Aus getrennten Küchen

In Unterfranken liegt das einzige koschere Hotel Deutschlands. Jüdische Zuwanderer erfreuen sich an Service und Tradition. Aber auch Überlebende der Schoa.

Im unterfränkischen Bad Kissingen gastierten einst Kaiser und Könige, um sich zu erholen. Für jüdisches Leben ist der Kurort auch bekannt - zumindest bei den Menschen, die sich für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland interessieren. Das Kurheim Eden-Park, eine Einrichtung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. (ZWST), hebt sich deutlich von anderen Hotels in der Stadt ab. "Es ist das einzige koschere Hotel Deutschlands und daher ein wichtiger Treffpunkt vor allem für ältere Mitglieder jüdischer Gemeinden, heute in der Mehrheit jüdische Zuwanderer aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion", sagt Heike von Bassewitz, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Der Grundgedanke des 1993 von der ZWST eröffneten Hotels sei es, den zugewanderten Senioren die jüdische Lebenskultur und Traditionen nahezubringen, zumal jüdisches Leben in der ehemaligen Sowjetunion diskriminiert wurde und jüdische Traditionen, wenn überhaupt, nur im Geheimen gepflegt werden konnten. Sie verweist auf die entscheidende Rolle von Beni Bloch, bis 2018 Direktor der ZWST, beim Ankauf des Gebäudes: "Den Namen Eden-Park hat der Vorstand dem Haus beim Kauf gegeben - in Anlehnung an den Garten Eden, das Paradies. Etwas weniger romantisch übersetzt: Das Haus soll den Teilnehmern für die Zeit ihres Aufenthaltes eine Auszeit vom Alltag bieten, in jüdisch-familiären Zusammenhängen."

Vor allem das koschere Essen hat eine große Bedeutung und viele Besonderheiten, die ein Laie kaum überschauen kann. Dass man als Jude kein Schweinefleisch isst und Lebensmittel mit Blutbestandteilen ein Tabu sind, das sind Regeln, die man noch kennt. Dass aber ein Teller, der einmal für ein Milchprodukt verwendet wurde, auch nur noch genau dafür verwendet werden darf oder nur Fisch mit Schuppen und Flossen verzehrt werden darf, wie der Koch des Hauses, Peter Mehringer, erzählt, klingt schon überraschender: "Kein Aal, kein Lobster, Hummer, keine Meeresfrüchte, also Filtertiere, diese sind von Haus aus ausgeschlossen vom Verzehr. Der Fisch muss Schuppen und Flossen haben." Mehringer, ursprünglich aus Österreich, war acht Jahre in Israel als Koch tätig und kennt sich mit den Gepflogenheiten der koscheren Küche aus.

Seit 23 Jahren arbeitet er im Kurheim Eden-Park mit einer gelassenen Art, mit der er es immer schafft, die Stimmung aufzulockern. "Es ist schwierig mit dem koscheren Essen, da alles streng nach den religiösen Vorschriften überprüft werden muss, bevor es verarbeitet werden kann", sagt Mehringer und verweist auf das Koscher-zertifiziert-Siegel auf dem Fleisch, das von einem Fleischlieferanten in München kommt. "Das Fleisch ist circa dreimal so teuer wie das vom Discounter, Fisch ist kein Problem", berichtet er beim Zurücklegen des Fleisches in den kleinen Kühlraum, für den er selbst etwas zu hoch gewachsen ist.

Auch Wein fällt unter die Religionsvorschriften. Uwe Nowotsch von IsraelWein.de, Kenner und Verkäufer israelischer Weine, erläutert: "Für orthodoxe Juden ist es wichtig, dass Wein nicht verunreinigt wird. Ab dem Weinkeller, ab Produktion des Weines also wird es da besonders wichtig, dass zum Beispiel kein tierisches Protein wie Gelatine als Klärmittel Verwendung findet. Um jedes Risiko einer Verunreinigung zu vermeiden, gibt es sogenannten Mewuschal-Wein. Das heißt wörtlich ,gekochter Wein', meint aber bis zu 88 oder 89 Grad Celsius für Sekundenbruchteile erhitzten Wein. Der kann bedenkenlos von Nicht-Juden geöffnet, ausgeschenkt, serviert werden. Die Mehrheit der Rabbiner erkennt diese Methode an."

Das Hotel hat zwei Küchen, die streng voneinander getrennt sind, eine für Fleisch- und Fischgerichte, die andere für milchige Gerichte. Auch das Geschirr ist getrennt. Und was, wenn doch mal etwas schiefgeht? "Bei Porzellangeschirr zum Beispiel ist das echt ein Problem", räumt Mehringer ein. "In solchen Fällen zerbrechen wir das Porzellangeschirr hier, vernichten es, andere Materialien kann man unter Umständen wieder koscher machen, wir geben das dann dem Maschgiach und fragen, was damit passieren soll."

