Alle wandten sich ab

Mit einem anderen Kind ohne Einschränkungen spielen zu können war eine große Veränderung für mich", blickt Alice Dreifuss-Goldstein auf ein Erlebnis in Le Havre zurück, das ihr besonders in Erinnerung geblieben ist. Um die Lebensmittelvorräte aufzufüllen, hatte das Schiff namens USS Harding, auf dem sie sich damals befand, einen Zwischenstopp im Hafen der nordfranzösischen Stadt eingelegt. Das Schiff war am 15. August 1939 in Hamburg gestartet und auf dem Weg nach New York. Die Passagiere konnten von Bord gehen und sich an Land die Beine vertreten. In einem nahe gelegenen Park traf sie auf ein gleichaltriges Mädchen, das mit ihr Ball spielen wollte - eine Situation, die für sie nur wenige Wochen zuvor undenkbar gewesen war und lediglich in ihrer Erinnerung existiert hatte.

Alice Dreifuss-Goldstein erblickte am 25. September 1931 als einziges Kind einer jüdischen Familie aus Kenzingen, einer 20 Kilometer nördlich von Freiburg im Breisgau gelegenen Kleinstadt, das Licht der Welt. Ihre Familie war gesellschaftlich anerkannt und führte ein glückliches Leben, bis Hitler an die Macht kam und sich ihr Leben grundlegend veränderte. Gesellschaftliche Aktivitäten wurden eingeschränkt, Nachbarn und Freunde brachen den Kontakt ab. Der Bevölkerung wurde verboten, in jüdischen Geschäften einzukaufen, weshalb das Haushaltswarengeschäft ihrer Eltern kaum noch Kundschaft hatte und dadurch auch das Geld immer knapper wurde.

Sogar als Kleinkind bekam die heute 85-Jährige die Auswirkungen des durch den Staat geförderten Antisemitismus zu spüren. Ihren Freunden wurde untersagt, mit einem jüdischen Kind zu spielen, was zur Folge hatte, dass sie isoliert aufwuchs. Ihre Eltern versuchten sie, so gut sie konnten, zu schützen, weshalb Alice Dreifuss-Goldstein das Haus kaum noch verlassen durfte. Um sie zu beschäftigen, spielten sie viel mit ihr und lasen ihr Märchen vor, doch trotz allem bedeutete der Verlust ihrer Spielkameraden eine enorme Einschränkung. Nach reichlichen Überlegungen planten ihre Eltern ab 1937, in die Vereinigten Staaten auszuwandern, vor allem um ihrer Tochter eine unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen. Sie kamen mit dem Schiff in New York an, von wo aus die Familie zwei Wochen später nach Bennington, Vermont, zog. Dort wurden sie von einer Familie als Hauspersonal angestellt, in deren Haus sie wohnen konnten. Während ihre Mutter als Köchin und Dienstmädchen tätig war, übernahm der Vater die Aufgaben und Pflichten eines Chauffeurs und Butlers. Ein Jahr später verließ die Familie Bennington und fand eine Arbeit als Hauspersonal bei einer Familie in Groton, Connecticut. 1941 verloren die Deutschen ihre Anstellung, da ihr Arbeitgeber zur Armee einberufen wurde. Sie beschlossen, nach New London zu ziehen. Der Vater fand nun Anstellung als Nacharbeiter in einem Kaufhaus, und die Mutter arbeitete in einer Kleiderfabrik. Nach und nach schafften sie es, sich hier ein neues Leben aufzubauen. Die Flucht in die Vereinigten Staaten brachte große Veränderungen mit sich wie beispielsweise das Erlernen einer neuen Sprache. Doch veränderte sich im Leben der heutigen Amerikanerin nicht alles grundlegend. "Meine Erfahrungen in Kenzingen haben mich insofern geprägt, dass ich Kindern nicht trauen konnte, wodurch ich lange Zeit große Schwierigkeiten hatte, Freundschaften zu knüpfen", sagt Alice Dreifuss-Goldstein. Ihre Eltern seien zudem sehr behütend gewesen, fügt sie hinzu. Durch die hohen Erwartungen ihrer Eltern arbeitete sie hart für die Schule, weshalb sie nach Unterrichtsende immer direkt nach Hause ging. So hatte sie weder Zeit noch die Möglichkeit, eine Freundschaft aufzubauen. Erst mehrere Jahre später, als sie bereits eine junge Erwachsene war, war es ihr möglich, eine gute Freundin zu finden. Mit einer Nachbarin, die ebenso wie sie Mutter war, tauschte sie sich über die Kinder aus, woraus eine immer engere Freundschaft entstand.

Auch der jüdische Glaube und der Optimismus ihrer Eltern haben ihr dabei geholfen, ihre Erlebnisse in Deutschland zu verarbeiten. "Meine Eltern waren sehr positive Menschen. Sie haben immer geglaubt, wenn sie hart genug dafür arbeiten, würde sich alles zum Besten entwickeln." Das habe ihr geholfen, voller Zuversicht nach vorne zu blicken. Besonders prägend ist ihr dabei das Zitat ihrer Mutter in Erinnerung: "Es sind Personen und nicht Geld oder Objekte, die wirklich wichtig sind." Dieses Zitat hat sie in ihrem Leben immer begleitet. Eine Situation, in der ihr das besonders bewusst wurde, war, als Alice Dreifuss-Goldstein bei ihrem kürzlich vollzogenen Umzug von Rhode Island, ihrem jahrzehntelangem Wohnsitz, nach Kentucky keinerlei Probleme hatte, sich von den Dingen in ihrem alten Haus zu trennen. "Dass mein Mann und ich in der Nähe meiner Tochter sind, war für mich das Entscheidende."

Mit Deutschland wollten ihre Eltern jedoch nichts mehr zu tun haben. "Meine Eltern wären nie nach Deutschland zurückgekehrt", berichtet die gebürtige Kenzingerin, deshalb wollte auch sie nie mehr zurückgehen. Nach mehreren Einladungen der Städte Kenzingen und Freiburg änderte sich ihre Haltung jedoch, und sie beschloss, einen Besuch zu wagen, um dort über ihre Erlebnisse zu berichten. "Es war ein schöner Besuch, aber ich fühlte mich weder mit dem Ort Kenzingen noch mit den Menschen verbunden." Erst nach zahlreichen weiteren Besuchen veränderte sich ihre Sichtweise.

"Die Menschen und vor allem Schüler am Gymnasium Kenzingen begegneten mir sehr respektvoll und offen. Sie waren sehr interessiert, meine Geschichte zu hören. Durch die positiven Erfahrungen bei meinen Besuchen in Kenzingen und Freiburg veränderte sich meine Meinung über Deutschland." Dadurch, dass sie auf diese Weise sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzte und mit ihrer Herkunft ihren Frieden fand, entwickelte sich ihr Anliegen, ihre Geschichte mit anderen zu teilen und ihre Erfahrungen besonders an junge Menschen weiterzugeben: "Ich will ins Bewusstsein rufen, wie bedeutend die Rechte jedes Einzelnen sowie deren Erhaltung und Verteidigung sind."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.2018, Nr. 257, S. 30 - Luisa Scheufler

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