Die Hörprobe muss gefallen

Vorurteil, Verhaftung, Verfolgung - Mut und Würde. Willkommen im Hotel Silber, einem Zweigmuseum des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg. "Mit dem Audioguideerschließen Sie die Geschichte dieses Hauses in 15 Stationen. . ." Wer steckt hinter dieser Stimme, die im Stuttgarter Museum durch die Ausstellung führt? Es ist Patrick Suhm, Sprechkunststudent an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Die Arbeit im Tonstudio ist für den 27-Jährigen nichts Ungewöhnliches, er redet auch liebend gerne vor einem großen Publikum wie etwa bei Lesungen. "Mir macht es einfach Spaß, Texte aus einem Buch vorzutragen, mich intensiv mit fremden Texten zu beschäftigen und für diese Texte meinen eigenen Ausdruck zu finden."

Im Sommer hat Suhm seinen Bachelor im Studiengang Sprechkunst und Sprecherziehung gemacht. Zwei von insgesamt acht Semestern fehlen noch bis zum Masterabschluss. Nach dem Studium haben Sprecher zwei Tätigkeitsfelder: Sie können auf der Bühne auftreten oder haben im Studio am Mikrofon eine große Auswahl zwischen Werbung, Hörbüchern und -spielen, Audioguides, E-Learning und Synchronisation. Außerdem können sie als Sprecherzieher und Kommunikationstrainer arbeiten.

Das künstlerisch ausgerichtete Studium zum Sprecher und Sprecherzieher in Stuttgart ist in Deutschland einzigartig. In einem Jahrgang werden nur acht Studierende aufgenommen. In den ersten beiden Jahren lernt man im Gruppen- und Einzelunterricht zum Beispiel den bewussten Umgang mit dem Körper und der Stimme, doch das Wichtigste ist für Suhm die Entwicklung seiner "eigenen künstlerischen Persönlichkeit". Man wachse mit jeder Aufgabe. Die Leute seien buntgemischt. "Für den Studiengang ist Lebenserfahrung hilfreich und wichtig", behauptet der große, schlanke Mann.

Es gibt Fächer wie Phonetik, Sprecherziehung, rhetorische Kommunikation sowie Germanistik. Hierzu kommen Atemtraining, Zwerchfelltraining und Artikulation. "Zu Hause kann man dies auch gut üben", sagt er, legt sich auf eine Yogamatte und erzeugt verschiedene Töne in unterschiedlichen Tonlagen. Man müsse das Spektrum der eigenen Stimme kennenlernen. "Als Sprecher darfst du nicht mit Dialekt reden." Der in den Vereinigten Staaten geborene Student hat mit seinem deutschen Vater und seiner Schweizer Mutter eine Zeitlang in der Schweiz gelebt und spricht perfektes Hochdeutsch.

Worauf man achten muss, sei der Muskeltonus, der Spannungszustand der Muskeln, dieser kann euton, zu hoch, hypertonoder zu schlaff sein, hypoton. "Wenn du gerade hypotonbist, ist dein Oberkörper zum Beispiel eingekrümmt. Wenn du hypertonbist, wird deine Stimme gepresst und kleiner. Wenn dein Körper beweglich ist, bist du euton, und die Stimme kann sich ohne Anstrengung entfalten. Wichtig ist es, die Stimme gesund zu halten."

Sprecher ist kein geschützter Beruf. Er bezeichnet sich als "Sprechkünstler". Um einen Auftrag zu bekommen, müsse man initiativ werden und ein Netzwerk schaffen. "Du schickst an mehrere Stellen eine Hörprobe von dir, wenn diese den Verantwortlichen gefällt, kommt sie in die Kartei. Wenn die Stimme dann zu einer Rolle passt, wirst du kontaktiert." Auch Weiterempfehlungen helfen. Ein interessanter Auftrag war die Lesung der deutschen Übersetzung eines Buchs des syrisch-stämmigen Autors Hamed Abboud, weil dessen Texte eine Brücke zwischen Geburt und Tod, zwischen Krieg und Frieden, Leben und Sterben schlagen. "Zu wissen, was im Buch passiert, und den Autor dann neben sich zu haben und zu beobachten, wie er kurz vor dir selbst das Original vorträgt, ist einfach nur faszinierend." Suhm hat vieles ausprobiert wie Rechts-, Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte, doch das Akademische habe ihn nicht erfüllt. "Dieser Studiengang gefällt mir so sehr, weil er die geistige Auseinandersetzung mit Texten und Geschichten mit Körperhandeln, emotionalem Erleben und Praxis verbindet."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.2018, Nr. 269, S. 26 - Rebecca Suhm

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