Für die Einhaltung alles Religiösen ist Chanoch Grünwald zuständig. Er ist vor Ort der Maschgiach, verantwortlich für die Einhaltung der jüdischen Speisegesetze. Der 72-Jährige kontrolliert das Essen, zündet die Flamme am Herd an und überprüft, ob alles seine Richtigkeit in Einklang mit den jüdischen Glaubensvorschriften hat. "Ein deutsches Sprichwort lautet: Du bist, was du isst", mit diesem Zitat verweist Grünwald darauf, dass Juden zum Beispiel keine Raubtiere, sondern nur friedliche Herbivoren wie Kühe oder Hühner verzehren. Auch das Schächten sei ein penibel ausgeführter und von einem Arzt und einem Rabbiner überwachter Akt, bei dem das Schächtmesser so scharf wie das Skalpell eines Chirurgen sei, erklärt Grünwald. "Wir leben koscher, weil Gott es uns so gesagt hat. Er weiß am besten, was gut für die Seele ist. Man hinterfragt ja auch nicht das Rezept eines Arztes, weil man davon ausgeht, dass er der Fachmann ist", sagt der Maschgiach.

In dem kleinen Kurheim arbeiten 24 Vollzeit- und Teilzeitkräfte, zu Spitzenzeiten beherbergt das Haus mehr als 50 Gäste, die meistens aus verschiedenen jüdischen Gemeinden kommen. "Der Gedanke hat von Anfang an eine Rolle gespielt: Förderung einer jüdischen Identität bei jüdischen Zuwanderern aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion, Weiterbildung und Förderung der Integration in Kombination mit einem entspannten Aufenthalt in familiärer Atmosphäre im Kurhotel Eden-Park. Die Teilnehmer kommen über die jüdischen Gemeinden zu uns", sagt Heike von Bassewitz. Die meisten Besucher kommen regelmäßig in den Eden-Park, darunter auch Eva Szepesi, Holocaust-Überlebende und Autorin des Buchs "Ein Mädchen allein auf der Flucht: Ungarn, Slowakei, Polen (1944-1945)", oder die lebende Legende Tirza Hodes, die weltweit bekannt für die Förderung jüdischen Volkstanzes ist. Die 95 Jahre alte, jung gebliebene Tänzerin gibt dort Tanzstunden für Menschen in ihrem Alter, doch auch für jüngere Teilnehmer. Dank Tirza Hodes, so sagt sie selbst, gibt es allein in Deutschland 26 jüdische Tanzgruppen. "Ich möchte jüdische Traditionen, jüdische Atmosphäre und Freude vermitteln. Ich möchte andere damit anstecken." Die Choreographin hat ihre Kunst 1936 noch in Deutschland gelernt. Sie wollte eigentlich nie in ihre Heimat zurückkehren, nachdem sie wegen der Judenverfolgung und der sogenannten Reichskristallnacht nach Palästina floh. In den fünfziger Jahren bot ihr das israelische Außenministerium an, eine Reise in ein "neues Deutschland" zu begleiten, was sie dann überzeugte, wie sie sagt. Nach einer großen Karriere als Tanzlehrerin, die sie in die Vereinigten Staaten, nach Afrika und Iran gebracht hat, pendelt sie nun allmonatlich zwischen Israel und anderen Ländern. In das Kurheim Eden-Park komme sie gerne, da dieses Haus etwas Besonderes sei und sie dort viele alte Freunde treffe, die ein ähnliches Schicksal mit ihr teilen. "Die Überlebenden der Schoa sind wie eine Familie für mich", sagt Tirza Hodes.

Ein länglicher Raum mit vielen Stühlen wird vom Fitness- oder Gruppenraum zur Synagoge, indem ein Schrank auf Rollen mit der Tora hineingefahren wird, denn eine Synagoge kann überall sein, erklärt Grünwald. Bei Fragen bezüglich des Glaubens hat er immer ein Ohr für die Besucher und erklärt auch gerne Laien mit anschaulichen Beispielen, was es bedeutet, jüdisch zu sein. Die Art und Weise, wie jüdische Kultur im Hotel gelebt und vermittelt wird, sei ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland, sagt der Direktor der ZWST, Aron Schuster. Wer einmal Gast war, kommt für gewöhnlich wieder in die kleine Gemeinschaft von Leuten, die sich als Familie verbunden in ihrer Vergangenheit und im Glauben sehen und mit ihrer Lebensfreude auch Nicht-Juden anstecken.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.2018, Nr. 257, S. 30 - Fritz Büttner

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