Drogen sind wie ein Liebhaber", erklärt Willi Peter. "Man hat die schönsten Erlebnisse mit ihnen und ist gierig, mehr davon zu bekommen." Willis Tochter Evi, ein lebensfrohes Mädchen, war lebensgierig, neugierig und vielleicht auch ein wenig leichtsinnig, als sie mit 14 Jahren begann, mit ein paar Jungs Heroin zu nehmen. "Die ersten zwei Male sind unbeschreiblich schön, danach beginnt ein Nachjagen, man braucht mehr und mehr, um das gleiche Gefühl zu erleben - und schon ist man abhängig", sagt ihr Vater. Zwei Jahre kann Evi vor ihren Eltern verheimlichen, dass sie Heroin konsumiert. Erst als sie 16 ist, findet ihre Mutter zufällig ein Buch, in das Evi geschrieben hatte: "Habe heute H genommen, mir wurde sehr schlecht." Natürlich gab es Ärger, aber die Tochter versicherte, das sei eine Ausnahme gewesen.
Irgendwann flogen ihre Schwindeleien auf, sie wurde mehrmals nachts von der Münchner Polizei aufgegriffen und nach Hause an den Stadtrand gebracht. "Leute, die unbedingt Geld für mehr Drogen brauchen, sind sehr erfinderisch und stecken viel Energie in solche Lügen", erklärt Peter. "Oft werden Eltern von ihren drogenabhängigen Kindern aber auch bestohlen, geschlagen oder am Telefon terrorisiert. Evi dagegen hat sich nie etwas von uns genommen, sie war immer lieb und hat zum Beispiel nach Geld gefragt, um etwas nachzuzahlen, oder sie erzählte uns, sie sei schwarzgefahren und so weiter."
Die ganzen 16 Jahre über, in denen sie Drogen nahm, blieb das Verhältnis zu ihren Eltern gut. "Wenn sie clean war, konnte man gut mit ihr reden." So haben die Eltern sie dazu gebracht, selbst einen Entzug machen zu wollen. "Irgendwann kommt fast jeder Drogenabhängige zu dieser Entscheidung", bestätigt Jasmin Thiel, Mitarbeiterin der Drogennotrufstelle München L43. "Sie haben keine Lust mehr auf das Leben, das sie führen, denn die Sucht ist sozusagen wie ein Vollzeitjob: Aus Angst vor dem Entzug muss man dauernd neuen Stoff besorgen, muss Geld verdienen, vor der Polizei wegrennen." Weit über 50 Entzüge hat Evi hinter sich, manchmal im Anschluss auch eine Therapie. Jede einzelne bricht sie ab. Irgendwann wollen die Krankenhäuser solche Patienten nicht mehr aufnehmen. Erst dann sagte Evi, es sei ihr wirklich ernst und wenn es dieses Mal nicht funktioniere, würde sie sich umbringen. Diese ernstzunehmende Entschlossenheit hält jedoch immer nur so lange an, bis sich ihre Verfassung so weit gebessert hat, dass sie sich fit genug fühlt, die Therapie abzubrechen, mit der Überzeugung, nun wieder allein klarzukommen. "Doch sofort nach dem kleinsten Misserfolg macht sich die Unzufriedenheit mit sich selbst wieder breit, und alles beginnt von vorne. Man will seine Probleme so schnell wie möglich vergessen und flüchtet sich in die altbekannte Drogenszene", berichtet Willi Peter. "Irgendwann reicht das Geld für reines Heroin nicht mehr aus. So beginnen die Abhängigen chemische Gemische zu nehmen. Spätestens dann beginnt der sichtbare körperliche Zerfall."
Thiel erklärt: "Zu 30 Prozent werden Drogen über das Internet gekauft, ansonsten aber über die Dealer, was nicht immer der bessere Weg ist. Denn je mehr Dealer den Stoff weitergereicht haben, desto teurer ist er und desto dreckiger, da sich jeder Dealer etwas für sich selbst nimmt und den fehlenden Stoff mit etwas Ähnlichem ersetzt. Wenn man Glück hat, mit Ersatzstoffen wie Backpulver oder Gewürzen, wenn es schlecht läuft, aber auch zum Beispiel mit Ameisengift oder Ähnlichem. Diese Zusatzstoffe haben teilweise sehr starke Auswirkungen wie etwa Durchblutungsstörungen. Immerhin spricht sich so ein Vorfall schnell rum, hier in der Notrufstelle werden Warnungen ausgehängt."
