Fährt man auf der Bundesstraße B 276 von Neunschmidten aus Richtung Birstein, ragt ein imposantes Schloss über die Baumkronen des dichten Waldes. Hinter dem goldverzierten Eisentor fällt der Blick auf das große Portal durch den Archiv- und Kanzleibau direkt gegenüber. Dahinter lässt sich lediglich ein kleiner Teil des barocken Hauptgebäudes aus dem Jahr 1768 erkennen, das mit seinen weißen Fenstern und dem Springbrunnen im Hof beeindruckt. Hegt man den Wunsch, es einmal näher zu sehen, wird man enttäuscht. Der Schlosspark-Vertrag zwischen den Eigentümern und der Gemeinde wurde gekündigt, seit sechs Jahren ist das Betreten verboten. Dem Interessenten bleibt nur ein virtueller Rundgang auf der Homepage des Fürstenhauses der Familie von Isenburg, die bis heute hier wohnt.
Peter Kauck, ehemaliger Mitarbeiter in der fürstlichen Rentenkammer und Mitglied des Ortsgerichts im hessischen Birstein, ist Vorsitzender des örtlichen Geschichtsvereins. In einem gemütlich kleinen Wohnzimmer bewahrt der schmale Mann Bücher, Gemälde und Fotografien auf. An der Wand hängt ein altes Bild vom isenburgischen Wappen: zwei schwarze Balken auf weißem Grund. Peter Kauck schildert eine Sage zur angeblichen Entstehung über die Begegnung von Barbarossa mit einem Eisenschmelzer, erklärt jedoch, das gehe zeitlich nicht, da Barbarossa viel später lebte. Der Name Isenburg tauche erst später auf, denn im Mittelalter habe man nur Vornamen getragen. Bei den Angehörigen des späteren Hauses Isenburg handelte es sich um die Namen Reginbold (Raginbold) und Gerlach. Ein Reginbold wird erstmals 963 urkundlich erwähnt, da er Zeuge einer Schenkung war und Vizegraf genannt wurde. Erst als seine Nachkommen im 12. Jahrhundert über dem Isertal eine Burg errichteten, nannte sich das Geschlecht nach dieser Burg: zu Isenburg. Es hatte also nichts mit Eisen zu tun.
Im Verlauf der Jahrhunderte verzweigte sich das Geschlecht der Isenburger mehrfach. Um möglichst nichts auszulassen, hat sich der Vorsitzende des Geschichtsvereins durch seinen prall gefüllten Pappordner gearbeitet und jede Abzweigung im Stammbaum verfolgt. Dabei stieß er auf ein altes Bild des Schlosses. "Das Schloss in Birstein gehörte nicht von Anfang an der Familie von Isenburg. Erst durch eine Heirat gelang ein Anteil an Birstein in den Besitz der Isenburger, bis die Burg Birstein und Teile des Landes von einem Isenburger käuflich erworben wurde." Das Fürstenhaus von Isenburg mag nicht zu den bedeutendsten Häusern Deutschlands gehören, trotzdem wirkte es an wichtigen geschichtlichen Ereignissen mit. "Während des Wiener Kongresses reiste die damalige angeheiratete Fürstin Charlotte im Namen der Isenburger nach Wien, um dafür zu sorgen, dass die Isenburger die Macht über ihr Land behalten konnten. Doch sie scheiterte. Das dem Isenburger Haus zugehörige Land wurde unter dem Kurfürstentum Hessen-Kassel und Großherzogtum Hessen-Darmstadt aufgeteilt. Dazu gehörte unter anderem Wächtersbach und Meerholz, Wenings, Büdingen und Offenbach." Dieser Beschluss bedeutete das Ende für die selbständige Fürstenherrschaft der Isenburger. Mit der Weimarer Republik und deren Verfassung von 1919 wurden die Vorrechte des Adels endgültig aufgehoben. Laut Artikel 109 Absatz 3 der Reichsverfassung durften Adelsbezeichnungen nicht mehr verliehen werden und galten von nun an als Teil des Namens.
Heute widmet sich das Fürstenhaus dem Familienbetrieb, bestehend aus Forstwirtschaft, Landwirtschaft, Jagd und erneuerbaren Energien. Erbprinz Alexander von Isenburg setzt auf das Wasserkraftwerk seines Großvaters aus dem Jahr 1951 und auf Photovoltaikanlagen sowie auf Windkraftanlagen auf Isenburgischem Gelände. Während in all den Jahren der Schlosspark öffentlich zugänglich war, man den Rundweg bewundern konnte, auf den die Ahornbäume im Herbst ihre roten Blätter regnen ließen, so erinnert man sich heute wehmütig daran. Damals organisierte ein Kulturverein im Schlosspark das Märchen-Musical des Wilden Weibs. Heute sieht das Ganze anders aus.
Ein tragisches Ereignis zerrüttete das Vertrauen der Isenburger. Am Tag des offenen Denkmals, dem 14. September 2008, wurde der Seraphinen-Orden aus dem Schloss gestohlen. Der Orden wurde dem Fürsten Wolfgang Ernst I von Isenburg und seinem Sohn Prinz Johann Casimir von Isenburg für ihre Verdienste vom schwedischen Königshaus verliehen. Prinz Casimir fand später im Siebenjährigen Krieg als kommandierender General der Hessen-Kasseler Armee den Tod. Der Orden hatte für die Fürstenfamilie daher einen besonderen Wert. Üblicherweise ist ein Orden beim Tod des Trägers zurückzugeben, doch in Anbetracht der Umstände wurde dies nicht verlangt. Es waren immer noch das Loch der Kugel und das Blut des Prinzen an der blauen Schärpe zu erkennen. So fährt man an dem märchenhaften Schloss und seiner Umgebung vorbei, die einen Grimm-Bruder zu den Zeichnungen der Märchensammlung inspirierte. Vielleicht werden sich eines Tages die Tore des Schlosses wieder für alle öffnen.