Ich lebe, was andere sich in Dokus anschauen", sagt Sam (Name geändert) stolz. Zum Interview erscheint der Bremer in einer italienischen Designerjacke, einer mit einem Polospieler bestickten Jogginghose sowie einer auffälligen Goldkette um den Hals. Der 18-Jährige zieht an einer Zigarette. Neben gelegentlichen Straffälligkeiten zählen der Verkauf von Cannabis und Haschisch zu den Haupteinkünften des angehenden Fachabiturienten.
Er habe vor zwei Jahren seinen Realschulabschluss gemacht, um dann auf eine andere Schule zu wechseln. Dorthin geht er zwei Tage die Woche, die restlichen drei in einen Betrieb seiner Wahl. Gleichzeitig erzielt Sam mit Minimalaufwand bis zu 200 Euro Gewinn am Tag. Wie früher auf Abruf mit dem Fahrrad herumzufahren und auf Kunden zu warten ist heute keine Option mehr für den Schüler. Er beschränkt die Treffen mit seinen Kunden auf ein Minimum, um möglichst keine große Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die Szene in seiner Heimatstadt empfindet er als rasch wachsend, ob Alt oder Jung, Reich oder Arm, ihm scheint, als werde die Droge immer populärer. Zudem sei gegenseitiges Vertrauen unerlässlich und Risikobereitschaft individuell nach Profit abzuwägen. Er berichtet über seine persönliche Affinität zur Droge sowie über Fälle, in denen selbst beim Handel im großen Stil seine Freunde mit einer Bewährungsstrafe davongekommen seien. "In den meisten Fällen kann ja gar nicht nachgewiesen werden, was wirklich abgeht." Für ihn steht fest, dass er eine Anzeige, Bewährungsstrafe oder gar eine Haftstrafe abhängig vom Profit in Kauf nehmen würde.
Sam ist ein Beispiel dafür, wie begehrt Cannabis unter Jugendlichen ist. Zur Herstellung können ausschließlich Pflanzenteile der weiblichen Hanfpflanze als Rauschmittel verwendet werden, unterschieden wird das umgangsprachlichbezeichnete Marihuana oder Gras vom Haschisch. Während Haschisch ein aus Pflanzenteilen gewonnenes Extrakt darstellt, wird unter Marihuana die getrocknete Mischung aus Blüten mit den unbefruchteten Blütenständen verstanden. Der in Deutschland vorgesehene maximale Wirkstoffgehalt liegt bei 0,3 Prozent Tetrahydrocannabinol.
Als Scheidungskind lebt Sam zusammen mit seinen zwei Geschwistern bei seiner Mutter. Zu seinem Vater hat Sam seit zwölf Jahren keinerlei Kontakt, weshalb die Verbindung zur Mutter umso stärker ist, beteuert er. Anders als seine Mutter möchte er später für seine Familie uneingeschränkt sorgen können. Heute genießt er es, sich ab und an etwas leisten zu können. Eine Gemeinsamkeit zwischen ihm und seinem älteren Bruder ist das Dealen.
Im Gespräch wirkt der Bremer erleichtert über seine eigene Veränderung. "Früher war ich eher der Stubenhocker, der gern zu Hause allein gezockt hat." Aber als er dann mit Freunden unterwegs gewesen sei, habe er "viel gelacht". Da seien "viele schöne Erinnerungen" entstanden, erklärt er grinsend. Die Auswirkungen beim Konsum von Cannabis können von der Ausgangsstimmung des Konsumenten abhängig und somit unterschiedlich sein. Hierbei können Verluste des räumlichen Befindens auftreten. Bei regelmäßigem Konsum können Anzeichen einer psychischen Abhängigkeit oder einer Konzentrationsschwäche auftreten. Lethargie, Realitätsverluste oder Depressionen können ebenfalls die Folge sein. Bei Jugendlichen kann der Konsum der Droge nicht nur die Entwicklungen der Gehirnstrukturen, sondern auch die neurokognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.
Sam konsumiert, seitdem er 14 Jahre alt ist, täglich Marihuana. Trotz vieler Abenteuer, Spaß und Adrenalin gebe es für ihn auch Schattenseiten, sagt er. Während am Tag alles gut sei, wache er des Öfteren nachts mit der Erwartung auf, die Polizei am Fuße seines Bettes stehen zu haben. Paranoia gehöre zum Alltag.