Früher haben die Kinder das Wasser aus Pfützen getrunken, heute gibt es in Shina genug Brunnen, um alle Einwohner mit sauberem Trinkwasser zu versorgen", erzählt Mahmoud Khorosh voller Stolz. Seit 16 Jahren beschäftigen sich der 56-jährige Gründer der Initiativgruppe "Private Hilfe Afghanistan" und seine Kollegen mit dem Aufbau des kleinen Dorfes, das nur sieben Kilometer von der Vier-Millionen-Metropole Kabul entfernt liegt. "Unser Ziel war es, dass die Menschen ihr Dorf nicht verlassen", erklärt er. "Es ist ein Unterschied, in einem Dorf einen Brunnen zu bauen oder eine dauerhafte Verfügbarkeit von Trinkwasser zu gewährleisten. Unsere Initiativgruppe konzentriert sich mit allen Projekten nur auf dieses eine Dorf und kehrt ihm nicht den Rücken."
Der gebürtige Afghane fährt ein bis zwei Mal im Jahr in sein Heimatdorf zurück, in dem viele seiner Verwandten leben, um es sowohl finanziell zu unterstützen und mit Medikamenten zu versorgen als auch, um selbst mit anzupacken. Bei dem Geld, das er mitbringt, handelt es sich zum Teil um Spenden, allerdings zu ungefähr 80 Prozent um Guthaben, das er mit dem Verkauf von Recyclingkunst selbst verdient. Der vielseitig begabte dreifache Vater hat sein Maschinenbau-Studium in Burg Steinfurt abgebrochen und stattdessen eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker gemacht, um möglichst schnell Geld an seine Verwandten nach Afghanistan schicken zu können. Anschließend arbeitete er außerdem als Schweißer und Lackierer. "Das ist sehr hilfreich für meinen Beruf heute", äußert der Künstler, der nach dem Verlassen seiner Heimat immer ein schlechtes Gewissen gehabt habe.
"Ich habe bei Armen gelernt und bin zu Reichen gekommen", sagt Khorosh mit einem ernsten Gesichtsausdruck. "Anfangs wollte ich zurückkehren, aber von dort aus hätte ich niemandem helfen können." Nach seinem Abitur lebte er zunächst in Paris und Australien, bevor er nach Deutschland kam. Heute arbeitet Mahmoud Khorosh als Fotograf und Metallkünstler und gibt nebenbei in seinem afghanisch eingerichteten Keller, welcher mit Bodenkissen, Keramikvasen und anderen traditionell afghanischen Schätzen ausgestattet ist, Kalligraphie- und Trommelunterricht. "Für eine meiner Skulpturen habe ich sogar einen Preis gewonnen", sagt der Hobby-Bergsteiger begeistert. "Diese Skulptur steht jetzt im Allwetterzoo Münster, direkt neben dem Elefantenhaus."
In den vergangenen 16 Jahren hat sich das Dorf Shina, das auf einem Hügel liegt und das Zuhause von ungefähr 10 000 Menschen ist, durch die Hilfe der Initiativgruppe grundlegend verändert. "Als Erstes wurde eine Moschee gebaut, denn wir brauchten einen Mittelpunkt im Dorf, an dem die Einwohner zusammenkommen können", berichtet Mahmoud Khorosh. "Besonders wichtig war mir allerdings, Schulen zu bauen, denn ungefähr 90 Prozent der afghanischen Bürger sind Analphabeten." Neben der Moschee sowie einer Mädchenschule und einer Schule für Jungen gibt es nun sogar einen Jugendsportclub und einen Spielplatz. "Jeder Bewohner des Dorfes kann mitentscheiden, was gebaut wird, und seine eigenen Wünsche äußern, das ist uns besonders wichtig", freut er sich.
Die Tatsache, dass kein einziger Bürger das Dorf verlassen hat, seitdem die Initiativgruppe dort tätig ist, macht ihn und seine Unterstützer stolz. Sie haben den Menschen, die sonst vor dem Krieg in die Hauptstadt geflüchtet wären, einen Grund gegeben, in ihrem Heimatdorf zu bleiben. Entscheidend ist allerdings, dass die Bewohner nicht abhängig von der Hilfe der Projektteilnehmer sind, sondern durch sie lernen, ihr Dorf selbständig zu leiten. "Wir kümmern uns um die Menschen und stellen ihnen Material zur Verfügung, aber die Arbeit machen sie selbst", erläutert der Künstler. "Sie haben wie Kinder gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen."
Durch die vielfältigen Unterstützungsmaßnahmen ist nun seit 16 Jahren Ruhe in dem Dorf eingekehrt, das in einem ehemaligen Kriegsgebiet liegt. Dank des Wiederaufbaus des zuvor vollkommen zerstörten Dorfes können die Einwohner finanziell einträglicher Arbeit nachgehen und leben friedlich miteinander.
Jedes Jahr widmet sich die Initiativgruppe einem neuen Problem und löst es. Vergangenes Jahr haben sich die freiwilligen Helfer vorgenommen, alle Familien, die bis dahin Plastik verbrannten, um ihr Kochwasser zu erhitzen, mit einem funktionierenden Kochmodul auszustatten, was ihnen auch gelang. "Von dieser Veränderung profitieren nicht nur die Menschen, sondern auch die Umwelt", strahlt Khorosh, "denn wir möchten die Erde so an die nächste Generation weitergeben, wie wir sie von unseren Vorfahren bekommen haben." Dieses Jahr stehen besonders die Verbesserung der Hygienestandards und die Aufklärung der Menschen im Vordergrund, "denn niemand wird aufgeklärt geboren", gibt der engagierte Afghane zu bedenken.
Welche neue Idee auch immer durch die Initiativgruppe zur Verbesserung des Dorfes ins Leben gerufen wird, zuerst muss sie die Zustimmung der Einwohner finden. "Du musst Menschen da abholen, wo sie sind, und ihnen auf gleicher Augenhöhe begegnen", stellt der Familienvater mit einem Lächeln klar. "Eine vertrauensvolle Beziehung zu den Menschen in Shina ist mir sehr wichtig, denn sie sollen sich nicht bevormundet fühlen."