Dem Himmel nah

Die Luft wird dünn für Ursula und Erwin Stroot. Ihr Fahrradtaxi kurvt die kilometerlangen Sandpisten entlang, die die Umgebung der alten Kolonialstadt Cusco durchschneiden und sich auf bis zu 3500 Meter Höhe hinaufschrauben. Dort oben, eingebettet im Regenwald, liegen winzige Dörfer, die der Welt entlegen sind. Die Nährstoffe im Boden reichen nur noch für Kartoffel- und Zwiebelanbau, warmes Wasser gibt es nicht - manchmal können sich die Einwohner morgens nicht waschen, weil das Wasser gefroren ist. Hotels gibt es erst recht keine, meist nicht einmal eine Kirche.

Genau diese Dörfer sind das Ziel des Ehepaars. Sie wissen: Wenn sie dort oben dem Himmel ein gutes Stück näher gekommen sind, werden sie erst einmal Kopfschmerzen haben. Man wird ihnen die üblichen Kokablätter anbieten, die sollen gegen die Höhenkrankheit helfen. Ist ihre Gesundheit nach zwei Tagen wiederhergestellt, ist es an ihnen, mit anzupacken. Denn auch wenn man dort vergeblich nach Straßenschildern oder sonstigen Anzeichen von Infrastruktur Ausschau hält, eines findet man: Schulen. Zehn Schulen betreut und unterstützt das Ehepaar Stroot im Rahmen des Projekts "Teilen und Helfen" der Pfarrgemeinde Liebfrauen-Überwasser in Münster. Die Schulen liegen im Umkreis Cuscos und am Titicacasee.

Das Paar sitzt in seinem Büro im Münsteraner Café Hansahof. Sie, graue Haare mit goldener, runder Brille, spricht ruhig und gelassen. Er, weiße Haare, beugt sich beim Reden oft in seinem lila karierten Hemd vor. Wenn die beiden an ihre erste Reise vor 13 Jahren zurückdenken, sehen sie die Schlafsäle vor sich, die Schüler, die meist zu dritt in Doppelbetten schliefen. Die Qualität ihrer Nachtlager ließ zu wünschen übrig. "Das war geflochtenes Schilfrohr, durchgelegen." Auch die Lehrerinnen schliefen mit in den Schlafsälen. In der Mitte der Räume, zwischen den Betten, stand ein kleines Pult, an dem sie sich auf den Unterricht vorbereiteten. Darüber hinaus brachten einige Schüler ihr eigenes Besteck oder Bettdecken mit - es gab ja sonst zu wenige. Als man Erwin Stroot bei dem ersten Besuch einer Jungenschule die Toiletten zeigte und ihn hinter die Schule zu einem Loch in der Mitte eines unbeackerten Maisfeldes führte, offenbarten sich ihm auch die prekären hygienischen Verhältnisse. Bei allen besuchten Internatsschulen stand fest: Hier muss sich etwas verändern. Was und wie genau, besprachen die Ehrenamtlichen mit Eltern, Lehrern und Schülern. Wünsche wurden gesammelt, Bedürfnisse abgewogen. Ursula und Erwin Stroot entschieden anschließend, welche Ideen finanziell mit den Spendengeldern umsetzbar sind, und schrieben diese in einem Vertrag fest. Und wie sie es vor zwölf Jahren das erste Mal machten, so tun sie es auch noch heute. "Wir wollen auch, dass sie selbst etwas erreichen", erklärt Ursula Stroot. "Wir möchten, dass sie sagen können: Wir haben zwar Geld aus Deutschland bekommen, sie haben uns geholfen, aber wir haben es zusammen geschafft."