Manche beschaffen sich Tabletten durch Diebstahl. Evi und ihre Freunde beklauten Apotheken: Einer legte sich unter die Ladentheke, ein anderer bestellte etwas beim Apotheker, und während dieser ins Lager ging, steckte der unter der Theke möglichst viele Tabletten ein und haute ab, bevor der Apotheker zurückkam. Sie gingen so weit, die Mülleimer von Krankenhäusern oder Altenheimen nach alten Schmerzpflastern zu durchsuchen, um diese auszukochen und sich den Wirkstoff intravenös zu spritzen. Dies ist natürlich eine riskante Methode, da man nie wissen kann, welchen Wirkstoff die Pflaster genau haben. "Wenn Evi nach Hause kam, kam mit ihr wortwörtlich das Elend herein", berichtet ihr Vater. "Das Schlimmste war, dass man ihr nicht helfen konnte. Ihr Zustand war ein stetiges Rauf und Runter. Viermal erlitt sie einen Herzstillstand. Immer haben Freunde, die zum Glück anwesend waren, im letzten Moment den Notarzt gerufen. Nach der Frage, was sie denn genommen habe, bekam sie dann eine Spritze und war nach zwei bis drei Minuten wieder komplett fit, das war unglaublich." Nach solchen Vorfällen ermahnt ihr Vater sie manchmal, über ihre Aufgabe im Leben nachzudenken, es als Chance anzusehen, dass sie überlebt hat, und dass dies doch einen Sinn haben müsse.
"Für Eltern ist die Belastung schlussendlich irgendwann so hoch, dass sie physische Probleme bekommen, zum Beispiel Magenschmerzen", erklärt Peter. "Zudem gehen viele Ehen von drogenabhängigen Kindern zu Bruch, da sie sich über den Umgang mit dem Kind nicht einigen können, aber auch weil die nagende Angst um das Leben des Kindes nicht mehr gemeinsam auszuhalten ist." Er hat deshalb im Münchner Norden einen lokalen Elternkreis für Mütter und Väter drogenabhängiger Kinder gegründet. "Die meisten wollen einfach nur hören, dass alles gut werden kann, aber es gibt nicht diesen einen Schalter. Man muss sich mit dem Problem auseinandersetzen und Schulungen besuchen, mit Psychiatern sprechen", sagt Peter. Für ihn ist der Zusammenhalt mit seiner Frau wichtig, sich mit ihr auszutauschen und abzusprechen.
Irgendwann zog Evi aus, so trennt sich ihr Weg ein wenig von dem ihrer Eltern. Sie wurde Arzthelferin und war geschätzt von ihren Patienten, bis sie eines Tages gefeuert wurde, da sie sich immer selbst Medikamente verschrieb. "Ein paarmal war sie auch im Gefängnis, das geht mit dem Diebstahl einher. Man muss aber sagen, dass es ihr dort immer am besten ging, weil sie dann längere Zeit clean war." Nach ein paar Jahren bekam sie ein Kind mit ihrem damaligen Freund und war längere Zeit mit ihrer Tochter im Gefängnis. "Zu dieser Zeit hatten wir wieder richtig Hoffnung, dass es ihr irgendwann wieder bessergehen könnte und sie es vielleicht schafft, mit der Sucht umzugehen", erinnert sich der Vater. Die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Eines Tages kam ein Anruf, Evi sei tot auf der Straße zusammengebrochen. Ihr Immunsystem konnte eine Lungenentzündung nicht mehr abwehren. "Rückblickend betrachtet, war alles einfach nur unendlich traurig. Und trotzdem lieben wir unsere Tochter Evi bis heute noch."
Evis Tochter, die sieben Jahre alt ist, wohnt bei ihren Großeltern. "Bisher weiß sie noch nicht so richtig über ihre Mutter Bescheid, aber wir werden immer mehr Sachen in den Raum setzen, so dass sie von sich aus anfängt zu fragen", erklärt ihr Großvater. "Wenn sie dann fragt, ist es wichtig, ihr die Wahrheit zu erzählen."
Die Frage, wie man seine Kinder vor Drogen beschützen kann, ist für ihn schwierig: "Für mich ist das Konsumieren von harten Drogen eine Krankheit. Vor allem Jugendliche können daran erkranken. Die Rückfallquote bei stärkeren Drogen ist sehr hoch, und wenn diese Krankheit bis zum dreißigsten Geburtstag nicht besiegt wurde, ist eine Heilung ab diesem Alter sehr, sehr schwierig." Jasmin Thiel sagt: "Den klassischen Drogenkonsumenten gibt es nicht. Es gibt einfach viele Faktoren, die zusammenspielen, wie die Sozialsituation, Kindheitserlebnisse und die Haltung zu diesen Mitteln, zum Beispiel ob man sich leicht verleiten lässt oder ob einen einfach der Kick des Verbotenen anspricht." Evis Vater kann dies bestätigen: "Viel kann man nicht machen. Evi schrieb beispielsweise auch immer in ihre Klinikberichte, sie hätte eine gute Jugend gehabt. Wenn aber dann Langeweile mit Neugier und dem jugendlichen Unsterblichkeitsgefühl zusammentrifft, sind die Eltern fast machtlos. Man kann höchstens schauen, dass die Kinder sich sinnvoll beschäftigen, zum Beispiel Sport oder Musik machen. Am Wichtigsten ist es aber, mit ihnen in Kontakt zu bleiben und ihnen zu zeigen, dass man auch in schwierigen Situationen für sie da ist."