoch scheint das nicht auf Au-pairs zuzutreffen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2018, Nr. 239, S. 26 - Valeria Lass

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