"Mir liegen die nervösen Typen und die Verbrecher"

Ich wäre auch glücklich als Schlagzeuger gewesen, aber Schauspieler ist besser", sagt Walter Renneisen lachend. Der Charakterschauspieler wurde am 3. März 1940 in Mainz geboren und wuchs in Raunheim auf. Heute lebt er mit seiner Frau an der Hessischen Bergstraße in einem kleinen, idyllischen Ortsteil von Bensheim. Seine Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne, sind schon lange erwachsen und von zu Hause ausgezogen. Sein jüngster Sohn Mathias ist wie sein Vater Schauspieler geworden. Der 32-Jährige spielt zurzeit am Staatstheater Darmstadt, wohnhaft ist er aber in Berlin.

Im Jahr 1960 machte Walter Renneisen am Immanuel-Kant-Gymnasium in Rüsselsheim sein Abitur. Danach hatte er drei Optionen: Schauspieler, Architekt oder Jet-Pilot bei der Luftwaffe. "Bei der deutschen Luftwaffe haben sie sich die Finger nach mir geleckt", erzählt Renneisen. "Ich war mit Tauglichkeit eins ohne Einschränkung gemustert worden und bin nur 1,72 Meter groß, also der perfekte Jet-Pilot." Aber Renneisen wollte Schauspieler werden. Zunächst studierte er jedoch Theaterwissenschaften und Germanistik an den Universitäten Köln und Mainz. 1964 begann er außerdem ein Philosophiestudium. Neben dem Studium spielte er Schlagzeug in einer Beat-Band, um Geld zu verdienen.

Zum Schlagzeugspielen kam Renneisen im Alter von 16 Jahren, als er sich bei einem Konzert von Lionel Hampton in Frankfurt in das Schlagzeug, das auf der Bühne stand, "verliebte" und sich sagte, "das muss ich auch haben". Renneisen stammt aus ärmlichen Verhältnissen, das Schlagzeug kostete 3200 DM. Zeitgleich wollte er unbedingt das Modell des Rennrades, mit dem Heinz Müller 1952 Weltmeister wurde und das es ab dem Jahr 1953 zu kaufen gab. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt brach er den Konfirmandenunterricht mit den Worten ab: "Tut mir leid, daran kann ich nicht glauben, aber das Rennrad kaufe ich mir selbst." Schmunzelnd sagt er: "Ich wollte damals immer nur das Beste vom Besten." Das Konfirmationsgeld fällt weg, was also tun? Um Geld zu verdienen, begann er als Fensterputzer zu arbeiten, für 50 Pfennig die Stunde. Nach einiger Zeit kaufte er das Schlagzeug, indem er eine Anzahlung leistete. Auch das Rad konnte er sich mit dem Fensterputzen finanzieren. Er arbeitete sowohl während der Schulzeit als auch in den Ferien und schaffte es damit und mit Musikmachen, sein Schlagzeug abzubezahlen. Sein musikalischer Ehrgeiz zahlte sich aus, denn 1962 wurde er in die Beat-Band aufgenommen, die überwiegend in amerikanischen Kasernen Konzerte gab. Von 1962 bis 1964 war er Schlagzeuger der Rock-'n'-Roll-Band, die in diesen zwei Jahren täglich jeden Abend auftrat. Dadurch finanzierte er sein Studium und unterstützte zudem seine Eltern finanziell.

