Im Bilderbuchstädtchen ist jeder Fall in 53 Minuten aufgeklärt

Vierzig Gäste stehen auf dem gepflasterten Vorplatz zwischen dem Rosenheimer Parkhaus P1 und einer kleinen Kaufhauspassage etwas außerhalb des Stadtzentrums. Zwischen zwei Bäumen steht ein gelbes "Ortseingangsschild" mit der Aufschrift: "Auf den Spuren der Rosenheim-Cops, Treffpunkt Erlebnisstadtführung". Darunter hängt ein großes aufklappbares Metallschild, das sechs Schauspieler der gleichnamigen Serie am Set zeigt. Die weit angereisten Besucher sind Fans der ZDF-Vorabendserie "Die Rosenheim-Cops" und verfolgen diese meist seit der 1. Staffel, also seit 16 Jahren. Nur eine Frau gibt kleinlaut zu, die Serie nie gesehen zu haben und nur Begleitung zu sein. Es geht quer durch die oberbayrische 60 000-Einwohner-Stadt, in der jede Woche ein Mord passiert, doch dank großartiger Polizeiarbeit mit einer Aufklärungsrate von 100 Prozent innerhalb von 53 Minuten.

In der Mitte der Versammelten steht ein großgewachsener Mann im weiß-blau kariertem Hemd. Darüber trägt er eine schwarze Weste mit dem Logo der Stadtführerzunft Rosenheim e.V. Stefan Kürschner ist nebenberuflich Vorsitzender der Rosenheimer Stadtführer und begibt sich mit der Gruppe auf Spurensuche. Alle gucken erwartungsvoll auf ihn. "Sie trauen sich noch nach Rosenheim, nach 400 Toten?", fragt er mit einem Grinsen in die Runde. Die Morde verteilen sich nun schon auf 18 Staffeln, wobei niemand mit solch einem Erfolg rechnete. Wöchentlich, immer am Dienstagabend, verfolgen fünf Millionen Zuschauer den harmlosen Vorabendkrimi mit hohem Unterhaltungsfaktor. Und das, obwohl bis auf kleine Ausnahmen, alle Schauspieler bayrisch sprechen. Die Gruppe setzt sich in Bewegung Richtung Lokschuppen, einst Teil des Rosenheimer Bahnhofs und heute ein Ausstellungszentrum, nun mit zwei Personen mehr. Das Pärchen kommt zu spät, drängt sich in die Mitte und versucht noch, zwei Karten zu erstehen. Kürschner lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

Am Lokschuppen holt er ein dickes Ringbuch vollgepackt mit Fotos hervor, die die Schauspieler zeigen. Die Kommissare der ersten bis zur aktuellen Staffel mit vollständigem, bürgerlichem Namen zu nennen, fällt den meisten sichtlich schwer. Weiter geht's zum gegenüberliegenden Rathaus, einst das Bahnhofsgebäude, das in der Serie, zum Erstaunen einiger Teilnehmer, als Polizeipräsidium herhält, hierzu wird einfach ein Polizeischild oben rechts über der großen Holztür in die ganzjährig installierte Halterung gesteckt. Das schöne rote Backsteingebäude leuchtet in der Sonne. Einige versuchen von außen zu ermitteln, welche Fenster zu den Büros der Kommissare gehören. Kürschner muss sie enttäuschen, denn am Rathaus werden ausschließlich Außenaufnahmen gedreht. Alle Innenaufnahmen entstammen den Bavaria Filmstudios nahe München. Ein laut knatterndes Motorrad fährt vorbei, Kürschner erklärt, dass solche Geräusche nicht nur ihn, sondern auch die Dreharbeiten beeinträchtigen. Für Rosenheim-Besucher ist es vor allem in den Sommermonaten wahrscheinlich, dass sie die einen oder anderen Dreharbeiten mitverfolgen können. Gedreht wird aber nur bei gutem Wetter, dann eignet sich das Rathaus am besten, um das Geschehen am Set zu beobachten, denn der Platz ist gut einsehbar und mit Bänken ausgestattet. Nächster Halt: der Riedergarten, ein zentraler Stadtpark, der auch schon Opfer forderte, unter anderem eine Stadtführerin, quasi eine Kollegin Kürschners. Wahre Fans, die seit Anbeginn die Serie verfolgen, erkennen, obwohl sie nicht ortskundig sind, den einen oder anderen Tatort und können ihn der richtigen Folge und Staffel zuordnen. Wie nahezu an jeder Station der Führung betont Kürschner die gute Zusammenarbeit des Filmteams und der Schauspieler mit den Stadtführern. Oft nehmen sogar die Schauspieler teil, dann treten die eigentlichen Informationen in den Hintergrund und es gibt lockere Gespräche und ausgedehnte Fotorunden.

Weitaus turbulenter geht es anschließend in der Fußgängerzone zu. Dort gerät das Filmteam mitunter an seine Grenzen. So gut wie jedes der malerischen, stuckverzierten Stadthäuser, die diesen Platz einrahmen, hat bereits eine besondere Rolle in der Serie eingenommen; deshalb geht so langsam das Material an Außenfassaden aus. Teilweise werden Kulissen zusammengeschnitten, so dass man auch als Stadtführer um Häuser schleicht und nach dem einen oder anderen Eingang sucht, den es in Wirklichkeit nicht gibt. Problematisch wird es auch, wenn aufgrund der Dreharbeiten zeitweise kurze Straßenabschnitte oder Durchgänge gesperrt werden. "I kimm nimma durch und verpass' dann a no den Bus", empört sich eine junge Frau. Solche Störungen seien aber die Ausnahme.

Die vorletzte Station befindet sich wenige Meter weiter am Nepomuk-Brunnen. Von hier hat man einen wunderschönen Überblick über unzählige Tatorte. Angefangen von einer Eisdiele über einen der ältesten Herrenausstatter der Stadt bis hin zur Wirkfläche eines mörderischen Apothekers, dem natürlich das Handwerk gelegt wurde. Jedes Haus erzählt für Kenner eine mörderische Geschichte. Die Führung endet im Schatten des Mittertors, eines ehemaligen Stadttors. Kürschner erhält seinen verdienten Applaus und verteilt Postkarten als Souvenir.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.2018, Nr. 281, S. 26 - Vanessa von Campe

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