"Drogen nehmen ist wie russisches Roulette"

Mal wieder ist Shopping auf den sauberen Straßen der sichersten Innenstadt Deutschlands angesagt. Touristen aus der ganzen Welt bestaunen das Rathaus am Münchner Marienplatz. Im starken Kontrast dazu steht die in den letzten Jahren hohe Zahl an Drogentoten, auch wenn diese im letzten Jahr von 64 auf 44 Todesfälle zurückgegangen ist. Wenn sich die Drogenabhängigen einsam fühlen oder sie einfach eine saubere Dusche brauchen, kommen sie in den Drogennotdienst L43, der nur wenige Straßen entfernt vom Hauptbahnhof zwischen türkischen Restaurants und Friseuren liegt.

Das Team von 20 pädagogischen Fachkräften kümmert sich rund um die Uhr um die Hilfsbedürftigen. "Im Kontaktladen ist es ähnlich wie in einer Kneipe", sagt Jasmin Thiel, die in Berlin Sozialarbeit studiert hat und hier nach einem Schichtplan arbeitet. An der Theke hängt ein Schild "Spritzentausch", es riecht nach Rauch. Auf einem Barhocker sitzt vornübergebeugt ein junger Mann mit einer Kopfverletzung, der von einem Mitarbeiter aufgefordert wird, sich kurz auf die Couch zu legen.

"Die meisten hatten eine schwere Kindheit und Jugend oder haben ein schlechtes Familienleben", sagt Jasmin Thiel. "Die Menschen befinden sich in einer Scheiß-Situation und wollen daraus entfliehen. Diesen Schmerz betäuben sie dann einfach mit den Drogen für einen kurzen Zeitraum." Während des Rausches schüttet der Körper das Glückshormon Dopamin aus. Nach dem Trip fällt man allerdings in ein noch tieferes Loch als zuvor und will wieder in diese befreienden Stunden zurück. "Das ist wie beim Küssen: Der Körper will Schönes immer wieder wiederholen", sagt Thiel. Dadurch entwickelt sich im Laufe der Zeit das sogenannte Suchtgedächtnis. Gehirn und Körper möchten die Einnahme wiederholen, da die Wirkung als positiv empfunden wird. Psychoaktive Substanzen stimulieren das Belohnungszentrum auf unterschiedliche Weise, aber stets besonders intensiv, "schnell entsteht eine Abhängigkeit", erklärt die blonde 43-Jährige. Mögliche Folgen eines langjährigen Konsums sind nicht nur der Verlust der Arbeit und im schlimmsten Fall der Wohnung, sondern auch eines intakten sozialen Umfelds und Freundeskreises. Ein Teufelskreis kommt in Gang, die Konsumenten verlieren ihren Kampfgeist gegen die Abhängigkeit, denn sie sehen "eh keinen Wert" in einem Entzug oder einer Änderung ihrer Lebensweise.

Doch nicht nur gefährliche Drogen wie Heroin, Kokain oder Cannabis werden konsumiert und gedealt, sondern in den vergangenen Jahren auch immer mehr die unberechenbareren, synthetischen Drogen, wie Badesalze oder Crystal Meth. Crystal-Meth, das glücksgefühlsteigernd aber schnell abhängig machende Metamphetamin, wird in Europa hauptsächlich in kleinen Chemielaboren in Tschechien zu geringen Kosten hergestellt. Geld ist bei den Konsumenten meist knapp, weshalb sich diese billigen Drogen anbieten. Auch die als Badesalze oder Kräutermischungen übers Internet verkauften Partydrogen sind um einiges gefährlicher als ihr Name. Ihre Wirkung ist unberechenbar, und es kursieren wahre Horrorgeschichten, vor allem aus den Vereinigten Staaten über Selbstverstümmelungen, Gewalttaten und Menschen im völligen Rausch. "Drogen nehmen ist wie russisches Roulette", sagt die leicht tätowierte Mitarbeiterin, "man kann nie wissen, was genau drin ist, und die Drogen verändern sich regelmäßig." Der Kontaktladen im L43 ist neben der Notschlafstelle und der 24-Stunden-Beratung ein wichtiger Bestandteil des Drogennotdienstes. Dort stehen Sofas, auf denen zwei Männer Schach spielen, es gibt einen Kicker und eine Küche. An der Theke findet neben einem Glas Kondome der Spritzentausch statt. Hierbei geht es darum, dass die Klienten und Klientinnen mit sauberem Besteck konsumieren können und sich nicht mit Krankheiten wie Hepatitis und HIV anstecken. Gegen ein altes, benutztes Besteck kriegen sie kostenlos ein neues, damit gefährliche Spritzen nicht auf der Straße liegen bleiben und zum Beispiel Kinder nicht damit spielen. Der Spritzentausch dient der Schadensminderung, das heißt, dass der Tausch Menschen nicht ermutigen soll, Drogen zu nehmen, sondern dass Krankheiten oder andere vermeidbare Gefährdungen minimiert werden.

