Das Leben ist unberechenbar. Doch was tut man, wenn sich auf einmal alles ändert? Khaled Mamo erzählt, wie es ist, wenn man gezwungen wird, als Dorfkind in eine moderne Großstadt in Deutschland zu ziehen. Er erinnert sich genau an seinen ersten Schultag, wie er die Straße durch das kleine Dorf Qastal in Nordsyrien entlangläuft - kühle Herbstluft, die in sein Gesicht weht, friedliche Vögel, welke Blumen und immergrüne Olivenbäume. "Auf meinem Weg hatte ich gemischte Gefühle. Ich war unglaublich aufgeregt, aber auch motiviert, denn ich werde neue Freunde kennenlernen. Ich war glücklich und habe mich auf den Geruch der leeren Hefte, die neuen Stifte und die neue Schuluniform mit der Mütze und dem orangenen Halstuch gefreut", schwärmt der nun 23-Jährige.
2012 steht er mit seinem Abiturzeugnis unentschlossen vor seiner Haustüre und fragt sich: Was nun? Soll er Philosophie studieren oder lieber Regisseur werden? Dafür lohnt sich der weite Weg vom Land in die Großstadt Aleppo. Einige Monate und viele Bewerbungen später nimmt Khaled diese Strecke auf sich. "Ich konnte es spüren. Die Stimmung im Land war angespannt, denn ein paar Wochen zuvor hatten die Demonstrationen und Konflikte begonnen." Seine Sorgen bestätigen sich, als er die Straße entlangläuft, die zur Universität Aleppo führt, wo er sich für ein Philosophiestudium eingeschrieben hat.
"Das dröhnende Geräusch der lauten Kampfflugzeuge, die nun statt der Vögel über unsere Köpfe kreisten, lenkten all die Aufmerksamkeit auf sich. Dann passierte das, wovor wir uns alle fürchteten. Eine Bombe schlug schneller auf, als ich sehen konnte, und alles, was ich wahrgenommen habe, waren Leute, die ihre Kinder auf den Arm nahmen und wegrannten, die lauten Hilferufe und die dicke, schwarze Rauchwolke, die aufgestiegen ist", berichtet er mit leicht zitternder Stimme, während er seine Handflächen knetet. Der kratzende Rauch im Hals, der Geruch von Verbranntem und die Angst, die er verspürte, wird er nie vergessen. In Aleppo schlagen am selben Tag noch mehr Bomben ein, die Studentenstadt und seine Chance auf ein Studium werden vor seinen Augen zerstört. "Meine Träume konnte ich nur noch an die zerstörten Wände meiner Stadt malen." Durch den Beginn des Krieges in Syrien vor sieben Jahren wurden der jungen Bevölkerung die Bildungschancen und die Aussicht auf eine echte Zukunft genommen. Schulen auf dem Land wurden geschlossen, Universitäten zertrümmert. Öffentliche Verkehrsmittel fuhren nicht mehr. Die jungen Erwachsenen bleiben zu Hause, helfen im Haushalt oder fliehen in ein anderes Land, wie Khaled es getan hat. "Ich hätte nie daran gedacht, dass ich mit 19 Jahren gezwungen bin, das Land zu verlassen."Vor fünf Jahren macht er sich auf den Weg nach Istanbul, um zu arbeiten und seine Familie zu unterstützen. Jeder Arbeitstag, mal in einer Bäckerei, mal in einer Schreinerei, war zwölf Stunden lang, hinzu kamen Überstunden. "Ich erfüllte die Träume meiner Chefs, indem ich hart und lange arbeitete." Als syrisch-kurdischer Flüchtling ohne finanzielle Mittel kann er nicht studieren. Er bittet eine Tante und einen Onkel, die in Deutschland aufgewachsen sind, um Hilfe. Eine Flucht mit der Familie ist zu teuer und für den damals dreijährigen Bruder zu gefährlich.
Khaled hat das Glück, mit Hilfe einer Einladung der Verwandten im selben Jahr nach Frankfurt zu reisen. "Da stand ich in Istanbul vor dem Flugzeug und wusste nicht, wie ich mich fühlen soll. Ich wollte meine Heimat, mein Dorf und meine Familie nicht zurücklassen, doch in Deutschland habe ich die Chance auf eine sichere Zukunft, und meine Eltern und Geschwister werden nachkommen." Dies ist im Rahmen der Familienzusammenführung mittlerweile geschehen. Von einem Ort wie Qastal nach Frankfurt zu reisen fühle sich an, wie von einem kleinen Fluss in das Meer gespült zu werden. Bald zieht er nach Aschaffenburg. An vieles muss er sich lange Zeit gewöhnen. In Deutschland ist der Verkehr viel geregelter, selbst die Dörfer sind modern. "Die Bürokratie und Arbeitsgesetze haben mich überwältigt. Ich kann mich nicht einfach auf den Traktor setzen und auf die Äcker fahren." Oliven ernten und auf seine Geschwister aufpassen, das war für ihn Alltag.
Khaled denkt oft an die schönen Erlebnisse im Dorf. Fußballturniere veranstalten, in die Berge wandern und diese zeichnen. "In meinem Dorf hatte ich das Gefühl, alle Zeit der Welt zu haben. Es gab keine Regeln, keine Ruhezeiten, niemand beschwerte sich über laute und lachende Kinder. Wir waren frei." Sein Lieblingsort: der Bolzplatz. Sobald Khaled seine Hausaufgaben erledigt hatte, schnappte er sich den Fußball und trommelte seine Freunde zusammen. "Wenn der Staub und die Kiesel vom erdigen Boden unter meinen Füßen beim Schießen aufgewirbelt wurden, war es das beste Gefühl überhaupt." Er schwärmt von der guten Luft, den spontanen Besuchen bei seinen Großeltern und den nächtlichen Spaziergängen in der überfüllten Nachbarstadt Latakia, die von Lichtern der Restaurants erhellt wurde.
"Ich bin unendlich dankbar, mit meiner ganzen Familie hier in Sicherheit leben zu dürfen. Trotzdem fehlen mir meine Heimat und meine Landsleute." Er vermisse die Spontanität, in Deutschland sei alles durchgeplant. Doch er hat sich in den vier Jahren gut eingelebt. "Ich wurde mit offenen Armen empfangen und habe so viele wunderbare Menschen kennengelernt, die mir geholfen haben, hier Fuß zu fassen." Khaled ist zuversichtlich. An der Hochschule Dieburg hat er den Studiengang "Motion Pictures" belegt, in dem es um filmisches Handwerk geht. "In Deutschland habe ich endlich die Möglichkeit, meine Träume an eine saubere und unversehrte Wand zu malen."