Mit Bruderschaftsgefühl

Schon immer interessierte er sich für die armenische Geschichte, insbesondere, als er von der Geschichte seiner Urgroßmutter beim Genozid 1915 gehört hat. Das Dorf im Osmanischen Reich, in dem sie und ihre sechs Kinder lebten, wurde von den Türken angegriffen und sie wurden in die Wüste deportiert. Von den sechs Kindern verhungerten zwei, zwei überlebten, und die beiden anderen wurden von Türken entführt. "Vielleicht habe ich jetzt Cousinen, die Terroristen sind, wer weiß?", merkt Vahan ironisch an. Zusammen mit zwei Kindern konnte seine Urgroßmutter mit Hilfe ihres Mannes, der schon in den Vereinigten Staaten war, zu ihm kommen. Da sind Vahans Großmutter und auch seine Mutter geboren.

Vahan betrachtet diese Übergriffe als Völkermord, obwohl viele Türken diese Sicht nicht teilen. Jedoch wuchs er mit vielen Türken auf, die Freunde seines Vaters waren, und in seinem Leben lernte er auch viele türkische Freunde kennen, die ebenfalls eine kritische Sicht auf die türkisch-nationalistische Ideologie besitzen und diesen Völkermord an den Armeniern anerkennen. Mit der Auflösung des Osmanischen Reiches 1922 und der anschließenden Diaspora hat Vahan keine Familie mehr in Armenien, sie ist jetzt fast über die ganze Welt verstreut. Einige sind in den Vereinigten Staaten und in London, andere blieben in Dörfer in der heutigen Türkei und in Syrien. "Was mich mit Armenien und dem armenischen Volk verbindet, ist eine Art Bruderschaftsgefühl, es hat nichts mit der Staatsangehörigkeit zu tun. Ich spreche nicht einmal den Dialekt, den man in Armenien spricht, ich spreche den Dialekt der Diaspora." Erst 2005, mit zwanzig Jahren, besucht er das Land mit einer Organisation zur Restaurierung lokaler Denkmäler, da in den 1990er Jahren die Bedingungen nicht existierten wegen des Kriegs mit Aserbaidschan und des großen Erdbebens 1999. Mit 18 Jahren war er mit derselben Organisation bereits im Dorf seiner Urgroßmutter im heutigen Syrien.

Trotz seines Interesses für Geschichte entschied sich Vahan nach dem Studium für eine Karriere in der Welt der Musik und Kunst. "Meine Schwestern und ich wuchsen mitten in einer Künstlerumgebung auf", sagt der Armenier. Mit beiden Eltern als liturgischen und traditionellen armenischen Musikern erinnert Vahan sich an die Proben zu Hause, an die Konzerte, die er miterlebte.

Mit 26 Jahren tritt er in eine armenische Kulturorganisation in Paris ein. Zusammen mit Freunden machte er eine Reise nach Porto. "Ich weiß nicht, ob es Schicksal oder Zufall war, aber durch eine Kette von Umständen in letzter Minute lernte ich meine Frau kennen." Nach einem Monat kam Vahan wieder nach Portugal, obwohl "obrigado" das einzige Wort war, das er auf Portugiesisch sagen konnte. Zwei Jahren später sprach er fließend Portugiesisch, war mit Ana durch die armenische Kirche verheiratet, arbeitete mit einer polnischen Theatergruppe zusammen und gründete seine Band "Collectif Medz Bazar" in Paris, die aus Armeniern, Türken und Franzosen besteht. Sie spielen traditionelle und weniger traditionelle Musik, unter Einbeziehungen von eigenen Kompositionen, singen auf Armenisch, Türkisch, Englisch, Französisch, Kurdisch, Griechisch, Persisch und gelegentlich auf Portugiesisch.

Seine zwei Töchter wurden in Portugal geboren. Er spricht mit beiden Armenisch. Der Künstler möchte, dass diese armenischen Besonderheiten wie die Sprache, das Alphabet, der Musikstil, die Mentalität, das Essen und die Geschichte übertragen werden und bei seinen Kindern ein Zusammengehörigkeitsgefühl mit Armenien entsteht.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.2018, Nr. 257, S. 30 - Margarida Pedroso

zurück