Wir sind stolz darauf, dass Faust hier in Staufen ums Leben gekommen ist", erklärt Stadtarchivar Jörg Martin. Der im Breisgau am Fuß des Schwarzwalds gelegene Ort Staufen mit dem Titel "Fauststadt" ist geprägt von mittelalterlichen Häusern, die mit der Traufseite zur Straße stehen. Die steinernen Fassaden führen an der Marktstraße entlang einer S-Kurve ins Herzen der Stadt. Entlang der Straße ziehen sich rechts und links kleine plätschernde Bachläufe, und an dem einen oder anderen Haus lässt sich erkennen, dass Faust hier überall vertreten ist: ob in der Faust-Apotheke, in dem mit Faust-Talern ausgelegten Schaufenster einer Bäckerei oder einem Dekor-Laden mit dem liebevollen Namen "Faust und Gretchen". Am Ende der Marktstraße, kurz vor dem Marktplatz, sticht ein Wandgemälde an der sorgfältig ausgebesserten Fassade des Gasthauses Löwen deutlich hervor: Es zeigt den Moment, in dem Mephisto, gekleidet in einer Junkerstrachtund unterstützt von einem geflügelten Gehilfen, dem am Boden liegenden Faust das Genick bricht. "Hier im Löwen ist Faust gestorben", sagt Martin, der sich von Berufs wegen mit der Stadtgeschichte auseinandersetzt. Seit neun Jahren ist er in Staufen tätig. Nach einer dreijährigen Ausbildung zum Diplom-Archivar zählen zu seinen Hauptaufgaben das Sichten und Ordnen der städtischen Dokumente. Dabei geht es sowohl um die Unterstützung der aktuellen Verwaltung als auch um historische Forschungsarbeiten über Ereignisse oder alte Eigentumsrechte. Martin holt die älteste Schrift aus dem Archiv und zeigt eine auf Pergament geschriebene, gut erhaltene Schuldaufnahme eines Bauern: "Zwar scheinen die meisten Dokumente des Archivs für den Laien belanglos, doch sie verraten viel über das Leben der vorherigen Generationen und sind somit von großem Wert."
So fasziniert Martin von dem StaufenerLeben ist, so abgeneigt ist er gegenüber jeglicher Mutmaßung um Faust: "Wie Faust genau gestorben ist, darüber kann man nur spekulieren." Die Geschichte der Stadt beginnt im 12. Jahrhundert damit, dass sich die Herren von Staufen auf der Burg niederließen. Zu enormem Reichtum, der ihnen den Bau der eigenen Burg ermöglichte, gelangte die Familie durch den Bergbau, speziell den äußerst ertragreichen Silberabbau, doch am Ende des Mittelalters erlosch der Silberabbau. Der Legende zufolge wurde Faust, der von sich selbst behauptete, Gold herstellen zu können, deshalb von den Herren nach Staufen gerufen. Durch seine Tätigkeit als Alchemist schien seine Behauptung nicht gänzlich unglaubwürdig, zumal er auch ein chemisches Laboratorium besessen haben soll. Als Marktschreier, der auf Jahrmärkten umherzog und für medizinische Produkte oder Horoskope warb, wurde er von den Menschen bewundert, aber auch gefürchtet, da er von sich selbst behauptete, er habe einen Pakt mit dem Teufel. Deshalb wurde er nicht auf der Burg der Herren von Staufen untergebracht, sondern in der Stadt im Gasthaus Löwen im Zimmer 5, wo er laut Legende vom Teufel Mephisto geholt wurde. Für die Staufenerwar das teuflische Bündnis aufgedeckt, als Faust dort mit zum Rücken hin verdrehtem Kopf tot aufgefunden wurde. Heutzutage wird vermutet, dass Faust bei einem Experiment, womöglich auch zur Goldherstellung, gestorben ist, der vermeintlich teuflische Tod also eher ein versehentlicher Laborunfall war.
Mit der Behauptung, im Bunde mit dem Teufel zu stehen, verkündete Faust auf Jahrmärkten Sensationelles und erregte Aufsehen. Daher ist es umso erstaunlicher, dass es kaum schriftliche Quellen zu Faust gibt und am wenigsten davon in Staufen. Martin bestätigt: "Faust war zwar schon zu Lebzeiten eine Legende, aber in Staufen gibt es kein einziges schriftliches Zeugnis über ihn." Die Legende um Faust wurde hauptsächlich mündlich und später durch damals populäre Puppenspiele auf Jahrmärkten weitergegeben. Auch Goethe lernte die Legende durch die Puppenspiele kennen. Zwei Quellen berichten allerdings, dass Faust in Staufen ums Leben kam: Ausführungen in der "ZimmerischenChronik", der Chronik eines Adelsgeschlechts aus der Nähe von Rottweil, 90 Kilometer südlich von Stuttgart, decken sich mit mündlichen Überlieferungen in Staufen, nach denen ein Gast des Löwen sich mit dem Teufel verbündet habe und im Zimmer 5 gestorben sei. "Man kann ruhig darin übernachten, es ist seither niemand mehr darin gestorben", lacht Martin. Das berühmte Zimmer ist heute jedoch nicht mehr am Originalplatz. So führt Inhaberin Edeltraud Pilz ihre Gäste in einen mit Originalmöbeln ausgestatteten Nachbau. Dort zieren alte Bilder und Dokumente über Faust die Wände, in der Ecke steht ein kleines hölzernes Bett mit Schnitzerei, die Fausts Kopf darstellt.
"Einen Jahrhunderte alten Gasthof zu führen ist etwas Erfüllendes", schwärmt Edeltraud Pilz. "Da lebt so viel, da haben sich viele Schicksale abgespielt, und dass Faust hier im Zimmer 5 gestorben ist, ist für uns natürlich ein Alleinstellungsmerkmal." Seinetwegen kommen viele Touristen, nicht nur aus dem deutschsprachigen Raum, denn die Faust-Legende sei in England und Asien noch berühmter als in Deutschland. Als Hommage an den berühmten Gast gab es in der Fauststube, die Platz für 20 Gäste bietet, ein weiteres Faust-Gemälde. Das Amt für Denkmalschutz ließ es jedoch abtragen, da die in Staufen auftretenden Gebäuderisse es sonst zerstört hätten. "Bei den Rissen bin ich hinterher wie der Teufel", flucht die Wirtin über die Risse, die sie ständig ausbessern lassen muss, und die Risse am Gemälde der Außenwand seien bei weitem nicht die einzigen. Ursache hierfür sind Geothermiebohrungen, die ursprünglich der Klimatisierung des Rathauses dienen sollten. Bei den Bohrungen kam im Boden vorhandenes Anhydrit mit Grundwasser in Kontakt und quoll dadurch zu Gips auf. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Boden unter der Altstadt um rund 60 Zentimeter gehoben. Dank der mittlerweile eingeleiteten Abwehrmaßnahmen hebt sich der Boden nun nur noch um etwa einen Millimeter im Monat. Von den bedrohlichen Schäden ist auch Jörg Martin betroffen: Das Stadtarchiv musste aufgrund eines Rohrbruchs umgelagert werden.
Trotz der Risse lassen sich Martin, der auch Kulturreferent ist, und die Bewohner der Fauststadt nicht unterkriegen. Sie halten an ihrer Geschichte fest, unter anderem bei den jährlichen Festspielen "Stages", bei denen die gesamte Altstadt zur Bühne wird. Pilz und Martin betonen: "Egal ob bei den Festspielen oder bei der gemeinsamen Bewältigung der Risse, die Staufenerhalten seit Jahrhunderten großartig zusammen."