Nachdem Walter Renneisen zwei Mal an der Schauspielschule abgelehnt worden war, schaffte er zur Enttäuschung seiner Mutter 1964 die Aufnahme an der Westfälischen Schauspielschule in Bochum. Sie hätte es lieber gesehen, wenn ihr Sohn weiterhin als Schlagzeuger Geld verdient hätte. Doch er wechselte von der Universität auf die Schauspielschule. "Mein Studium war keine vergeudete Zeit, es diente mir als Vorbereitung auf den Beruf des Schauspielers und half mir dabei, Texte zu verstehen." 1967 machte Renneisen seine Abschlussprüfung an der Schauspielschule und erhielt sein Diplom und ein erstes Engagement am Schauspielhaus Bochum, wo er bis 1977 spielte. Anschließend hatte er Engagements an den Städtischen Bühnen Dortmund und am Staatstheater Darmstadt. Im Jahr 1977 ereignet sich allerdings an einem Theater ein Eklat. Der Oberspielleiter versprach Renneisen eine Rolle, die dann jedoch ein anderer Schauspieler bekam. Vor dem Intendanten tat der Oberspielleiter so, als ob er Renneisen diese Rolle nie versprochen hätte. Renneisen missfiel außerdem die Struktur an deutschen Theatern, insbesondere die Weisungsgebundenheit. Mit den Worten: "Mit Lügnern mache ich kein Theater", kündigt er fristlos. Von dem Zeitpunkt an arbeitete Renneisen als freier Schauspieler. Auf Grund eines guten Netzwerkes und mit Günther Strack als seinem Förderer fiel es ihm leicht, Fuß als selbständiger Schauspieler zu fassen. Renneisen hat oft mit Strack auf der Bühne gestanden, aus diesen Zusammenarbeiten hat sich eine Freundschaft entwickelt. Strack vermittelte ihm häufig Rollen am Theater und bei Fernsehproduktionen.

Walter Renneisen arbeitete für das Staatstheater Stuttgart, das Stadttheater Bonn, das Deutsche Theater Göttingen und das Fritz-Rémond-Theater Frankfurt sowie für verschiedene Freilichttheater. Im Fernsehen war er häufig in Krimiserien wie "Tatort", "Der Alte", "Derrick", "Ein Fall für zwei" und "Siska" zu sehen. "Mir liegen die nervösen, zwielichtigen Typen und die Verbrecher", stellt der Charakterdarsteller lachend fest.

Er ist außerdem ein vielbeschäftigter Hörspielsprecher und wirkte in über 800 Hörspielen mit. Unter anderen sprach er 1992 im Hörspiel "Herr der Ringe" von J. R. R. Tolkien, einer dreimonatigen Produktion des Hörspielstudios SWR, den Zwerg Gimli. Im Jahr 1988 begann er sowohl bei eigenen Inszenierungen als auch am Theater Frankfurt Regie zu führen. Drei Jahre später ging er mit eigenen Produktionen auf Tournee.

Lachend erinnert er sich, dass ihn eine Inszenierung für eine seiner Tourneen besonders herausforderte. Es handelt sich um "Ein Bericht für eine Akademie" von Franz Kafka, bei der es um die Menschwerdung eines Affen geht. "Ich musste völlig unerwartet aus dem Stand auf einen Hocker springen, und zwar derart, dass ich auf der Lehne saß und meine Füße auf der Sitzfläche waren. Doch ich musste schnell feststellen, dass mir dies als Walter Renneisen unmöglich war, ich konnte es tatsächlich nur in der Rolle des Affen."

Im Sommer war Renneisen mit seinem aktuellen Programm "Aus dem Leben eines Taugenichts - Ein Schauspieler erzählt aus seinem Leben" bei den Burgfestspielen Dreieich und dem Rheingau Musik Festival zu sehen. Inspiriert durch die Novelle von Joseph von Eichendorff, die er als Kind von seinem Bruder geschenkt bekam, und die Aussage zweier Klassenkameraden, "aus dem wird nie was", entstand der Titel für das neue Programm, das durch biographische Züge geprägt ist, aber auch Erzählungen über das Theater im Allgemeinen enthält und literarische Werke von Erich Kästner und Franz Kafka aufgreift. Am 2. Dezember wird Renneisen auf Schloss Heiligenberg in Seeheim-Jugenheimmit "Poesie des Unsinns" nach Ernst Jandl auftreten. In Planung befindet sich des Weiteren ein Programm nach dem Roman "Unterwerfung" von Michel Houellebecq.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.2018, Nr. 269, S. 26 - Julika Rehm

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