Zuerst bekamen die peruanischen Schulkinder Küchenutensilien wie Blechgeschirr, dann folgten Matratzen, Decken und Betten. Schließlich baute die Schulgemeinschaft neue Räume. Auf diese Weise haben sich die Schulen beständig weiterentwickelt. Achtzig bis hundertfünfzig Schüler fassen die Bildungsstätten mittlerweile, von denen manche selbst bereits Lehrer geworden, in die Landwirtschaft oder in den Tourismus gegangen sind. Kamen Stroots früher jedes Jahr, steht jetzt nur noch jedes zweite ein Besuch an. Als sich ihr letzter Aufenthalt dem Ende neigte, wurden sie gefragt, wann sie wiederkämen. Ursula Stroot erwiderte: "Wenn Gott will, kommen wir in zwei Jahren wieder." Daraufhin nickten die Peruaner entschlossen. "Ja ja, Gott will." Im Land der Inka, in dem sie nur Mamita und Papita genannt werden, überträgt sich ihre Begeisterung für das drei Jahrzehnte alte Projekt. Wenn das Fahrradtaxi die Route zu den einsamen Siedlungen gefunden hat, erwartet die Gemeinde die Europäer bereits und begrüßt sie mit Küsschen, Umarmungen, Konfetti und Luftschlangen. Schüler tragen Gedichte vor und spielen auf Panflöten. Manchmal fordern sie zum Tanz auf. "Ich muss dann auf 4000 Meter tanzen und ächze danach, als würde ich im Sterben liegen." Erwin Stroot lacht - und verzieht dann das Gesicht, als ihm der Hauptgang des letzten Festessens wieder vor Augen erscheint. Neben dem obligatorischen Meerschweinchen bekam der ehemalige Chemielehrer auch gefriergetrocknete Kartoffeln serviert. Aufgrund potentiell schlechter Ernte nämlich frieren die Südamerikaner sie ein und legen die Knollen dann für eine Weile in den Fluss, um sie wieder aufzutauen.

Die Peruaner achten darauf, Stroot als Mann und Chef zuerst Essen anzubieten. "Die Frau ist immer noch nachrangig", sagt Ursula Stroot. Ungeachtet der Tatsache, dass sie, die Spanisch studiert hat, besser wäre im Gespräch mit den Südamerikanern, sprächen die Männer hauptsächlich mit ihrem Mann. So müssen auch die Mädchen in der Andengemeinschaft zurückstehen. Deshalb baten ihre Mütter das Paar um eine Mädchenschule. Haben die Töchter früher noch Kühe gehütet, finden sie nun Anschluss im Bildungssystem und können ihren Eltern das Tor zur Bildung öffnen. Einige von ihnen waren früher Analphabeten; jetzt können die Eltern von ihren Kindern lernen. Zum Beispiel über die Notwendigkeit, Desinfektionen zu gebrauchen oder ein Dach über dem Hühnerstall zu bauen - denn früher sind die gefiederten Bewohner nachts reihenweise erfroren. Auch Projekte zum Geldeintreiben sind im Unterricht vorgesehen. Ein Mädchen, erinnert sich Ursula Stroot, hat es mit ihrer selbst aufgebauten Meerschweinchenzucht geschafft, ihr Studium zu finanzieren. Die Qualifikation als Wundermittel gegen Armut - für diese Zukunftsaussicht tun die Schüler vieles. Dem bald 76-jährigen Stroot fällt die Geschichte einer ungewöhnlichen Ankunft an einer Schule ein. Der überschwängliche Empfang sei dort ausgeblieben, die waren Klassen menschenleer. Als sie bei der Leitung fragten, wo die Kinder seien, habe diese aus dem Fenster gewiesen: "Ach, Señor Erwin, die können noch gar nicht da sein. Sehen Sie mal den Berg dort drüben, der ist 5000 Meter hoch. Manche wohnen dahinter. Ich bin froh, wenn die ersten am Nachmittag auftauchen." Andere Schüler kommen auf dem Rücken ihrer Pferde, bleiben unter der Woche im Internat und reiten am Wochenende heim.

Die Stroots haben mit "Teilen und Helfen" einen Weg gefunden, ihre Schulen so zu gestalten, dass sie nun sagen können: "Das ist eine Schule, die gehört den Eltern, nicht dem Staat." Weil auf diese Weise immer mehr ihrer betreuten Internate autonomer werden, "verabschieden wir uns von den zehn Schulen nächstes Jahr", sagt sie. "Und beginnen im Urwald mit fünf Schulen neu", ergänzt er. Das Funkeln in den Augen ist wieder da. Fragt man ihn, wie lange er sich schon ehrenamtlich engagiere, tippt er auf 35 Jahre. Seine Frau wendet ein: "Eigentlich, seitdem wir verheiratet sind." Erwin Stroot: "Also seit 45 Jahren." Wenn sie im Frühjahr in den Flieger steigen, werden sie wieder in "einer Unterkunft ohne Stern" wohnen, wie Erwin Stroot sie nennt. "Ich weiß nur, wir müssen Stiefel tragen wegen der Schlangen, und Moskitonetze brauchen wir auch." Er lacht und wendet sich an seine Frau. "Das wird lustig, Ursel." An diesem Morgen hat er in der Volkshochschule ein wenig Konversation auf Spanisch betrieben, wie jede Woche, um in der Übung zu bleiben. Für die Weltenbummler steht seit jeher fest: "In Deutschland reisen wir, wenn wir achtzig sind."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2018, Nr. 263, S. 26 - Alina Sperling

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