Auf der Suche nach dem versteckten Büroeingang erwartet der unbedarfte Besucher hinter den Milchglasscheiben Klänge der Orgeln zu hören. Stattdessen nimmt er lediglich das Klopfen der Hämmer und Schleifen der Hobel wahr. Ein intensiver Geruch aus Holz und Leim steigt einem beim Betreten des Gebäudes in die Nase.
"Jede Orgellandschaft hat ihre eigene Philosophie", sagt Stephan Mayer. In der saarländischen Kleinstadt Heusweiler renoviert, baut und restauriert das 14-köpfige Team des Orgelbaumeisters die beeindruckenden Musikinstrumente. Und das in der dritten Generation: Das Familienunternehmen wurde 1953 von Hugo Mayer gegründet. Seit 61 Jahren beherbergt die ehemalige Volksschule von Heusweiler seine Orgelbauwerkstatt.
Auf dem Weg in das Büro kann man den sonoren Klang der Sägen und Bohrer wahrnehmen. Das Treppenhaus wird von einzelnen Orgelteilen aus Holz und Metall verziert. Der Bau großer Orgeln erfordert viele tausend Arbeitsstunden und kann die spezialisierten Handwerker über Monate beschäftigen. Der Arbeitsprozess ist komplex und verlangt großes handwerkliches Geschick und ein präzises Gehör. Nach Vorplanung und Konstruktion werden sukzessiv die verschiedenen Pfeifen kunstvoll gefertigt. Windladen-, Balganlagen- und Windkanalbau sind weitere zentrale Arbeitsschritte. Damit vor der Auslieferung an den Auftraggeber der komplette Werkstattaufbau stattfinden kann, müssen noch die Traktur, das Spielbrett und das Gehäuse angefertigt werden. Nach Überprüfung der angefertigten Teile und der Vorintonation kann das akustische Meisterwerk seine Reise zum Bestimmungort antreten.
"Nichts von der Stange" komme ihm über den Ladentisch, sagt Stephan Mayer, dessen Arbeitstag um 6.45 Uhr beginnt. "Ich habe keinen klassischen Nine-to-five-job", erklärt Mayer. "Die vielen Bürotätigkeiten und Verwaltungsaufgaben, müssen leider Gottes bewältigt werden. Aber die Arbeit am Instrument und die Montage der Orgeln machen den Reiz meines Berufes aus."
Ein Glanzpunkt von Mayers handwerklichem und künstlerischem Schaffen war die Restauration einer fast dreihundert Jahre alten Orgel aus dem Buckingham-Palast in London. Der Saarbrücker Konzertorganist Bernard Leonardy sicherte sich die Orgel, als sie zum Verkauf stand, und beauftragte den Orgelbauer Stephan Mayer mit der Renovierung. Das berühmte 1730 gebaute Instrument, auf dem Mendelssohn und Mozart gespielt haben, zerlegte Mayer zunächst mit größter Behutsamkeit, bevor er es vor zehn Jahren in der Deutschherrenkapelle in Saarbrücken wieder aufbaute.
Der 49-jährige Familienvater spielte nach dem Abitur mit dem Gedanken, Architektur zu studieren. Seine Familie wohnte neben dem Gelände der Werkstatt, und so kam er schon in seiner Kindheit mit dem Handwerk in Berührung. Den Orgelbau lernte er im bayrischen Dillingen an der Donau. "Ich habe mich bewusst dazu entschieden, das richtige Leben kennenzulernen und nicht als Sohn des Chefs im elterlichen Betrieb meine Ausbildungszeit zu verbringen", sagt er mit Stolz. Die Augen des agilen Mannes blitzen auf, als er von seinem Wunschprojekt für die Zukunft berichtet: "Einmal die Möglichkeit haben, einen gigantischen Dom mit unvorstellbarer Akustik mit einer Mayer-Orgel auszustatten."
In Bezug auf den Orgelbau ist Mayer Traditionalist, in Bezug auf die Musik, die der Orgel entlockt wird, jedoch das genaue Gegenteil. Er kann sich neben Kirchenmusik auch weltliche Musik auf Orgeln vorstellen, wie Rock, Pop und Filmmusik, "nur Techno könnte schwierig werden", sagt er lachend. Mayer ist über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt. Die christlichen Kirchen sorgen fast für das gesamte Auftragsvolumen, der vielgereiste Unternehmer ist aber darum bemüht, auch andere Auftraggeber zu finden. Die Ausstattung von Konzertsälen mit Orgeln ist beispielsweise ein kleiner, weiterer Absatzmarkt. Dabei kann der Orgelbauer sich auf seine Mitarbeiter, zu denen auch drei Frauen zählen, verlassen. Für Mayer ist sein Team seine "Familie".
Die Unesco hat im Jahre 2017 den traditionsreichen Orgelbau ins Rampenlicht gerückt und zum Weltkulturerbe erklärt. Eine ihn betreffende Auswirkung, dass der Orgelbau mittlerweile diesen Status besitzt, besteht darin, dass Mayer als begehrter Gesprächspartner zahlreiche Anfragen für Interviews erhält, und selbstverständlich lässt diese weltweite Anerkennung des Orgelbaus sein Herz höher schlagen. Die Nachbarschaft zu Frankreich und dem dort stattfindenden Orgelbau habt großen Einfluss zum einen auf das Design seiner Orgeln, das er "als zeitgenössisch und modern" bezeichnet, und auf den warmen Klang der Unikate. Seine Orgeln kann man in der Basilika St. Johann in Saarbrücken oder in der Kirche zu St. Kastor in Koblenz lauschen. Dennoch darf das Faszinosum Orgelbau nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der Orgelbau in seinem Bestand immer wieder beweisen muss. "Das ist ein harter Kampf, denn Orgelbau ist kein Wachstumsgeschäft", erklärt er mit nachdenklicher Mine. Die Prognose für den Orgelbau sieht er daher auch skeptisch. Er berichtet, dass es in den vergangenen Jahren nicht nur Sternstunden für die Firma gab. "Der Rückgang von Neubauten hat dazu geführt, dass wir liebgewonnene Mitarbeiter entlassen mussten. Das war ein wirklich bitterer Moment", berichtet der Enkel des Gründers. Dennoch sieht sich Mayer in Zukunft mit seinem Geschäft in der Konkurrenz zu anderen Orgelbaufirmen gut positioniert. "Das Unternehmen ist heute schlagfertig genug, um in fünfzig Jahren zu den Stars der Branche zu gehören", sagt der Orgelbauer selbstbewusst, "selbst wenn ich dann nicht mehr am Steuer der Firma stehe."