Auf leisen Sohlen

Der hohe Stall ist nach hinten komplett geöffnet, so dass man eine Wiese und Bäume sieht. 30 Kamele laufen gemächlich herum, liegen auf dem Boden oder fressen. Es riecht nach Stroh und Heu. Das Landgut mit dem Hof in Grub, gelegen etwa 40 Kilometer südöstlich von München, gehört dem Ehepaar Konstantin und Bianca Klages, die dort Aktivitäten mit den exotischen Tieren anbieten.

Konstantin Klages' Vater war in der Werbebranche tätig. "Er hat einfach gaudihalber drei Kamele aus dem Zirkus übernommen", erzählt sein heute 32 Jahre alter Sohn. Als Jugendlicher hat er angefangen, die Kamele einzureiten und erste Touren mit ihnen anzubieten, was gut angenommen wurde. Nach dem Abitur hat Konstantin sich mit dem Kamelhof selbständig gemacht. Heute leben auch Esel, Ziegen, Schafe und Pferde auf 35 Hektar harmonisch miteinander.

Mit den Kamelen werden hauptsächlich Reittouren angeboten, die vor allem für Kindergeburtstage gebucht werden. "Wir ersticken tatsächlich fast in Arbeit." Zwölf Leute packen mit an. Im Stall bürstet eine Mitarbeiterin die Kamele, denn später kommen 40 Kinder zu einem Ferienprogramm. Kamele kommen aus Zentralasien und Nordafrika. Dort herrschen oft extreme Temperaturen. "Es wird hier nie so heiß wie in den Herkunftsländern, und es wird nie so kalt wie in den Herkunftsländern", erklärt Miteigentümerin Bianca Klages. Die sportlich gekleidete Oberbayerin war früher die nächste Nachbarin. "Ich fand das total toll, weil ich ein totaler Tiermensch bin", erzählt die freundliche 26-Jährige begeistert. Der geräumige Stall mit den Kamelen ist nur mit einigen Holzpfählen vom Rest der Halle abgegrenzt. Man kann ohne Probleme zu den Kamelen gehen und sie streicheln, da sie zahme Tiere sind.

Gerade geht Max entspannt durch den Stall. Das Trampeltier ist mit 1100 Kilogramm das schwerste Kamel auf dem Hof. "Der ist definitiv zu fett", stellt Konstantin fest. Bei der Haltung von Kamelen muss hauptsächlich darauf geachtet werden, dass sie trocken stehen, um Fußentzündungen zu vermeiden, und nicht zu viel fressen. Beides gestaltet sich aufgrund der üppigen Vegetation in Bayern ein wenig schwierig, ist aber machbar.

Die Kindergruppe ist angekommen. Acht der Kamele wurden bereits Sattel aufgesetzt und Halfter umgebunden. Sie werden in einer Reihe aufgestellt, damit sie als Karawane losziehen können. Als Erstes werden die Trampeltiere von den Kindern gebürstet. Einige trauen sich zunächst nicht an die mächtigen aber harmlosen Tiere heran, wagen sich dann aber doch vor. Nach dem Bürsten werden die ersten Kinder zwischen die Höcker gesetzt, die anderen gehen voraus oder führen Esel und Lamas mit sich. Die Tour durch das Mangfalltal beginnt.

Wenn man hinter den Kamelen herläuft, sieht man, dass sie beim Laufen immer hin und her schwanken. "Deswegen nennt man sie auch Wüstenschiffe", erklärt einer der Kameltreiber. Überraschenderweise sind die Kamele selber kaum hörbar. Sie besitzen nämlich sogenannte Schwielensohlen, das heißt, sie gehen auf einer zähen, ledrigen Hornhaut, die extrem elastisch ist und fast keine Geräusche macht. "Man hat oft Filmaufnahmen von Kamelen, die durch den Sand galoppieren, und unterlegt ist dann als Sound Pferdehufgeklapper, was sich für mich total dämlich anhört", amüsiert sich Bianca, die die hintere Hälfte der Karawane an einem Strick anführt.

Die Kamele schwanken gemütlich durch das bewaldete Gebiet. "Wir kommen teilweise richtig nah an die Rehe ran, weil die Kamele eben so extrem ruhig sind", erzählt sie. Kamele sind sanfte Tiere und lassen sich kaum aus der Ruhe bringen. Deswegen werden sie auch als Therapietiere genutzt, es sind immer wieder Autistengruppen zu Besuch oder auch Burnout-Patienten. Kamele eignen sich da besonders gut, weil sie so gut wie nie temperamentvoll oder hibbelig sind.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.12.2018, Nr. 293, S. 27 - Katharina Galas

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