In den bis zu drei Monaten, in denen die Abhängigen im L43 übernachten können, lassen viele die Zeit verstreichen, anstatt sich etwas Neues aufzubauen. Danach werden sie auf die Straße entlassen. Doch sie kommen immer noch häufig in den Kontaktladen, um Spritzen zu tauschen oder Freunde zu treffen. "Konsumfreunde" sind allerdings etwas anderes als normale Freunde. "Es ist ein ständiges Auf und Ab", sagt Jasmin Thiel. Wenn man guten Stoff hat, zieht man sich lieber allein zurück, anstatt es brüderlich zu teilen. Wenn allerdings gegen die Grundregel im L43, "kein Drogenhandel", verstoßen wird, halten alle zusammen gegen den Betreuer.

Für Thiel und ihre Kolleginnen und Kollegen ist es schwer mit anzusehen, wenn die Betroffenen immer weiter abstürzen. "Aber was man im Hinterkopf behalten sollte, ist, dass die Sucht eine Krankheit ist und es viel Willen und Kraft braucht, um diese zu besiegen." Im seltenen Fall, wenn doch jemand an den Drogen stirbt, sind die Mitarbeiter betroffen. In diesem Fall kann man im Team darüber sprechen oder eine Einzelsupervision bekommen. Die Mitarbeiter treffen sich alle drei bis vier Wochen zu einer Supervision. "Insgesamt macht der Job extrem Sinn, das ist anders als bei H& M Klamotten einsortieren."

Da es in Bayern keine legalen Räume für den Drogenkonsum gibt, wurde viel in den sogenannten Katakomben konsumiert. Das sind verlassene Gänge und Schächte unter dem Münchner Hauptbahnhof, in denen man sich ungestört einen Schuss setzen konnte. Allerdings sind diese Gänge so unüberschaubar, dass man bei einer Überdosis schwer Hilfe holen konnte. Jetzt hat die Polizei die Katakomben geräumt, aber das Problem ist nicht aus der Welt. Junkies werden sich wieder einen Ort suchen, an dem sie erst ungestört konsumieren können und sich früher oder später Anwohner über den Gestank und Dreck beschweren. Eine Lösung wären Konsumräume, wie es sie zum Beispiel in Frankfurt am Main oder Berlin schon lange gibt. In diesen wird der Konsum medizinisch überwacht, und bei Notfällen kann sofort eingegriffen werden. Allerdings verbietet die Regierung von Bayern Drogenkonsumräume, da diese einerseits laut dem bayerischen Ministerium für Gesundheit die Anzahl der Drogentoten nicht drastisch senken würden und andererseits ein Ort, an dem das Konsumieren von illegal beschafften Substanzen erleichtert werde, im Gegensatz zur strengen Drogenpolitik in Bayern stünde. Laut Bundesgesetz sind Konsumräume erlaubt und müssen nur durch eine Länderverordnung abgesegnet werden.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.12.2018, Nr. 287, S. 30 - Leonie Disse

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