Der gregorianische Choral fasziniert auch junge Sänger. Dafür sorgt ein fußballbegeisterter Kantor aus Warendorf.
Steht auf, wenn ihr Schalker seid", in Neumen dirigiert, das erfordert einen besonderen Dirigenten, der in der Luft den ungefähren Melodieverlauf nachzeichnet. Bernhard Ratermann ist Kantor der St.-Laurentius-Gemeinde in Warendorf. "Gustate et videte" singt Ratermann zweimal mit unterschiedlichen Rhythmen und fragt seine Zuhörer begeistert, ob sie den Unterschied hörten. Als Angestellter des Bistums Münster leitet er verschiedene Chöre der Kirche und unterrichtet junge Schüler im Orgelspiel, deutschem Liturgiegesang und gregorianischem Choral. Gregorianischer Choral bezeichnet den einstimmigen, ursprünglichen Gesang der römisch-katholischen Kirche in lateinischer Sprache. Im gregorianischen Choral, der etwa 1500 Jahre alt ist, werden meist Texte aus der Heiligen Schrift vertont. "Ich merkte bei meinen Studien, und das fand ich unglaublich interessant, dass der gregorianische Choral versucht, das Wort Gottes zu deuten in einer ganz faszinierenden, ganz intensiven Art und Weise", beschreibt der 60-jährige Kirchenmusiker andächtig die Musik.
Als Kind besuchte er jeden Sonntag mit seinen Eltern eine Messe im nahe gelegenen Kloster Gerleve, in dem der Choral traditionell eine tragende Rolle spielt. Diese alte Musik beeindruckte ihn so sehr, dass er zum Ende seines fünfjährigen Kirchenmusikstudiums auch seine Staatsarbeit über das Thema Gregorianik schrieb. Dass der gregorianische Choral keinen festgelegten Rhythmus hat, sondern dieser von sogenannten Neumen vorgegeben wird, verstand der Kantor erst, als er sich im Zuge dieser Arbeit und eines internationalen Sommerkurses intensiver damit beschäftigte. "Hier versuchten wir dann herauszukriegen, was diese Zeichen bedeuteten, das war total faszinierend", erzählt Ratermann mit glänzenden Augen. Diese handschriftlichen Neumen sind vor allem in den frühesten Aufzeichnungen der Gregorianik zu finden, sie illustrieren den ungefähren Melodieverlauf des Gesangs, die der Dirigent dann, dem Chor zugewandt, in der Luft nachzeichnet. Erst Mitte des 11. Jahrhunderts erfand Guido von Arezzo ein Liniensystem, in dem sich die genaue Tonhöhe festhalten ließ.
Während dieses Sommerkurses lernte der Gregorianik-Experte selbst von großen Kirchenmusikern wie Luigi Agustoni und Godehard Joppich. Der Gregorianische Choral ist nach Papst Gregor dem Großen, 540-604 nach Christus, benannt. Es war schon lange vor dessen Zeit üblich, im Gottesdienst singende Liturgie zu praktizieren. Aufgrund der mündlichen Gesangstradition sind diese Melodien im Original nicht mehr vorhanden. Zu der Zeit entstand die Schola cantorum, die Sangesschule am päpstlichen Hof. Der hohe Gesang der Knaben und die Tenorstimmen der Männer galten als "Abbild des Gesangs der Engel". Daraus entwickelten sich die Choräle, die sich durch mündliche Überlieferung verbreiteten. Erst im Jahr 900 gibt es erste Niederschriften, in denen die Melodiebewegungen in die vorhandenen Textschriften eingetragen wurden.
Der Familienvater, der die Wege zur Bischöflichen Kirchenmusikschule mit seinem roten Motorrad zurücklegt, glaubt an die Zukunft des Chorals. "Man darf die Hoffnung nicht aufgeben." Stolz erzählt er von vielen jungen Leuten, bei denen er großes Interesse erlebe wie zum Beispiel in der Ausbildung zum Kirchenmusiker. Der 60-Jährige, der die C-Lizenz als Fußballtrainer besitzt, versucht besonders jungen Musikinteressierten den Choral nahezubringen. Als eine seiner Schülerinnen vorne ein wenig unsicher steht, zwinkert er ihr zu: "Keine Angst, einfach singen!" Eine Schülerin beschreibt seinen Unterricht als ermutigend und lehrreich. "Das Schöne ist, dass er einen total motiviert und das Gefühl gibt, man könne das alles schon längst."
"Ich meine in der Aussage, einen Gottesdienst zu feiern, da steckt ja schon das Wort feiern drin, gemeinsam ein Fest zu feiern", sagt der Vater von fünf Kindern und benennt als den besonderen Umstand, durch den aus einem Gottesdienst ein Fest werde, die Musik. Für die Kirchenmusik steht im Artikel 16 der Liturgie-Konstitution geschrieben: "Die Kirche betrachtet den gregorianischen Choral als den der römischen Liturgie eigenen Gesang, demgemäß soll er in ihren liturgischen Handlungen den ersten Platz einnehmen." Dies so umzusetzen sei schwierig, da man ja auf die Wünsche der Gemeinde Rücksicht nehmen müsse, dennoch versuche er einmal im Monat eine Sonntagsmesse mit gregorianischem Choral zu gestalten.
Sich selbst bezeichnet Ratermann lachend als "ganz normal" und erzählt mit großer Begeisterung von seiner anderen Leidenschaft, dem Fußballverein Schalke 04. Ein herausragendes Erlebnis war für ihn der Besuch des Uefa-Pokalspiels 1997 mit seinen zwei Brüdern in Mailand, als Schalke sich den Pokal holte.